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Tschechien und Russland:Zwei Explosionen zu viel

Tschechien - Ausweisung russischer Diplomaten

Von "staatlichem Terrorismus" sprechen tschechische Politiker. Bürger demonstrierten am Sonntag vor Russlands Botschaft in Prag wegen der mutmaßlich vom russischen Geheimdienst verübten Anschläge.

(Foto: Petr David Josek/dpa)

Prag beschuldigt russische Geheimdienstoffiziere schwerer Anschläge auf Munitionslager und weist Diplomaten Moskaus aus. Der Kreml ist erbost - und wirft tschechische Diplomaten aus dem Land.

Von Silke Bigalke und Viktoria Großmann, Moskau/München

Die russische Gefahr - seit Jahren warnt der tschechische Geheimdienst BIS eindringlich davor. Am Wochenende lieferte er nun ein konkretes Beispiel für die Sicherheitsbedrohung, die von russischen Agenten auf tschechischem Boden ausgehe. Am 16. Oktober 2014 explodierten 50 Tonnen Munition in einem Lager nahe dem Ort Vrbětice im Südosten Tschechiens, zwei Menschen starben dabei. Im Dezember 2014 gab es eine weitere Explosion, die Ortschaft musste evakuiert werden. Der BIS will nun die Ursache der Explosionen gefunden haben.

Zwei russische Agenten des Militärnachrichtendienstes GRU seien dafür verantwortlich, erklärten am Wochenende Premier Andrej Babiš und Innenminister Jan Hamáček, interimsweise auch Außenminister, in einer außerordentlichen Pressekonferenz. Demnach seien die beiden Agenten auf das Gelände der Firma Imex Group vorgedrungen und hätten die Kisten entsprechend präpariert. Wie das tschechische Magazin Respekt ausführt, handelte es sich um eine Lieferung für die ukrainische Regierung. Sie gehörte demnach dem bulgarischen Waffenhändler Emilian Gebrew, der einen Kaufvertrag mit der Ukraine geschlossen hatte. Auf ihn wurden 2015 zwei Giftanschläge mit Nowitschok verübt. Nach anderen Berichten soll es sich um eine Lieferung nach Syrien gehandelt haben.

Einen "Akt von staatlichem Terrorismus" nennt Senatspräsident Miloš Vystrčil die Tat in Vrbětice, der frühere Premier Bohuslav Sobotka spricht vom "weitreichendsten Anschlag Russlands auf tschechischem Boden" seit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. "Es ist ein historischer Moment, und wir müssen reagieren."

Das tat sein Nachfolger Babiš auch. In derselben Pressekonferenz verkündete er, 18 russische Diplomaten, die als Geheimdienstagenten gelten, müssten innerhalb von 48 Stunden das Land verlassen. "Ich denke, das ist eine angemessene Reaktion", sagte Babiš und unterstrich: "Wir haben alle russischen Agenten ausgewiesen." Moskau reagierte binnen weniger Stunden mit der Ausweisung von 20 tschechischen Diplomaten, die Russland innerhalb nur eines Tages verlassen sollten.

Die Fahndung nach zwei Russen läuft. Sie sollen auch Giftanschläge begangen haben

Noch während der Pressekonferenz veröffentlichte die tschechische Polizei eine Fahndung nach zwei Männern mit russischem Pass. Sie sollen den Anschlag auf das Munitionslager ausgeführt haben. Demnach handelt es sich um dieselben Männer - Offiziere des russischen Militärgeheimdienstes GRU - die im März 2018 Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury vergiftet haben sollen. Zumindest benutzen sie dieselben Scheinidentitäten wie die Attentäter in Salisbury. Skripal war selbst GRU-Oberst gewesen, aber dann zum britischen MI6 übergelaufen. Die beiden Männer gehören vermutlich der Einheit 29155 des GRU an, über die 2019 zuerst die New York Times berichtet hatte.

Diese Einheit ist demnach eine geheime Gruppe ehemaliger Soldaten mit der Aufgabe, Sabotageakte, Attentate, Umsturzversuche im Ausland auszuführen. Die Zeitung zitierte damals westliche Geheimdienste: Ihnen zufolge ist das Ziel der Einheit 29155, europäische Länder zu destabilisieren und so die Europäische Union zu schwächen. Der Einheit wird neben den Attentaten auf Skripal und den Waffenhändler Gebrew beispielsweise auch der missglückte Staatsstreich in Montenegro 2016 zugeschrieben.

Moskau erklärt, die Vorwürfe der Regierung in Prag seien "unbegründet und erfunden". In einer Erklärung des russischen Außenministeriums heißt es, sie seien die "Fortsetzung einer Reihe antirussischer Aktionen", Tschechien habe sich dabei von den USA beeinflussen lassen. Um Washington zu gefallen, "haben die tschechischen Behörden in dieser Hinsicht sogar ihre Herren hinter dem Ozean übertroffen".

Maria Sacharowa, Sprecherin des Außenministeriums, verbreitete noch eine weitere Theorie: Prag habe mit seinen Anschuldigungen von einem angeblichen Staatsstreich in Belarus ablenken wollen. Demnach hat der russische Inlandsgeheimdienst FSB mit zwei Festnahmen am Samstag in Moskau einen Anschlag auf den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko vereitelt. Lukaschenko erklärte später, FBI oder CIA steckten wohl hinter der Sache.

"Wir haben noch nie in unserem Leben solche Dinge gemacht."

Wladimir Dschabarow, der erste stellvertretende Vorsitzende des Komitees für internationale Beziehungen im russischen Föderationsrat, sagte zu den Anschuldigungen aus Prag: "Wir haben noch nie in unserem Leben solche Dinge gemacht. Wozu sollten wir etwas in Tschechien sprengen?" Das sei alles frei erfunden - um die Amerikaner zu unterstützen. Die Beziehungen Russlands zu den USA sind an einem Tiefpunkt. Am Donnerstag verhängten die USA weitere Sanktionen, beide Länder wiesen gegenseitig Diplomaten aus.

Die Beziehungen zu Tschechien sind schon lange angespannt. Staatspräsident Miloš Zeman gilt zwar als ausgewiesener Freund Russlands, viele andere Politiker aber äußern sich kritisch. Bereits vor einem Jahr mussten russische Diplomaten Tschechien verlassen. Drei Prager Bürgermeister erhielten damals Polizeischutz aus Furcht vor Attentaten durch russische Geheimdienstler. Die Nato, Deutschland, Polen und die Ukraine erklärten mittlerweile ihre Unterstützung für Tschechien.

© SZ/bac
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