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US-Wahlkampf:Trumps Traum vom pompösen Parteitag

Donald Trump auf dem Parteitag 2016 in Cleveland

So wie 2016 in Cleveland würde sich Trump auch 2020 gerne zum Kandidaten der Republikaner küren lassen.

(Foto: AP)

Die Demokraten haben den Nominierungsparteitag für Joe Biden auf ein Mindestmaß geschrumpft. Die Republikaner aber arbeiten immer noch an der größtmöglichen Bühne für den US-Präsidenten. Das könnte zum großen Flop werden.

Von Thorsten Denkler, New York

Wer sich Bilder von vergangenen Parteitagen der Republikaner und Demokraten vor Augen führt, der sieht vor allem dies: ein riesiges Spektakel. Bis zu 50 000 Menschen sind in normalen Zeiten auf so einer Convention.

Als Delegierte, Amtsträger, Spindoktoren, Reporter, Kameraleute, Techniker und wer sonst noch so alles gebraucht wird, damit nach knapp vier Tagen politischer Reden endlich die finale Entscheidung fällt, die Nominierung des Kandidaten für die kommende Präsidentschaftswahl. Dann fallen Tausende Ballons und Tonnen von Glitterstreifen von der Hallendecke.

Die Menschen in der pickepackevollen Halle liegen sich in den Armen, manche mit Tränen in den Augen. Es sind emotionale Momente wie diese, mit denen die US-Amerikaner in die heiße Phase des Wahlkampfes geschickt werden.

Dieses Jahr aber ist alles andere als normal. Die Corona-Pandemie hat die USA mit voller Wucht getroffen. Erst die Westküste, dann noch härter die Ostküste. Jetzt auch den Süden. Die Zahlen steigen in manchen Bundesstaaten wieder exponentiell.

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Die Demokraten haben schnell verstanden, dass sie ihren Parteitag nicht wie gewohnt werden abhalten können. Der Ort bleibt: Milwaukee in Wisconsin. Aber ansonsten ist alles anders.

Um sich Zeit zu verschaffen, haben die Demokraten den Parteitag zunächst von Mitte Juli auf Mitte August verschoben. Dann von einer großen Halle in eine kleine Halle. Erst wurde den Delegierten noch freigestellt, persönlich nach Milwaukee zu kommen. Jetzt ist klar, dass der Parteitag wohl weitgehend virtuell stattfinden wird. Selbst die Idee, dass es Mini-Parteitage in den einzelnen Bundesstaaten geben soll, die dann via Bildschirm zugeschaltet werden, ist inzwischen vom Tisch. Keine unnötigen Menschenansammlungen, bitte.

Joe Biden soll zwar seine Nominierungsrede vor Ort halten. Ob das aber vor Publikum passiert, ist noch offen. Alle Abstimmungen werden noch vor dem Beginn des Parteitages am 17. August online erfolgen. Vom gewohnten Pomp und Gloria ist das alles weit entfernt.

Donald Trump hingegen hofft noch immer auf den ganz großen Auftritt. Ginge es nach ihm, dann würde der Parteitag wie geplant Ende August in Charlotte, North Carolina, über die Bühne gehen. Mit den gleichen prächtigen Bildern wie 2016, als er zum ersten Mal nominiert wurde.

Roy Cooper, demokratischer Gouverneur von North Carolina, hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Cooper wollte den Parteitag nicht genehmigen ohne einen akkuraten Plan für den Gesundheitsschutz. Wenigstens die Vorgaben der Gesundheitsschutzbehörde des Bundes, der CDC, sollten eingehalten werden. Also: Maskenpflicht, Abstandsgebot und deutlich weniger Besucher.

Darauf wollte Trump sich nicht einlassen. Er will eine Halle voll mit lauthals jubelnden Menschen. Ein Albtraum für jeden Epidemiologen.

Die Republikaner haben letztlich entschieden, dass der sogenannte "Business-Teil" der Convention in Charlotte verbleibt. Da treffen sich dann etwa Amtsträger und Funktionäre in den üblichen Hinterzimmer-Runden. Der pompöse Teil mit den Reden und dem Glitter und Trumps Nominierungsrede aber soll in Jacksonville in Florida stattfinden.

Ein Albtraum für jeden Epidemiologen

Das alleine klingt für erfahrene Parteitagsorganisatoren wie ein Himmelfahrtskommando. Normalerweise bereiten Partei, Bundesbehörden und das lokale Gastgeber-Komitee so einen Parteitag lange vor, sagt David Gilbert, der 2016 Präsident des Gastgeber-Komitees für den republikanischen Parteitag in Cleveland war, dem Sender CNBC. Cleveland etwa wurde zwei Jahre vor Beginn des Parteitags als Gastgeber-Stadt ausgewählt. Jacksonville hat nur wenige Wochen Zeit. Und das auch noch unter der dramatischen Randbedingung einer Pandemie.

Als die Entscheidung für Jacksonville fiel, stiegen die Corona-Zahlen in Florida bereits langsam. Die Verantwortlichen hätten ahnen können, dass das nicht lange so bleiben wird. Aber sie haben wie viele andere die Macht exponentiellen Wachstums unterschätzt.

Inzwischen ist der von Republikanern geführte Staat zum neuen Corona-Zentrum in den USA aufgestiegen. Am Sonntag wurden dort mehr als 15 000 Neuinfektionen in 24 Stunden registriert, neuer Rekord für die USA. Die Krankenhäuser füllen sich mit schweren Covid-19-Fällen. Die Todesrate steigt. Auch weil hier unter dem Applaus des US-Präsidenten viel zu früh Restaurants und Geschäfte wieder aufmachen durften.

Einige republikanische Senatoren haben inzwischen angekündigt, nicht nach Jacksonville zu reisen. Darunter Chuck Grassley aus Iowa. Der mit 86 Jahren älteste republikanische Senator sagte, er habe seit 1980 keinen Parteitag verpasst. Aber wegen der Pandemie werde er in diesem Jahr nicht dabei sein.

Inzwischen wird darüber nachgedacht, den Parteitag in ein Open-Air-Stadion zu verlegen. Diverse Lokalitäten in Jacksonville seien bereits ausgekundschaftet worden. Das letzte Wort aber habe der Präsident.

Die Nachteile liegen auf der Hand: Auch Ende August ist es in Florida brutal heiß mit bis zu 35 Grad Celsius im Schatten. Und außerdem brutal schwül. Praktisch täglich ziehen Wärmegewitter übers Land. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Menschen einen Hitzekollaps erleiden oder Trumps Rede von einem Wolkenbruch unterbrochen wird, der das halbe Stadion unter Wasser setzt.

Damit nicht genug: Der hastige Umzug des Hauptteils des Parteitages nach Jacksonville stellt die Republikaner auch vor finanzielle Herausforderungen. So ein Parteitag kostet Millionen. Und finanziert wird das vor allem aus Spendengeld. In Charlotte wurden in Vorbereitung auf den Parteitag bereits etwa 38 Millionen Dollar investiert. Alles für die Katz.

Die Parteitagskasse war damit so gut wie leer. Nach einem Bericht der New York Times haben die Republikaner jetzt Schwierigkeiten, genug Geld für die Vorbereitungen in Jacksonville zusammenzubekommen. Auf 100 Millionen Dollar werden die Kosten für einen regulären Parteitag geschätzt. Potenzielle Spender halten ihr Geld zurück. Sie wollen nicht einen ähnlichen Reinfall erleben wie in Charlotte.

Noch immer nämlich kann niemand sicher sagen, ob es mit diesen hohen Infektionszahlen tatsächlich einen großen Parteitag geben kann Ende August. Jacksonville ist vergangene Woche vom US-Gesundheitsministerium als weiterer "Hotspot" eingeordnet worden. Für die Stadt wurden jetzt Massentests angeordnet, um einen Überblick über den Umfang des Ausbruchs zu bekommen.

Der republikanische Bürgermeister von Jacksonville, Lenny Curry, hat bereits Ende Juni eine Maskenpflicht für Innenräume angeordnet. Vergangenen Freitag erklärte er, unter welchen Umständen er die Republikanische Partei bitten werde, woanders hinzugehen: Wenn es in seiner Stadt einen Ausbruch gibt, den die Krankenhäuser nicht mehr bewältigen können.

Der republikanische Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, macht hingegen keine Anstalten, Florida erneut in einen zumindest partiellen Lockdown zu schicken. Lediglich Bars und Nachtclubs bleiben geschlossen. Ob er damit die Pandemie bis Ende August unter Kontrolle bringen kann, wird stark bezweifelt.

Trump scheint langsam zu merken, dass ein klassischer Parteitag ein Wunschtraum bleiben könnte. Er sei sehr "flexibel", sagte er vergangene Woche. Am Wochenende war Trump gar erstmals öffentlich mit Maske zu sehen.

Ein weiteres Risiko für Trumps Parteitagsorganisatoren: Was, wenn wieder kaum einer kommt? Anfang Juni wollte Trump in Tulsa im Bundesstaat Oklahoma seine erste große Wahlkampfkundgebung seit dem Ausbruch der Pandemie in den USA halten. Mit bis zu 60 000 Teilnehmern hatte seine Kampagne gerechnet. Es kamen nach Angaben der Feuerwehr von Tulsa nur 6200 Fans.

Vergangenen Samstag scheiterte der zweite Versuch. In Portsmouth im Bundesstaat New Hampshire wollte Trump sich in einem Hangar auf dem dortigen Flughafen von seinen Anhängern feiern lassen. Es verdichteten sich auch dort die Anzeichen, dass nicht genügend Trump-Bewunderer kommen würden, um den Hangar voll erscheinen zu lassen. Wegen eines angeblich drohenden Unwetters wurde die Kundgebung am Tag vorher abgesagt. Es gab allerdings zu dem Zeitpunkt keine Wettervorhersage, die für Portsmouth Sturm angekündigt hätte. Und tatsächlich schien am Samstag die Sonne über New Hampshire.

© SZ.de/odg
Trump tours and speaks at Puritan Medical Products manufacturing company

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:Trump pfeift auf die Justiz

Mit dem Straferlass für seinen alten Kumpel zeigt der US-Präsident einmal mehr, dass für ihn das Gesetz nur gilt, wenn es ihm nutzt. Dass die Republikaner Trump das durchgehen lassen, ist der eigentliche Skandal dieser unwürdigen Präsidentschaft.

Kommentar von Thorsten Denkler

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