Todesopfer rechtsextremer Gewalt Der Hass der Neunziger kehrt zurück

Hass - schon vor 25 Jahren hat er die aufgebrachte Menge zusammengehalten.

(Foto: istock; Arno Burgi/dpa; Collage Jessy Asmus/SZ.de)

Nach einem Angriff durch Neonazis stirbt in Dresden der Mosambikaner Jorge Gomondai. 25 Jahre später ist die Stimmung wie damals: aggressiv.

Von Antonie Rietzschel, Dresden

Jorge Gomondai sitzt in der Falle. Gerade ist eine Gruppe Neonazis zu ihm in die Straßenbahn gestiegen. Sie umzingeln den jungen Schwarzen. Sie schubsen ihn von einem zum anderen, schlagen zu. Er versucht ihnen die Hand zu reichen. Doch die Männer hören nicht auf. "Ich fass doch keinen Neger an", wird einer von ihnen später aussagen.

Die Straßenbahn fährt los, als eine der hinteren Türen aufgerissen wird. Jorge Gomondai fällt hinaus, sein linker Fuß bleibt in der Tür stecken. Die Bahn schleift ihn ein Stück mit, bevor er mit dem Kopf hart gegen die Bordsteinkante schlägt. Mehrere Tage liegt er im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen. Am 6. April 1991 stirbt Jorge Gomondai im Alter von 28 Jahren. Ob die Neonazis ihn aus der Tram warfen oder er voller Panik versuchte zu flüchten, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Gefährliche neue Heimat

Gomondai ist das erste Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Dresden nach der Wiedervereinigung. Sein Schicksal ist der weitere Höhepunkt einer grausamen Entwicklung im Osten. Einer Entwicklung, bei der sich Hass gegen Ausländer in Gewalt entlädt. Als rechtsextreme Gruppen Jagd machten auf jeden, der anders aussah oder dachte als sie - größtenteils unbehelligt von Polizei oder Justiz.

25 Jahre sind seit dem Tod von Gomondai vergangen und in Sachsen scheint sich nicht viel geändert zu haben. Ob in den Reihen von Pegida, in Clausnitz oder Heidenau - der Hass ist zurück. Wieder haben Menschen anderer Herkunft Angst, angepöbelt und angegriffen zu werden. Die Flüchtlingskrise katapultiert Sachsen zurück in die dunklen neunziger Jahre.

Jorge Gomondai stammte aus Mosambik. Als enger Handelspartner schickte die einstige Volksrepublik seit 1979 sogenannte Vertragsarbeiter in die DDR. Die mosambikanische Regierung hoffte, gut ausgebildete Fachkräfte zurückzuerhalten, die beim Aufbau des vom Bürgerkrieg zerstörten Landes mithelfen. In der DDR mangelte es an Arbeitskräften, weswegen in den Betrieben nicht nur Mosambikaner, sondern unter anderem auch Vietnamesen oder Kubaner beschäftigt waren. Wie die Flüchtlinge heute lebten sie in speziellen Wohnheimen. In den neunziger Jahren lagen die meist am Rande der Stadt, abgeschirmt vom Rest der Bevölkerung. Es kursierten Gerüchte über die Vertragsarbeiter. Dass vor allem die jungen Männer nur an deutschen Frauen interessiert seien. Oder dass sie in Devisen bezahlt würden, also finanziell besser gestellt seien. Neid und Misstrauen bestimmen auch heute wieder die Debatte, wenn davon die Rede ist, Flüchtlinge bekämen alles geschenkt. Auch das Vorurteil des sexuell übergriffigen Ausländers lebt wieder auf.

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Gomondai kam 1981 nach Dresden und arbeitete in einem Schlachthof. Nach der Wende fürchtete er, aus Deutschland abgeschoben zu werden, so wie viele andere Vertragsarbeiter. Er wollte bleiben, auch um seine Familie zu Hause weiter unterstützen zu können. Mosambik zählte bereits Anfang der neunziger Jahre zu den ärmsten Ländern der Erde. Gomondai war nach heutigen Maßstäben ein Wirtschaftsflüchtling. Er wollte sein Glück im wiedervereinten Deutschland suchen, in einer Stadt, die besonders für Ausländer immer gefährlicher wurde. Bundesweit galt Dresden nach der Wende als Neonazi-Hochburg. Die früheren Vertragsarbeiter lebten in ständiger Angst vor Übergriffen: "In der Tram habe ich mich immer in den vordersten Wagen gesetzt, in die Nähe des Fahrers. Wenn es dunkel war, bin ich nicht mehr auf die Straße gegangen - bestimmte Stadtviertel wie Gorbitz oder Prohlis waren nachts komplett tabu", sagt Emiliano Chaimite. Der 49-Jährige spricht ein weiches Deutsch, in das sich ab und zu ein sächsisches "och" statt "auch" schleicht.

Auch Chaimite stammt aus Mosambik und war Vertragsarbeiter in der DDR. Anfang 1991 zog er von Ost-Berlin nach Dresden, um eine Ausbildung als Krankenpfleger zu machen. Er kann sich noch genau an die Stimmung erinnern. An die Angst vor den Neonazis, aber auch an die alltäglichen Anfeindungen. Dass Menschen sich in der Tram von ihm weg setzten. Dass ihn eine alte Dame anzischte, was er noch hier wolle. Ob es irgendwo gebrannt habe, fragte mal jemand wegen seiner schwarzen Haut. Auf der Ausländerbehörde wurde Chaimite konsequent geduzt.

Die Bevölkerung erwartete von Vertragsarbeitern wie ihm, dass sie in ihre Heimat zurückkehrten. Jeder, der bleiben wollte, wurde als potenzieller Konkurrent im Kampf um die wenigen Arbeitsplätze gesehen. "Hinzu kam der Wunsch nach einem neuen Feindbild, nach einem Sündenbock, dem man seine eigene schlechte Situation zuschieben konnte. Die DDR gab es ja nicht mehr", sagt Marita Schieferdecker-Adolph. Nach der Wende war sie die Ausländerbeauftragte der Stadt Dresden. Feindbilder fanden die Menschen nicht nur in den früheren Vertragsarbeitern, sondern auch in den Kriegsflüchtlingen, die Anfang der neunziger Jahre aus Bosnien auch nach Dresden kamen. "Ich habe ja nichts gegen Ausländer - aber diese Asylanten." Diesen Satz hörte Schieferdecker-Adolph in den neunziger Jahren öfter. Heute ist er das Mantra der "besorgten Bürger".

"Jetzt fehlt nur noch eine Fuhre voller Neger"

In der Nacht zum 31. August 1991 warten 14 Neonazis an der Haltestelle Platz der Einheit, heute Albertplatz. Zuvor sind sie durch die Neustadt, das alternative Viertel Dresdens gezogen, haben randaliert und einen jungen Deutschen krankenhausreif geprügelt. Die Neonazis stehen an der Haltestelle, sie sind aufgekratzt. "Jetzt fehlt nur noch eine Fuhre voller Neger, die machen wir platt", soll einer Zeugenaussagen zufolge gesagt haben. "Einer würde schon reichen", soll ein anderer geantwortet haben. Da biegt die Straßenbahn der Linie 7 in die Haltestelle ein. Im hintersten Waggon, ganz allein, Jorge Gomondai.

Die Neonazis steigen ein, sie schlagen ihn, hängen sich an die Haltegurte und machen Urwaldgeräusche. Kurze Zeit später fällt Jorge Gomondai aus dem Waggon. Die Tramwagenfahrerin stoppt, weil sie merkt, dass eine der Türen nicht geschlossen ist. Da liegt der junge Mosambikaner bereits blutüberströmt und bewusstlos auf den Schienen, die Täter sind abgehauen. Herbeigerufene Polizeibeamte glauben, Gomondai sei betrunken und deswegen gestürzt, obwohl Zeugen von dem Handgemenge berichten. Der erste von zahlreichen Fehlern.