Steinmeier zu Türkeistämmigen:"Nehmen Sie sich den Platz, der Ihnen zusteht"

Lesezeit: 3 min

Festakt zu 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht beim Festakt zum 60-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei im Haus der Kulturen der Welt.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Bundespräsident Steinmeier wirft beim Festakt zu 60 Jahren Anwerbeabkommen mit der Türkei einen kritischen Blick auf Deutschland - und skizziert sein Bild der Einwanderergesellschaft.

Von Roland Preuß und Carina Seeburg

Dieser Apparat konnte darüber entscheiden, ob man nach Deutschland durfte. Frank-Walter Steinmeier bestaunt den alten Spirometer, ein Gerät zur Messung des Lungenvolumens, das im Haus der Kulturen der Welt in Berlin in einem Glaskasten ausgestellt ist - mitsamt Gesundheits- und Impfnachweisen einstiger "Gastarbeiter". Nur wer gesund war in der Brust, der durfte den Weg in die Bundesrepublik antreten. Es waren ja Arbeitskräfte gefragt damals, und zwar für die harten Aufgaben. Der Bundespräsident wird gleich darauf zurückkommen in seiner Festrede zu 60 Jahren deutsch-türkisches Anwerbeabkommen, das hier am Dienstagabend gefeiert wird.

Es waren zwei schlanke Seiten Papier, die das Leben von Millionen Menschen änderten. Der Austausch eines kurzen Textes zwischen dem Auswärtigen Amt und der türkischen Botschaft besiegelte im Oktober 1961 das Anwerbeankommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei. Kein Foto von einem festen Händedruck zwischen Politikern gab es damals. Und schon gar keine Zeremonie. Selbst Pressemeldungen von Behörden blieben aus. Zwei Seiten Papier, das war alles. "Und doch sollte diese stille Post unsere Gesellschaft so tiefgreifend verändern wie nur wenige andere Ereignisse in den vergangenen sechzig Jahren", sagt Steinmeier. Von 1961 bis 1973 sind etwa 900 000 Menschen aus der Türkei zunächst zum Arbeiten nach Deutschland gekommen. Heute leben etwa 3 Millionen türkeistämmige Menschen in Deutschland. Und es wäre nicht die ganze Geschichte, wenn man nicht die Probleme des Zusammenlebens in diesen 60 Jahren mit erzählen würde.

Das ist Frank-Walter Steinmeier bewusst - und so versucht er zum Festakt eine selbstkritische Umarmung der Türkeistämmigen in Deutschland. Selbstkritisch, weil er die Versäumnisse erwähnt: Dass die deutsche Gesellschaft erst viel zu spät die Gastarbeiter als Einwanderer begriffen hat. "Vieles ist dadurch liegengeblieben, und viele Probleme sind so erst entstanden." Weil man die Menschen nach ihrem Nutzwert maß und teils erniedrigenden medizinischen Untersuchungen unterzog, wie eben den damaligen Lungentest. Und weil sie Ziel von Rassismus und Vorurteilen waren und sind. Aber, und das ist die Umarmung, die Türkeistämmigen hätten Deutschland mit aufgebaut. "Sie haben unser Land bereichert, wirtschaftlich, aber vor allem menschlich." Dafür sei er "zutiefst dankbar".

Festakt zu 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

Frank-Walter Steinmeier (l) und seine Frau Elke Büdenbender (2.v.l.) betrachten gemeinsam mit dem Bundesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Atila Karabörklü (2.v.r.), ein altes Gerät zur Messung des Lungenvolumens, das in einem Glaskasten ausgestellt ist - mitsamt Gesundheits- und Impfnachweisen einstiger "Gastarbeiter".

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Zu dem Festakt eingeladen hatte die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD), der größte weltlich orientierte Verband der Türkeistämmigen. In seiner Begrüßungsrede hatte der TGD-Bundesvorsitzende Atila Karabörklü zuvor den Widrigkeiten des Lebens in Deutschland viel Raum gegeben - und dem Publikum einen Schnellkurs über die schmerzhaften Erfahrungen, die ihren Platz haben im kollektive Gedächtnis der Deutschtürken. Da sind vor allem Morde, wie sein Ko-Vorsitzender Gökay Sofuoğlu sagt, die Morde des rechtsextremen NSU und die Opfer von Hanau, bei denen sich die Angehörigen-Familien von den Behörden alleine gelassen und ignoriert fühlten. Da ist aber auch der damalige Kanzler Helmut Kohl, sagt Karabörklü, welcher der Meinung gewesen sei, die Türken stammten aus einer andersartigen Kultur und ließen sich nicht assimilieren. Das habe bewirkt, dass "Vorurteile gegenüber Türkeistämmigen salonfähig wurden", sagt Karabörklü. Zuwanderer seien in einzelnen Vierteln konzentriert, den Kindern höhere Bildung verweigert worden. "Was würden Sie tun? Wie würden Sie sich fühlen?" Aber ja, es gebe auch die andere Seite: die Chancen in Deutschland, die Hilfe durch Nachbarn - und Dankbarkeit dafür.

Steinmeier greift diese Verletzungen auf und er will da glasklar sein. Der Hass im Netz, das seien nicht nur Worte, sagt Steinmeier. "Fremdenhass ist Menschenhass und diesen Hass werden wir in Deutschland niemals dulden."

Gewalt und Widrigkeiten setzt Steinmeier sein Leitmotiv des Zusammenlebens entgegen, das Angebot einer "Gesellschaft der gelebten Chancengleichheit". Viele Deutschtürken seien erfolgreich, viele von ihnen deutsche Staatsbürger. Es seien eben nicht Menschen mit Migrationshintergrund, sagt Steinmeier. "Sondern Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund geworden." Viele Einwanderer hätten sich in Deutschland gesehnt nach "Freiheit, Gleichheit und Solidarität", sagt er. Es liege nun an allen, diese "Sehnsüchte, die wir alle haben und die uns verbinden" wahr werden zu lassen.

Und an die Türkeistämmigen im Saal und im Land gerichtet sagt Steinmeier: "Nehmen Sie sich den Platz, der Ihnen zusteht, nehmen Sie sich den Platz in der Mitte der Gesellschaft, und füllen Sie ihn aus, gestalten Sie diese Gesellschaft mit, denn es ist auch Ihre Gesellschaft!"

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