60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen: "Mama, ich bin weg"

Leyla Imret

Jetzt in Deutschland: Die ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Cizre, Leyla Îmret, musste 2016 aus der Türkei fliehen.

(Foto: Regina Schmeken)

Der Publizist Can Dündar erzählt von Menschen, die heute aus ganz anderen Gründen aus der Türkei nach Deutschland kommen. Dies ist die Geschichte von Leyla Îmret.

Gastbeitrag von Can Dündar

Die türkische Version des Artikels finden Sie hier.

Prolog

Am 1. September 2016, 16.55 Uhr, landete mein Flugzeug in Berlin. Es war kühl. Ich war allein. Nur zwei kleine Koffer hatte ich bei mir. Zurück ließ ich ein Land, in dem nach einem Putschversuch eine "Hexenjagd" stattfand. Vor mir lag finstere Ungewissheit.

Meine Familie, mein Zuhause, meine Freunde, meine Bibliothek, mein Land lagen hinter mir. Ich wusste nicht, ob ich durch die Passkontrolle kommen würde, und, wenn ja, was mich in der neuen Stadt erwartete. Ich kannte mich nicht aus, kannte die Sprache und Lebensart nicht. Würden wir uns mögen, uns verstehen, gut miteinander auskommen?

Ich dachte, ich bleibe eine Weile und gehe dann zurück. Die Enkel der ersten Einwanderer von 1961 lachten: "Das haben unsere Leute damals auch gesagt, und jetzt leben wir in der dritten Generation hier." In diesem Herbst "feiere" ich hier meinen fünften Jahrestag, sie 60 Jahre Migration ihrer Großeltern.

Der "Besuch" rund einer Million "Gastarbeiter" dauerte viel länger als gedacht. Heute, 60 Jahre später, schlägt eine neue Migrationswelle aus der Türkei an die deutschen Gestade. Das Hauptmotiv dieser Welle ist anders als bei der ersten nicht ökonomisch, sondern eher politisch und sozial. Jetzt kommen nicht wie damals anatolische Arbeiter, sondern Akademiker und Politikerinnen, Schriftsteller und Journalistinnen, Kunstschaffende und Studierende. Gut ausgebildete Eliten der Türkei, die im Parlament, auf dem Campus, in den Medien und Ateliers Einfluss hatten. Menschen, die wegen eines Wortes, das sie ausgesprochen, einer Unterschrift, die sie unter eine Kampagne gesetzt, eines Bildes, das sie angefertigt, oder eines Textes, den sie geschrieben hatten, Repressalien ausgesetzt waren und, freiwillig oder notgedrungen, in die Freiheit flüchteten.

Berlin wird immer mehr zur Exil-Hauptstadt der türkischen Diaspora. Dieser Tage, da 60 Jahre Migration aus der Türkei begangen werden, möchte ich Ihnen "DIE NEUEN / SONGELENLER" (türkisch: "Die zuletzt Gekommenen) anhand von sechs Beispielen vorstellen. Sowohl die Vertreibung von Menschen, das Exil, wie auch das Austreiben von Pflanzen heißt auf Türkisch "sürgün". Wird es uns, den aus ihrer Heimat Vertriebenen, gelingen, hier in der neuen Erde wieder auszutreiben?

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(Foto: SZ-Grafik)

Leyla Îmret:

Als Leyra Îmret 2017 wieder nach Deutschland kam, glaubte sie an ein Déjà-vu. In Bremen schaute sie sogleich nach dem Haus, das sie vier Jahre zuvor verlassen hatte. Gasse, Haus, Viertel und Bahnhof, alles war wie eh und je. Sie dachte: "Nur ich habe mich verändert."

Die Leute im Viertel kennen Leyla gut. Sie war sieben, als sie zum ersten Mal nach Bremen kam. Förmlich der Hölle entflohen, suchte sie Zuflucht in Deutschland. Sie war kaum fünf gewesen, als ein Spezialkommando ihr Zuhause in Cizre gestürmt und den Vater, einen PKK-Aktivisten, erschossen hatte. Glücklicherweise war Leyla nicht zu Hause. Doch sie erinnert sich gut an die darauffolgende Trauer, an die Flucht vor den Panzerfahrzeugen, die gleich eisernen Hyänen die engen Gassen des Städtchens bestürmten, daran, wie ihre schwangere Mutter zur Folter geholt wurde und der jüngste Onkel mit fünfzehn ins Gefängnis kam.

Nach dem Desaster siedelte die Familie nach Mersin um. Leylas älterer Onkel wanderte nach Deutschland aus. Die Mutter mochte ihren inhaftierten jüngsten Bruder nicht allein lassen, schickte ihre Tochter aber zum Onkel nach Bremen. Das war 1994. Mit dem Schmerz über den Verlust des Vaters, der Sehnsucht nach der Mutter und dem Todestrauma im Bündel kam sie in Deutschland an. Bremen tat ihr gut. Schnell gewöhnte sie sich ein, lernte Deutsch und nahm Kurdisch-Unterricht, um ihre Sprache nicht zu vergessen. Die Telefonate mit der Mutter wurden seltener. Der Albtraum aus der Kindheit verblasste. Leyla gewann deutsche Freunde, schaffte die Schule und bekam mit achtzehn eine Aufenthaltserlaubnis. Damit wurde auch ein Besuch in Cizre wieder möglich.

Geografie sei Schicksal, heißt es

Einst brachte ein Flugzeug eine schüchterne Siebenjährige nach Deutschland, jetzt flog es sie als junge Frau von 21 Jahren wieder in die Heimat. Zuerst war der Duft der Mutter, die sie 13 Jahre lang nicht gesehen hatte, wieder da, sie umarmte ihren nach der Folter geborenen Bruder, besuchte den Onkel im Gefängnis. Sie tat sich in Cizre um, sah das Höllenfeuer ihrer Kindheit erloschen, alles hatte sich verändert: die Gassen, das Haus, das Viertel, der Bahnhof.

Geografie sei Schicksal, heißt es. Wie weit man auch fortgeht, irgendwann ruft einen die Erde, auf der man geboren ist, zurück. So rief auch Cizre Leyla. Fünf Jahre reiste sie hin und her, 2013 entschloss sie sich zur Heimkehr.

Warum, frage ich sie. Bei der Antwort verschleiert sich ihr Blick: "Ich war mit Mutter am Grab meines Vaters. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass wir eine Familie sind. Meine innere Stimme sagte: Leyla, hier gehörst du hin."

60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen: Cizre wurde 2016 bei Kämpfen zwischen der türkischen Armee und PKK-Kämpfern in Teilen zerstört.

Cizre wurde 2016 bei Kämpfen zwischen der türkischen Armee und PKK-Kämpfern in Teilen zerstört.

(Foto: ILYAS AKENGIN/AFP)

Es war das Jahr, in dem der 30 Jahre währende brutale Krieg mit der PKK ausgesetzt und ein Friedensprozess eingeleitet wurde. Das Schweigen der Waffen verstärkte die Hoffnung auf Frieden. Leyla wollte sich an der Beendigung des Kriegs beteiligen, der ihr den Vater und sie ihrem Land entrissen hatte. Sie wollte ihren Geburtsort dem Ort angleichen, an dem sie aufgewachsen war. Sie packte die Koffer und ging in die Türkei zurück.

Zurück aus Deutschland trat die junge Frau aus Cizre der stärksten Organisation in der Region bei, der Partei für Frieden und Demokratie (BDP). Die Vorrunde der Kommunalwahlen gewann sie spielend. Während des Wahlkampfs ging sie von Tür zu Tür, die Leute erzählten ihr von ihrem Vater, sie erläuterte ihnen ihre Projekte.

Sie verließ Cizre als abgesetzte Bürgermeisterin einer zerstörten Stadt

"Die Nacht des 30. März 2014, als wir die Wahl gewannen, war die glücklichste meines Lebens", sagt Leyla. "Es war wie eine Auszeichnung als Entschädigung für all das Leid von früher. 83 Prozent hatten mich gewählt. Ich war 27 und damit eine der jüngsten Bürgermeister:innen der Türkei."

Leider währte das Glück nur sechs Monate. Als im Oktober der IS Kobanî belagerte und Ankara in den Syrienkrieg hineingezogen wurde, endete der Waffenstillstand. Die PKK-Kämpfer, die während der Friedensphase aus der Türkei abgezogen waren, kehrten zurück. Sie hoben Gräben in den Städten aus, es kam zu Gefechten. Leylas Cizre wurde zum Schlachtfeld. Allzu bald nach ihrer glücklichsten Nacht begann die bitterste Phase in ihrem Leben. Nun war sie Bürgermeisterin einer Stadt unter Ausgangssperre, Babys von drei Monaten wurden ebenso erschossen wie Achtzigjährige, Leichname, die nicht bestattet werden konnten, wurden in Eisschränke gelegt, Hunderte kamen um. Ohnmächtig und verzweifelt steckte Leyla mitten in einem furchtbaren Krieg.

Can Dündar

In Deutschland angekommen am 1.9.2016, um 16.55 Uhr: der Publizist Can Dündar.

(Foto: Regina Schmeken)

Als die Presse im August 2015 ein Statement von ihr auf Vice News in falscher Übersetzung wiedergab, wurde sie erst des Amtes enthoben, dann wiederholt festgenommen. Als ein Spezialkommando sie in Handschellen zur Wache brachte, fürchtete sie, wie damals ihre Mutter gefoltert zu werden. Das geschah nicht, doch als Ende 2016 erneut eine Festnahme bevorstand, sah sie ein, dass es Zeit war zu gehen: "Ich musste ins Ausland und der Welt klarmachen, was hier geschieht." Sie verließ Cizre als abgesetzte Bürgermeisterin einer zerstörten Stadt, deren Einwohner geflohen waren. Zwei, drei Wochen tauchte sie unter, dann lief sie in Begleitung von Fluchthelfern den langen Weg in den Irak. Von dort rief sie zu Hause an: "Mama, ich bin weg."

Als Leyla 2017 nach Bremen zurückkehrte, war sie nicht mehr dieselbe wie vier Jahre zuvor. Sie kam sich wie in einem Film vor, der vier Jahre gedauert hatte. Glücklich hatte sie das Kino betreten, als dann die Lichter angingen, war ringsum alles gleich, sie aber war kaputt.

Doch sie erholte sich rasch. Jetzt studiert sie in Bremen Politikwissenschaften und ist Ko-Sprecherin ihrer Partei in Deutschland. Sie bemüht sich nach Kräften, hier bekannt zu machen, was in ihrem Land vor sich geht. Sie sagt, so sehr sie Deutschland liebe, bei neuer Hoffnung auf Frieden würde sie sofort zurückgehen. In letzter Zeit aber bringen die Flugzeuge nicht Menschen wie sie von Deutschland in die Türkei, sondern aus der Türkei nach Deutschland.

Can Dündar (60) war Chefredakteur von Cumhuriyet. Nach einem Artikel über Waffenlieferungen der Türkei an syrische Islamisten wurde er wegen Spionage und "Beleidigung des Präsidenten" angeklagt. 2016 floh er nach Deutschland.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

© SZ
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Leyla Imret

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