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SPD im Bundestagswahljahr:"Wir verpassen gerade den Wahlkampfstart"

Innenminister Lewentz

Roger Lewentz, 58, ist Innenminister von Rheinland-Pfalz und Landeschef der SPD, der er seit 1984 angehört.

(Foto: Andreas Arnold/DPA)

Roger Lewentz, Chef der SPD in Rheinland-Pfalz, attackiert Generalsekretär Klingbeil. Er fordert, seine Partei müsse "den Wahlkampf jeden Tag austragen, und zwar laut".

Interview von Detlef Esslinger und Gianna Niewel

Roger Lewentz führt die SPD in Rheinland-Pfalz. Im jüngsten Landtagswahlkampf lag seine Partei zunächst hinter der CDU zurück - dann erkämpfte sie sich bei der Wahl am 14. März mit 35,7 Prozent einen Vorsprung von acht Prozentpunkten. Mit der Art, wie Generalsekretär Lars Klingbeil bisher im Bundestagsvorwahlkampf agiert, ist Lewentz massiv unzufrieden.

SZ: Die Union hat sich soeben fast zerlegt. In den Umfragen sackt sie ab, aber die SPD profitiert überhaupt nicht. Wieso?

Roger Lewentz: Bei CDU und CSU haben Chaostage geherrscht. Armin Laschet und Markus Söder gaben beide ein verheerendes Bild ab. Ich hätte mir gewünscht, dass wir dies Tag für Tag in den Medien benennen. Wir hatten hier in Rheinland-Pfalz mal einen CDU-Spitzenkandidaten namens Christoph Böhr. Als der sein Schattenkabinett zusammenstellte, habe ich als SPD-Generalsekretär gesagt: Christophs Resterampe. Genau so muss man heute deutlich sagen, dass dies Chaostage in der CDU waren. Dass dies für ein Land in allergrößter Not eine Katastrophe ist. Dass Laschet und Söder verantwortungslos sind. Was ich sagen will: Wir müssen jetzt offensiv an die Dinge rangehen. Die Bürger müssen spüren, dass wir gewinnen wollen.

Ihr Wahlkampfchef ist Generalsekretär Lars Klingbeil. Ist er zu vornehm?

Zu vornehm oder zu zurückhaltend, das ist egal, denn es läuft auf dasselbe hinaus. Wir liegen in den Umfragen bei 15 Prozent.

In einigen mittlerweile bei 13.

Und in so einer Lage ist es wie im Fußball: Wenn du null zu zwei hinten liegst, kannst du doch nicht auf Ergebnishalten spielen. Dann muss man angreifen und jede Chance ergreifen. Wenn einem der wichtigste Gegner, die CDU, das Feld so öffnet! Wir verpassen gerade den Wahlkampfstart und handeln uns einen Rückstand ein, der dann später nicht mehr aufzuholen ist. Zumal wir auch bei der Bundestagswahl viel mehr Briefwahl als früher haben werden - das heißt, die Wahl geht viele Wochen vor dem eigentlichen Termin, dem 26. September, los. Wenn man sich die erfolgreichen SPD-Landesverbände, ihre Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten ansieht, unseren tollen Kanzlerkandidaten und das Programm, an dem wir gerade arbeiten - dann haben wir keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen. Wir müssen den Wahlkampf jeden Tag austragen, und zwar laut.

Die SPD wird kaum wahrgenommen.

Ist auch mein Eindruck. Andere sind in den Schlagzeilen, zum Beispiel die Grünen und ihre Art, wie sie Frau Baerbock nominiert haben: ohne wahrnehmbaren Streit. Wie wir auch, aber über sie wird groß berichtet. Unser Wahrnehmungsproblem muss behoben werden. Aus dem gefühlten Duell zwischen Baerbock und Laschet müssen wir einen Dreikampf machen.

Wie viel Prozent sind realistisch?

Wir brauchen ordentlich über 20. Unser Ziel muss es sein, stärkste Regierungsfraktion zu werden.

Will die SPD denn überhaupt regieren?

Sie will auf Platz eins kommen, um zu regieren. Es ist doch kein Wahlkampfziel, kleinerer Partner in einer Koalition zu werden.

Nun gab es auch nach Nominierung Ihres Kanzlerkandidaten im Sommer nie einen Scholz-Effekt.

Nach innen gab es ihn. Die Dinge in der SPD sind geklärt. Die Partei will mit ihm Wahlkampf machen. Aber jetzt muss der Funke entzündet werden.

Öffentlich tritt Scholz nicht sehr gewinnend auf.

Ich hatte ihn im Landtagswahlkampf zu Gast, in Bad Ems und auf der Loreley. Ich habe erlebt, wie er die Menschen wirklich erreicht, wie sachkundig er ist, wie er zuhört und auf Leute zugehen kann.

Im Fernsehen ist er stocksteif.

Ja, er darf gerne mal lachen. Aber wir haben ernste Zeiten, und da ist ein ernsthafter Kandidat genau der Richtige. Dieses "Mal so, mal so" von Söder führt doch zu nichts. Und Olaf Scholz hat immerhin schon mal eine absolute Mehrheit geholt.

In Hamburg.

Egal. So etwas haben weder Söder, Laschet noch Baerbock geschafft. Nie wird ihm jemand die Kompetenz absprechen, so wie es Laschet durch Söder passiert ist. Er ist einer der Aktiven in der Bundesregierung. Er braucht 1000 Loreley-Auftritte in der ganzen Republik. Wir müssen Ereignisse für ihn schaffen. Wir haben hier in Rheinland-Pfalz in den vergangenen 30 Jahren sieben Wahlkämpfe geführt und gewonnen. Der jüngste war der schwerste. Die Bundes-SPD lag bei 16 Prozent, und wir haben bei der Landtagswahl im März mit Malu Dreyer 35,7 Prozent geholt. Wir wissen, wie Wahlkampf geht.

© SZ/skle/mane
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