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Marokko:Warum Tausende Migranten nach Ceuta kamen

Migranten sitzen am Strand von Ceuta, umringt von Angehörigen der spanischen Küstenwache. Etwa 8000 Menschen gelangten am Montag über die Grenze.

(Foto: Bernat Armangue/AP)

Manche folgten offenbar Aufrufen im Internet, doch viele trieb einfach Verzweiflung. Denn die Corona-Pandemie verschärft die Armut in Marokko und löst neue Spannungen zwischen der EU und ihrem Nachbarn aus.

Von Karin Janker, Madrid

Als am Montag die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta aufging, war es, als habe sich ein Ventil geöffnet. Rund 8000 Menschen strömten über die Grenze, vor allem junge Männer, aber auch Frauen und Kinder. Die meisten von ihnen sind inzwischen wieder dort, wo sie hergekommen sind, die Grenze ist wieder zu. Dennoch blieben die Szenen aus Ceuta nicht folgenlos. Noch lange werden Spanien und auch die EU damit beschäftigt sein, sie aufzuarbeiten.

Um die Ereignisse in Ceuta zu verstehen, hilft zunächst ein Blick nach Fnideq: Die Stadt liegt nur sieben Kilometer von Ceuta entfernt, ist etwa gleich groß, und doch trennen die beiden Städte Welten. Denn Ceuta gehört zu Spanien und damit zur EU, Fnideq dagegen liegt auf der marokkanischen Seite des mehrfach befestigten Grenzzauns. Rund 80 000 Menschen leben in Fnideq, das viele Spanier noch immer Castillejos nennen; bis 1956 stand die Stadt unter spanischem Protektorat. Inzwischen ist Fnideq auch ein Auffangbecken für Gestrandete: Drogen, Alkoholismus und Verzweiflung bestimmten das Leben der vielen jungen Obdachlosen, die die Stadt bevölkern, schrieb das spanisch-marokkanische Webportal Bladi vorigen Herbst.

Die Menschen in Fnideq ächzen unter einer "doppelten Krise", berichtet die Lokalzeitung Faro de Ceuta: Die Folgen der Corona-Krise träfen sie ebenso hart wie die Folgen der Grenzschließung zwischen Spanien und Marokko. Seit März 2020 durften keine Pendler mehr zwischen beiden Städten hin- und herreisen. Viele verloren so ihre Arbeit. Immer wieder demonstrierten die Menschen in Fnideq, im April zogen sie vor das Rathaus, weil sie "nicht einmal mehr etwas zu essen" hätten, heißt es im Faro de Ceuta. Die Stadt sei "in Gefahr", so das Blatt damals. Wut und Verzweiflung der Menschen hätten sich lange aufgestaut. Daher wollen also so viele Menschen die Chance der geöffneten Grenze nutzen.

Schon vor diesem Montag kursierten offenbar Nachrichten in den sozialen Medien, die ankündigten, dass plötzlich möglich sein sollte, was lange undenkbar erschien: Die Grenze geht auf! Die spanische Zeitung El Mundo spricht von einer gezielten Desinformationskampagne Rabats. Kindern sei versprochen worden, dass der Fußballstar Cristiano Ronaldo in Ceuta spiele; Belege dafür liefert die Zeitung allerdings nicht.

Die Guardia Civil sah sich überfordert

Fest steht: Am Montag und Dienstag brachen Tausende aus Marokko nach Ceuta auf und sie stießen auf wenig bis keinen Widerstand von marokkanischen Grenzbeamten. Auf Videos ist zu sehen, wie Grenzschützer den Zaun aufhalten, um Gruppen von jungen Männern passieren zu lassen. Als weiteres Hindernis galt es einen Streifen Mittelmeer zu überwinden - dann standen sie auf europäischem Boden. Die rund 600 Einsatzkräfte der Guardia Civil in Ceuta sahen sich von der Masse der Ankommenden überfordert und zudem in einem Rollenkonflikt: Einerseits retteten Polizisten erschöpfte Menschen aus den Fluten des Mittelmeeres - das Foto von einem Taucher, der den leblosen Körper eines Babys über Wasser hält, ging um die Welt -, andererseits stießen Einsatzkräfte Migranten von den Klippen zurück ins Meer.

Spaniens sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez flog nach Ceuta, um dort von der "Unverletzlichkeit" der Grenze zu sprechen und von der Sicherheit der Bevölkerung, die zu gewährleisten sei. Er ordnete an, dass die Migranten "unmittelbar" nach Marokko zurückgeschickt werden sollen.

Nach aktuellem Stand seien bereits mehr als 6600 solcher "Rückführungen" aus Ceuta zurück nach Marokko erfolgt, hieß es am Freitag aus dem spanischen Innenministerium. Nicht möglich ist ein solches Verfahren indes bei unbegleiteten Minderjährigen: Obwohl viele gerade der jüngeren Kinder im Alter von sieben, acht Jahren wieder nach Hause zurückkehren möchten, sei dies nicht möglich, ohne dass die spanischen Behörden den Kontakt zu ihren Eltern hätten. Spaniens Sozialministerin Ione Belarra will nun die 200 Kinder und Jugendlichen, die bereits zuvor in den Auffanglagern Ceutas untergebracht gewesen waren, aufs spanische Festland übersetzen lassen, um Platz zu schaffen für die neu Angekommenen. Ein Plan für die Unterbringung der 1500 bis 2000 verbleibenden Minderjährigen ist das noch nicht. Die Kinder und Jugendlichen sind derzeit provisorisch in alten Lagerhallen unterbracht.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren derweil, dass auch im Falle von erwachsenen Migranten eine Eil-Abschiebung illegal sei. Sánchez selber hatte sich immer wieder vehement gegen diese Praxis ausgesprochen. Nun erhält er von der EU und von der Bundesregierung Anerkennung für seine "schnelle und effektive Reaktion". Man begrüße "die bereits eingeleiteten Maßnahmen der spanischen Regierung" in einer aktuell schwierigen Situation, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz in Berlin.

Europa gibt sich demonstrativ geschlossen und will Marokko die strategische Öffnung der Grenze nicht durchgehen lassen. Das Aussetzen der Grenzkontrolle gefährde die Zahlungen der EU an Marokko, titelte die spanische Zeitung El País an diesem Freitag und berief sich auf "hochrangige Quellen" aus Brüssel. Marokko erhielt in den vergangenen 14 Jahren rund 13 Milliarden Euro an EU-Geld, rechnet das Blatt vor. Ein Teil davon fließt auch dafür, dass Marokko im Gegenzug die Grenze Richtung Europa dicht hält. Theoretisch. Doch schon die Ankunft von insgesamt 23 000 Bootsflüchtlingen auf den Kanaren im vergangenen sowie 5000 in diesem Jahr war vor allem deshalb möglich, weil an der marokkanischen Westküste die Sicherheitskräfte offenbar nicht mehr so genau hinschauten, wenn ein Boot ablegte.

Marokko ist als Grenzpolizei an der EU-Südgrenze gefragt

Marokko ist nicht nur als Grenzpolizei an der EU-Südgrenze gefragt. Zu Tausenden kommen aus dem Land jedes Jahr Erntehelfer nach Spanien, um als Saisonarbeiter das Obst und Gemüse für den europäischen Markt zu pflücken. Spanien ist zudem traditionell Marokkos wichtigster Handelspartner. Doch das Verhältnis beider Länder ist durch die Corona-Pandemie unter Stress geraten: Die Erntehelfer mussten schon im Vorjahr zu Hause bleiben, weil die Grenzen dicht waren. Die Armut in Marokko verschärft sich mit jedem Monat, in dem zusätzlich die Touristen ausbleiben.

Beide Länder hoffen daher auf ein baldiges Ende der Pandemie, aber Marokkos Bevölkerung leidet noch stärker unter ihren Folgen. Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat bereits auf diese Notlage hingewiesen: Er sehe die Krise in Ceuta auch als eine Reaktion Marokkos im Ringen um eine faire Wirtschafts- und Handelspolitik. Seit fünfzehn Jahren verhandle das Land über einen besseren Zugang für seine Waren zum europäischen Wirtschaftsraum. "Das ist die Reaktion einer Jugend, die den Reichtum, den Wohlstand in Europa sieht", sagte Müller.

In Spanien äußerte sich die Regierung weniger verständnisvoll. Denn ihre eigenen Befindlichkeiten sind unmittelbarer betroffen. Spanien betrachte Marokko weiterhin als Freund, lasse sich aber keine "Erpressung" gefallen, sagte Verteidigungsministerin Margarita Robles. "Mit Spanien ist nicht zu spaßen." Robles sprach von einer "Aggression" und warf Rabat vor, bei der Aktion Jugendliche und Kinder missbraucht zu haben, "um Politik zu machen".

Marokkos Außenminister Nasser Bourita hingegen führte die Krise auf einen punktuellen Anlass zurück: Sie sei allein dadurch ausgelöst worden, dass ein Mann, den Marokko als Terroristen betrachtet, in einem spanischen Krankenhaus behandelt wurde. Spanien ließ Mitte April den Chef der Unabhängigkeitsbewegung Polisario, Brahim Ghali, in einem nordspanischen Krankenhaus behandeln. "Aus rein humanitären Gründen", wie Außenministerin Arancha González betont. Doch aus marokkanischer Sicht steht die linke Regierung in Madrid im Verdacht, mit Polisario zu sympathisieren. Die Bewegung kämpft gegen die Besetzung des Gebiets der Westsahara durch Marokko. Spaniens Rolle in dem Konflikt ist schon wegen der Historie schwierig: Die Westsahara war bis 1975 spanische Kolonie.

© SZ/nien
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