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Migrationskrise in Ceuta:Wie eine Heldengeschichte die hässlichen Bilder verdrängt

Migration in Spanien

Mit diesem Bild wurde Taucher Juan Francisco Valle über Nacht zum Helden.

(Foto: dpa)

Ein Polizeitaucher rettet ein Baby aus dem Mittelmeer und wird gefeiert. Spanien kommt das Foto gelegen: Es rückt die Bilder von Radpanzern, Tränengas und Eil-Abschiebungen in den Hintergrund.

Von Karin Janker, Madrid

Der Taucher der spanischen Guardia Civil hält den leblosen Körper des Babys über Wasser. Das Kind ist erst wenige Monate alt. "Es war so klein, dass es den Kopf nicht selbst halten konnte", erzählt der Polizeitaucher nach seiner Rettungsaktion im spanischen Fernsehen. "Das Baby war eiskalt, blass, es hat sich nicht mehr bewegt." Juan Francisco Valle ist über Nacht zum Helden geworden und das Bild von ihm zu einer Ikone der Migrationskrise in Ceuta.

Anfang der Woche waren binnen weniger Stunden 8000 Menschen über die plötzlich geöffnete Grenze aus Marokko in die spanische Exklave gekommen. Die meisten stürzten sich einfach ins Meer und schwammen auf die spanische Seite, Männer, Frauen, ganze Familien mit kleinen Kindern. Die Mutter des Babys hatte sich ihr Kind auf den Rücken gebunden, sagt Valle, der das Bündel zunächst für einen Rucksack gehalten hatte. "Ich wusste nicht, ob es noch am Leben oder schon tot war." Anders als die Geschichte des toten Jungen am Strand von Bodrum, das Foto wurde zum Symbol des Flüchtlingsdramas 2015, geht diese Geschichte laut spanischen Medien gut aus: Das Baby sei am Leben, heißt es.

Valle war Rettungsschwimmer beim Militär, doch normalerweise bestehe seine Arbeit darin, Leichen zu bergen, sagt der 41-Jährige. In seinem Beruf sei man auf so gut wie jede Situation auf dem Meer vorbereitet - nicht aber darauf, sich in einem "Meer aus Menschen", aus "Hunderten Verzweifelten" wiederzufinden. "Es war unmöglich, allen zu helfen, wir mussten auswählen, wer unsere Hilfe am nötigsten hatte."

Der Taucher war am Montag und Dienstag stundenlang vor Ceuta im Einsatz. Wie viele Menschen er gerettet hat, könne er im Nachhinein nicht mehr sagen. Während er am Mittwoch Schlaf nachholte, avancierte das Bild von ihm und dem geretteten Baby zu dem Bild der Krise in Ceuta. Politiker teilten es in den sozialen Medien, Tausende feierten Valle als Helden. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken etwa kommentierte auf Twitter: "Mein Entsetzen und mein Dank sind kaum in Worte zu fassen."

In Ceuta wird, wie immer in solchen Momenten, auch mit Symbolen Politik gemacht

Den spanischen Behörden kommt das Foto sicherlich nicht ungelegen. Verdrängt diese Heldengeschichte doch jene anderen, hässlicheren Bilder, die nach der Grenzöffnung durch Marokko ebenfalls publik wurden: die Fotos von Radpanzern, die am Strand von Ceuta auffuhren, von Soldaten, die Tränengas auf Migranten schossen, von Polizisten, die Menschen von den Klippen zurück ins Meer stießen, und die Videos der sogenannten Eil-Abschiebungen, bei denen spanische Beamte vor allem Schwarze aus der Menge der Ankommenden herausfischten, um sie zurück über die Grenze nach Marokko zu eskortieren. Diese Praxis ist international umstritten, Menschenrechtsorganisationen werfen Spanien vor, die Massenrückführungen ohne Prüfung des Anrechts auf Asyl seien illegal.

In Ceuta wird, wie immer in solchen Momenten, auch mit Symbolen Politik gemacht. Schon die strategische Grenzöffnung Marokkos zielte darauf, Bilder zu kreieren, die Spanien unter Druck setzten. Die Heldengeschichte mit Baby dagegen soll von Menschlichkeit erzählen. Im Hintergrund des Rummels um den Polizeitaucher, der sich nach dem Aufwachen vor Interviewanfragen kaum retten konnte, ging noch ein weiteres Bild aus Ceuta viral: Eine Helferin des Roten Kreuzes umarmt einen jungen Mann aus Senegal. Mit ihrer spontanen Geste wurde Luna Reyes ebenfalls zu einer Ikone. Doch anders als Valle erhielt die 20-Jährige in den sozialen Medien nicht nur Bewunderung und Dank, sondern Hassnachrichten und Gewaltandrohungen.

Migranten in Spanien

Auch dieses Foto ging viral, die Reaktionen waren allerdings nicht nur positiv.

(Foto: Bernat Armangue/dpa)

Als "politische Gewalt gegen Frauen, die die Menschenrechte verteidigen" bezeichnete Spaniens Gleichstellungsministerin Irene Montero die Nachrichten, die Reyes zwangen, ihre Konten in den sozialen Medien zu sperren. Die Studentin, die beim Roten Kreuz in Ceuta gerade ein Praktikum absolviert, fand den jungen Mann aus Senegal, als er gerade von Polizisten zurück zur Grenze gebracht werden sollte. "Er weinte, er wollte sich umbringen", sagte Reyes in dem einzigen Interview, das sie nach Bekanntwerden der Bilder gab. Die Leute, die ihr Hassnachrichten schickten, hätten in den sozialen Medien herausgefunden, dass ihr Lebensgefährte schwarz sei. "Seitdem hören sie nicht auf, mich zu beschimpfen, und schreiben mir schreckliche Dinge."

© SZ/afis
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