Coronavirus in Spanien:Verwirrende Signale an die Jugend

18 000 vor allem junge Leute tanzten und feierten beim Cruïlla-Festival in Barcelona. Gleichzeitig schnellt die Zahlt der Neuinfektionen in Katalonien in die Höhe.

18 000 vor allem junge Leute tanzten und feierten beim Cruïlla-Festival in Barcelona. Gleichzeitig schnellt die Zahlt der Neuinfektionen in Katalonien in die Höhe.

(Foto: Joan Mateu/AP)

In Spanien mahnen die Älteren wegen der rasant steigenden Infektionszahlen die Jungen zur Vorsicht. Die dürfen zwar auf Musikfestivals, aber geimpft werden sie bislang nicht.

Von Karin Janker, Madrid

Mit 96 Jahren hat Araceli Hidalgo, Hausfrau aus Granada, Geschichte geschrieben: Am 27. Dezember 2020 erhielt sie als erste Spanierin eine Impfung gegen das Virus Sars-CoV-2. Sämtliche Medien des Landes druckten ihr Foto ab, schwärmten von ihrem sanften Lächeln und machten sie zur Symbolfigur der Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie.

Inzwischen, mehr als ein halbes Jahr später, ist Araceli Hidalgo eine von 23 Millionen vollständig geimpften Spanierinnen und Spaniern. Die Impfkampagne schreitet voran, von Impfmüdigkeit ist in Spanien nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Impfquoten sind so hoch, dass man in Deutschland neidisch werden könnte. In allen Altersgruppen, denen bislang ein Impfangebot gemacht wurde, liegt der Prozentsatz der Erstgeimpften bei mehr als 90 Prozent der Bevölkerung. Inzwischen sind fast 100 Prozent der über 70-Jährigen vollständig geimpft und alle über 50-Jährigen auf dem besten Weg, einen ähnlichen Prozentsatz zu erreichen.

Zu brutal wüteten hier die ersten Wellen der Pandemie, als dass Impfgegner in Spanien wirklich Fuß fassen könnten. Der inzwischen 81 000 Todesopfer gedachte Spanien an diesem Donnerstag in einem Staatsakt, der auch Zuversicht und Hoffnung auf ein - nun wirklich - baldiges Ende der Pandemie verbreiten sollte. Deshalb nahm an der Feier neben dem spanischen Königspaar und Premierminister Pedro Sánchez auch Araceli Hidalgo teil, die Hoffnungsträgerin. Hidalgo, inzwischen 97 Jahre alt, hielt eine kurze Rede. Ihr Dank gelte dem Personal in den Kliniken und in den Seniorenresidenzen. Ihre Mahnung richtete sich an die Jugend im Land: Diese solle die Pandemie nicht auf die leichte Schulter nehmen, sagte Araceli Hidalgo, ehe sie ihre Rede mit einem lakonischen "Und das wäre alles" beendete.

Die Corona-Situation in Spanien hat sich auch dank der hohen Impfbereitschaft deutlich verändert: Im Vergleich zu den vorhergehenden Wellen zeigt die derzeit laufende fünfte Welle der Pandemie zwar einen enormen Anstieg der Neuinfektionen, allerdings hat sich die Inzidenz weitgehend von den Krankenhauseinweisungen entkoppelt. Die fünfte Welle erfasst vor allem die jüngere Bevölkerung, die nicht so häufig schwere Verläufe einer Infektion zu befürchten hat. Die 14-Tage-Inzidenz in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen liegt laut Gesundheitsministerium bei 1580 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern, in besonders betroffenen Regionen wie Katalonien sowie Kastilien und León ist sie sogar doppelt so hoch.

Die Politik verlangt von jungen Spaniern nun Selbstdisziplin

Landesweit und über alle Altersgruppen hinweg liegt die 14-Tage-Inzidenz mittlerweile bei 500 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern. Die Auslastung der Intensivstationen mit Covid-Patienten beträgt rund neun Prozent - ein Anstieg um drei Prozentpunkte innerhalb der vergangenen Woche. Lokal ist die Situation in den Krankenhäusern allerdings angespannter: In Katalonien, der Region mit der stärksten Zunahme an Neuinfektionen, sind nun 25 Prozent der Covid-Intensivbetten belegt. 296 Menschen kämpfen dort um ihr Leben, etwa ein Viertel von ihnen ist den regionalen Gesundheitsbehörden zufolge jünger als 40 Jahre.

Deshalb mahnen nun auch diverse Politiker die spanische Jugend, sie mögen die Ausläufer der Pandemie nicht unterschätzen, unter ihnen Gesundheitsministerin Carolina Darias. Allerdings ist der Jugend zugutezuhalten, dass es ihr mutmaßlich nicht an Impfbereitschaft mangelt. Allein, sie wurde bislang nicht zur Impfung vorgelassen. Spanien impft streng nach Altersgruppen, gerade beginnen die Impfungen der über 35-Jährigen. Vor einem Monat wurden zudem fast alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie aufgehoben - das stellt nun die Selbstdisziplin der ungeimpften jungen Spanier ziemlich auf die Probe: Das Leben fühlt sich fast schon wieder so an wie früher. Die Ausgangsbedingungen, sich vor einer Infektion zu schützen, sind damit objektiv betrachtet ungleich schwieriger als noch vor einigen Monaten.

In der vergangenen Woche etwa fand in Barcelona das Musikfestival Cruïlla statt, 25 000 Besucher pro Tag waren zugelassen, 18 000 kamen. Zwar galt auf dem Festivalgelände Maskenpflicht, und jeder Besucher musste einen Antigen-Schnelltest durchführen, allerdings lag die Inzidenz in Katalonien bei den 20- bis 29-Jährigen da bereits bei rund 2500. Es sind verwirrende Signale für die jungen Leute in Spanien. So schrieb etwa die 24-jährige Alba aus Barcelona in einem Tweet: Die gleichen Politiker, die Musikfestivals wie das Cruïlla erlauben und Leute unter 30 bislang nicht geimpft haben, forderten jetzt eine neue Ausgangssperre, "aber schuld sind natürlich die jungen Leute".

© SZ/hum
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