Deutsche in Israel:Nichts wie raus

Deutsche in Israel: Für die Deutschen, die schon aus Israel ausgeflogen wurden und in Frankfurt gelandet sind, ist die Erleichterung groß.

Für die Deutschen, die schon aus Israel ausgeflogen wurden und in Frankfurt gelandet sind, ist die Erleichterung groß.

(Foto: HEIKO BECKER/REUTERS)

Die Nachfrage nach Sonderflügen aus Israel ist enorm. Doch es gibt auch Kritik am deutschen Angebot.

Von Jens Flottau, Julia Hippert und Paul-Anton Krüger, Berlin

Um 7.57 Uhr hebt am Donnerstagmorgen in Frankfurt Lufthansa-Flug 342 ab. Die Boeing 747-400 mit 371 Sitzplätzen startet mit nur wenigen Passagieren an Bord. Auf dem Rückweg ist die Maschine dagegen voll: Es ist der erste Evakuierungsflug, mit dem die Fluggesellschaft deutsche Staatsangehörige aus Israel ausfliegt. Am Donnerstagabend landet das Sonderflugzeug in Frankfurt.

Eine deutsche Touristin, die an Bord war, sagte der Süddeutschen Zeitung vor dem Abflug, sie habe mehr als fünf Stunden gebraucht, um bei der Telefon-Hotline durchzukommen, über die sie den Flug buchen konnte. Die Leitungen waren unter dem Ansturm zusammengebrochen, kurz nachdem die Lufthansa sie am Mittwochabend freigeschaltet hatte - daran gab es wütende Kritik in sozialen Medien. Zudem war die Nummer in Deutschland geschaltet, was hohe Anrufkosten vor allem für Menschen mit Prepaid-Handys nach sich zog.

In der Nacht hatte das Unternehmen dann auf mehr als 100 Callcenter-Agenten aufgestockt. Die Gespräche dauerten lange, weil die persönlichen Daten mit der Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes abgeglichen werden mussten, hieß es. Inzwischen haben sich dort mehr als 5200 Menschen registriert. Mehr als 2000 Menschen will die Lufthansa bis Freitagabend mit insgesamt acht Flügen von Tel Aviv nach Frankfurt und München bringen; das Kontingent war am Donnerstagvormittag weitgehend ausgebucht.

Für Donnerstagnachmittag organisierte das Auswärtige Amt nach eigenen Angaben eine weitere Ausreiseoption mit einer Fähre von Israel nach Zypern, auf der Plätze für mehrere Hundert deutsche Staatsangehörige zur Verfügung standen. 100 Menschen seien bereits am Mittwoch mit zwei Bussen nach Jordanien gebracht worden. Zudem arbeite man an weiteren Flugoptionen.

Andere Länder hatten schneller Sonderflüge organisiert

Unverständnis äußerten manche Deutsche auch darüber, dass der erste Evakuierungsflug am Donnerstag startete. Andere Länder hätten ihre Bürger früher in Sicherheit gebracht und dafür zum Teil auch Militärmaschinen eingesetzt - eine Kritik an Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne), die auch Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, vorbrachte. Baerbock müsse die Rückholaktion zur Chefsache machen, sagte er. Er und andere Bundestagsabgeordnete hätten zahlreiche Beschwerden erhalten. Notfalls müsse doch auf militärische Kapazitäten zurückgegriffen werden.

Tatsächlich hatte etwa die Schweiz schon am Dienstag einen ersten vom Außenministerium gecharterten Rückholflug mit der Lufthansa-Tochter Swiss angeboten. Österreich schickte eine Militärmaschine vom Typ C-130 Hercules, die Bürger nach Larnaka auf Zypern ausfliegen sollte, allerdings konnte diese wegen eines technischen Defekts am Mittwoch nicht starten. Polen hatte bereits am Montag drei Militärmaschinen nach Tel Aviv beordert.

Im Krisenstab der Bundesregierung waren verschiedene Optionen erwogen und mit der israelischen Seite besprochen worden. Angesichts der sehr hohen Zahl von mehr als 100 000 deutschen Staatsangehörigen in Israel, die überwiegende Zahl Doppelstaater, verwies das Auswärtige zunächst auf andere Fluggesellschaften, nachdem die Lufthansa am Samstag die Flüge eingestellt hatte.

Eine Rückholaktion durch die Bundeswehr galt angesichts der Größenordnung und der damit verbundenen organisatorischen Probleme als letzte Option. Die Luftwaffe teilte mit, erst wenn ein ziviler Lufttransport aufgrund einer existierenden Bedrohung für die Luftfahrzeuge nicht mehr möglich ist, könne die Bundeswehr mit ihren geschützten Transportflugzeugen dafür eingesetzt werden. Eine militärische Bedrohung für zivile Luftfahrzeuge bestehe derzeit aber nicht.

Die Bundesregierung wollte offenbar zudem einen ungeordneten Ansturm auf den Flughafen in Tel Aviv ebenso vermeiden wie Panik unter den deutschen Staatsangehörigen - und vermutlich auch das politische Signal, das von einer solchen Aktion ausgegangen wäre. Dem hält Hardt entgegen, man hätte für solche Rückholflüge Jugend- und Kirchengruppen sowie Touristen Priorität einräumen können. Derzeit sind in Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen Herbstferien und deswegen relativ viele Deutsche in Israel.

Auch Frankreich wickelte erst am Donnerstag den ersten Rückholflug für seine Bürger ab, weitere sollen bis Samstag folgen. Die US-Regierung kündigte am Donnerstag an, ihren Staatsbürgern und deren engsten Familienmitgliedern von Freitag an Charterflüge anbieten, um Israel zu verlassen.

Die Lufthansa-Crews bestehen aus Freiwilligen

Laut der Lufthansa lässt sich die Verbindung nach Tel Aviv derzeit nur mit Sonderflügen aufrechterhalten. Die Maschinen müssten vollgetankt fliegen, um bei Zwischenfällen zurückkehren oder Ausweichflughäfen ansteuern zu können. Sie müssten zudem Techniker mitnehmen, die Crews bestehen ausschließlich aus Freiwilligen. Zudem übernachten sie nicht; die Standzeit wird so kurz wie möglich gehalten. Die Hinflüge bleiben weitgehend leer.

Die Tickets kosten für ausreisewillige Deutsche 300 Euro, weitere 250 Euro schießt das Auswärtige Amt zu. Ein Ersatz der Auslagen für konsularische Hilfeleistungen ist im Konsulargesetz grundsätzlich vorgeschrieben. So hatte der Bund auch im Zuge von Rückholflügen in der Corona-Pandemie eine Kostenbeteiligung gefordert.

Kommerzielle Flüge aus Israel heraus sind derzeit laut mehreren Reisebüros bis Ende nächster Woche weitgehend ausgebucht. British Airways und Virgin Atlantic stellten ihre Flüge am Mittwoch ein, auch Großbritannien will nun Rückholflüge durch kommerzielle Anbieter organisieren. Turkish Airlines annullierte ebenfalls bis auf Weiteres alle Flüge. Der Bedarf dürfte also weiter steigen.

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