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Serbien und der Erste Weltkrieg:Der Hardliner schwadronierte vom Krieg - und von Abkommen

Armee-Inspektor Geheimer Rat Feldzeugmeister Oskar Potiorek, Landeschef von Bosnien und der Herzegowina

Oskar Potiorek, seines Zeichens Armee-Inspektor, Geheimer Rat, Feldzeugmeister und Landeschef von Bosnien und der Herzegowina.

(Foto: Hofphotograph C. Pietz)

In der internationalen Fachwelt löste das Belgrader Frohlocken Kopfschütteln aus. Der Brief sei "nichts Großartiges", sagte der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner. "Wieso der Brief je in Belgrad gewesen sein soll, ist mir schleierhaft". Dazu lieferte das Staatsarchiv diese Erklärung: Man verfüge über eine etwa 1930 angefertigte maschinengeschriebene Abschrift des handschriftlichen Briefes.

Daraufhin gingen die Archivare auf Tauchstation. Archivdirektor Perisic ließ sich vor Journalisten verleugnen, die nach dem Original der Abschrift in deutscher Sprache fragten. Das Staatsarchiv hatte lediglich eine serbische Übersetzung vorgelegt. In dieser Übersetzung steht so ziemlich das Gegenteil dessen, was ihm Serbien zuschreibt.

Zwar schwadroniert Offizier Potiorek darin von einem "unausweichlichen Krieg in einigen Jahren". Man könne "Serbien niemals zu einem verlässlichen Freund machen", weil das Land "in jedem künftigen Krieg offen und erbittert auf der Seite unserer übrigen Feinde kämpfen wird".

Allerdings nennt der bei den Serben verhasste Hardliner Potiorek auch eine friedlichere Variante: Man müsse Serbien "dadurch ungefährlich machen, dass die Monarchie (Österreich-Ungarn) wenigstens ein Handels-, Zoll- und Militärabkommen" mit diesem Balkanland schließe, schreibt Potiorek. Von einem Präventivschlag, einem konkreten Plan für einen Überfall ist nicht die Rede.

Der Entlastungsversuch Belgrads scheint damit missglückt zu sein. Doch am Ausbruch des großen Mordens beteiligt war der Offizier auf andere Weise: Auf seine Einladung kam der Thronfolger nach Sarajewo, um einem Manöver beizuwohnen.

Sicherheitsbedenken schlug er in den Wind, auch als ein erstes Attentat an jenem 28. Juni 1914 in Sarajevo missglückte, sorgte er nicht dafür, dass der Erzherzog schnellstmöglich die Stadt verließ oder zumindest sein Besuchsprogramm abbrach. Es hätte Potioreks Prestige geschadet - schließlich war ja er für die Sicherheit verantwortlich.

Als die Schüsse fielen, saß der Offizier mit dem Thronfolger im Auto. Attentäter Princip sagte später, dass er eigentlich ebenfalls Potiorek töten wollte - doch stattdessen ermordete er Sophie, die Gattin Franz Ferdinands.

Wenige Wochen später begann das große Gemetzel, an dem Potiorek als Oberbefehlshaber der k.-u.-k. Truppen auf dem Balkan mitmischen sollte. Die Serben haben auch heute guten Grund, ihn der Kriegslüsternheit zu bezichtigen. Denn wie er über den Waffengang dachte, notierte er damals in seinem Tagebuch: "Mein Krieg hat heute begonnen".

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© SZ.de/dpa/Thomas Brey/odg/lala

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