Süddeutsche Zeitung

Serbien und der Erste Weltkrieg: Missglückter Entlastungsversuch

100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges feiert nicht nur der serbische Filmemacher Emir Kusturica den Brief eines österreichischen Militärs, der angeblich den Waffengang Wiens vorwegnimmt - und damit Belgrad entlastet. Doch die Sache hat einen Haken.

Wer hat Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor bald 100 Jahren? Die Frage beschäftigt Historiker nun schon seit Generationen. Fakt ist, dass es damals Kriegstreiber in allen Hauptstädten der europäischen Großmächte gab und in Berlin Wilhelm II., den flatterhaften wie militärverliebten deutschen Kaiser.

Fakt ist auch, dass Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn den Glanz seines Reiches mit der Expansion auf dem Balkan aufpolieren wollte. Ähnliches, nur eine Nummer kleiner, hatten auch die Serben im Sinn. Auch deshalb waren sich Wien und Belgrad schon vor 1914 spinnefeind.

Serbien mag nicht mehr mitschuldig sein

Am 28. Juni jenes Jahres starb der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand durch die Pistolenkugel des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip. Der greise Habsburger-Kaiser in Wien fackelte nicht lange. Ein Monat später war es mit dem Frieden vorbei. Der Kriegserklärung der Österreichs an Serbien folgten Bündnismechanismen - ein furchtbarer Dominoeffekt. Binnen weniger Tage befanden sich alle Großmächte Europas im Krieg.

Halt, so war es nun doch nicht ganz, schallt es dieser Tage aus Belgrad. Serbien ist es leid, als Mitverursacher des Ersten Weltkriegs zu gelten. Das hat die Staats- und Regierungsspitze wiederholt klargemacht.

Pünktlich zum Jubiläumsjahr will Belgrad die Wahrheit zum Kriegsausbruch vorlegen - seine Wahrheit. Der international renommierte serbisch-bosnische Regisseur Emir Kusturica hat als Vorsitzender des serbischen Vorbereitungskomitees zum 100. Jahrestag des Weltkriegsausbruchs sich der Causa angenommen.

Er will dazu einen Dokumentarfilm drehen, kündigte er nun an. Dazu präsentierte er ein Dokument aus dem Belgrader Staatsarchiv, das angeblich Sensationelles enthält: Die historische Entlastung Serbiens.

Kopfschütteln bei internationalen Forschern

Es handelt sich um einen Brief des damaligen österreich-ungarischen Gouverneurs in Bosnien, Zeugmeister Oskar Potiorek, der sowohl das Militär, als auch die Zivilverwaltung in dem Landstrich kontrollierte. Der ehrgeizige Offizier Potiorek schrieb an den österreichisch-ungarischen Finanzminister Leon Bilinski am 28. Mai 1913 den besagten Brief.

Darin werde deutlich, dass das Habsburger-Reich bereits ein Jahr vor Kriegsbeginn die große militärische Auseinandersetzung geplant habe, so erklärten es zumindest serbische Historiker. "Das ist unsere Antwort auf den Versuch, die Geschichte umzudeuten", begründete Filmemacher Kusturica den Schritt.

Die serbischen Medien jubelten. "Die Österreicher haben den Ersten Weltkrieg ein Jahr vor dem Mord an Ferdinand geplant" und "Wien hat schon 1913 den Krieg geplant", titelten die beiden größten Zeitungen Novosti und Blic. "Wir sind nicht schuld am Krieg. Potiorek hat den Schlag gegen Serbien ein Jahr vor dem Attentat geplant", ging Telegraf noch einen Schritt weiter.

Der Brief sei "eine Primärquelle und eine der bedeutendsten Quellen zur Erforschung der Kriegsschuldfrage", behauptete Archiv-Direktor Miroslav Perisic. Allerdings sei er bisher von allen "revisionistischen Historikern totgeschwiegen" worden, weil sie sonst die Auslösung des Weltkrieges nicht auf "Serbien und Russland" abschieben konnten.

Der Hardliner schwadronierte vom Krieg - und von Abkommen

In der internationalen Fachwelt löste das Belgrader Frohlocken Kopfschütteln aus. Der Brief sei "nichts Großartiges", sagte der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner. "Wieso der Brief je in Belgrad gewesen sein soll, ist mir schleierhaft". Dazu lieferte das Staatsarchiv diese Erklärung: Man verfüge über eine etwa 1930 angefertigte maschinengeschriebene Abschrift des handschriftlichen Briefes.

Daraufhin gingen die Archivare auf Tauchstation. Archivdirektor Perisic ließ sich vor Journalisten verleugnen, die nach dem Original der Abschrift in deutscher Sprache fragten. Das Staatsarchiv hatte lediglich eine serbische Übersetzung vorgelegt. In dieser Übersetzung steht so ziemlich das Gegenteil dessen, was ihm Serbien zuschreibt.

Zwar schwadroniert Offizier Potiorek darin von einem "unausweichlichen Krieg in einigen Jahren". Man könne "Serbien niemals zu einem verlässlichen Freund machen", weil das Land "in jedem künftigen Krieg offen und erbittert auf der Seite unserer übrigen Feinde kämpfen wird".

Allerdings nennt der bei den Serben verhasste Hardliner Potiorek auch eine friedlichere Variante: Man müsse Serbien "dadurch ungefährlich machen, dass die Monarchie (Österreich-Ungarn) wenigstens ein Handels-, Zoll- und Militärabkommen" mit diesem Balkanland schließe, schreibt Potiorek. Von einem Präventivschlag, einem konkreten Plan für einen Überfall ist nicht die Rede.

Der Entlastungsversuch Belgrads scheint damit missglückt zu sein. Doch am Ausbruch des großen Mordens beteiligt war der Offizier auf andere Weise: Auf seine Einladung kam der Thronfolger nach Sarajewo, um einem Manöver beizuwohnen.

Sicherheitsbedenken schlug er in den Wind, auch als ein erstes Attentat an jenem 28. Juni 1914 in Sarajevo missglückte, sorgte er nicht dafür, dass der Erzherzog schnellstmöglich die Stadt verließ oder zumindest sein Besuchsprogramm abbrach. Es hätte Potioreks Prestige geschadet - schließlich war ja er für die Sicherheit verantwortlich.

Als die Schüsse fielen, saß der Offizier mit dem Thronfolger im Auto. Attentäter Princip sagte später, dass er eigentlich ebenfalls Potiorek töten wollte - doch stattdessen ermordete er Sophie, die Gattin Franz Ferdinands.

Wenige Wochen später begann das große Gemetzel, an dem Potiorek als Oberbefehlshaber der k.-u.-k. Truppen auf dem Balkan mitmischen sollte. Die Serben haben auch heute guten Grund, ihn der Kriegslüsternheit zu bezichtigen. Denn wie er über den Waffengang dachte, notierte er damals in seinem Tagebuch: "Mein Krieg hat heute begonnen".

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