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CDU-Mann Roland Koch:Der Mann, der nicht Kanzler wurde

Roland Koch kannte lange nur einen Weg: nach oben. So wurde der Konservative hessischer Ministerpräsident und CDU-Vize. Alle weiteren Pläne scheiterten an Angela Merkel. Nun zieht sich Koch aus der aktiven Politik zurück.

Oliver Das Gupta

Lange Zeit sollte Roland Koch der neue Helmut Kohl werden. In der CDU galt er als der kommende erste Mann - doch die Rivalin Angela Merkel griff beherzt zur Macht. Der hessische Hardliner scheiterte an der Ostdeutschen - nun könnte er, gewissermaßen posthum, ihr gefährlichster Parteifreund werden.

Roland Koch tritt zurück

Roland Koch, hessischer Ministerpräsident und Polit-Krawallmacher, will Ende 2010 seine Karriere beenden.

(Foto: online.sdepolitik)

So einer wie Friedrich Merz, der ehemalige Fraktionschef der CDU, der jüngst in einem Buch die Führungsschwäche der Kanzlerin und ihre konservative Profillosigkeit geißelte.

Am vergangenen Wochenende hat Roland Koch, 52, seinen engen politischen Freunden den folgenreichen Entschluss vermutlich verkündet. In Barcelona weilte der hessische Ministerpräsident gemeinsam mit dem niedersächsischen Amtskollegen Christian Wulff, während im fernen Berlin die Fetzen flogen: Bisweilen rüde debattierte der Bundestag über das deutsche 148-Milliarden-Paket für die Rettung des Euro. Die schwarz-gelbe Parlamentsmehrheit stimmte für das Gesetz, wenig später gab der Bundesrat sein Plazet - ohne die Länderchefs Koch und Wulff.

Rücktrittsbesprechungen im "informellen Freundeskreis"

Deren Fernbleiben, kolportiert die Stuttgarter Zeitung, ohne ihre Quelle zu nennen, habe keinen demonstrativen Charakter, das Treffen am Mittelmeer sei schon seit Monaten geplant gewesen. Koch und Wulff waren nicht allein ins sonnige Katalonien gereist: Um sich scharten die Ministerpräsidenten einen "informellen Freundeskreis" der Union.

Nun wird offenbar, was Koch und Konsorten besprochen haben: Den Rückzug aus den politischen Spitzenpositionen.

Schon von Juni an räumt er den hessischen Landesvorsitz, im August übergibt er die Wiesbadener Staatskanzlei, vermutlich an Volker Bouffier, den Landesinnenminister und politischen Weggefährten seit Jugendtagen. Und im November endet auch seine Amtszeit als stellvertrender Bundesvorsitzender der CDU.

Ein Abschied auf Raten.

Er möchte in die Wirtschaft wechseln, erklärt Koch, er sei schließlich auch Anwalt. Und er sagt den Satz: "Politik ist ein Teil meines Lebens, aber nicht mein Leben." Das mag heute gelten, früher hätte es wohl ganz simpel heißen müssen: "Politik ist mein Leben." Denn Koch wollte vor allem eines: nach oben, und das so schnell wie möglich.

Seine Karriere hat der gebürtige Frankfurter entsprechend rasant begonnen. Koch, der Sohn eines CDU-Politikers, trat mit 14 in die Junge Union ein, war bald jüngster Vorsitzender eines CDU-Kreisverbandes.

Klassensprecher Koch

Früh knüpfte er Seilschaften, die bis heute vital wirken: Ende der siebziger Jahre schloss Koch auf einer Südamerikareise den "Andenpakt", einen Männerbund, in dem Frauen nichts zu suchen haben. Neben Wulff sind Franz Josef Jung, Günther Oettinger, Volker Bouffier, Elmar Brok, Hans-Gert Pöttering dabei sowie auch Friedbert Pflüger, Christoph Böhr und Matthias Wissmann. Später werden laut Spiegel auch Peter Müller und Friedrich Merz aufgenommen. Man gelobt, sich politisch nicht in die Quere zu kommen.

Die Bundesrepublik wurde aufgeteilt: Brok und Pöttering zog es zur EU, Böhr versuchte es in Rheinland-Pfalz, Pflüger in der Bundespolitik. Wissmann wurde Bundesminister unter Kohl. Oettinger machte Karriere in Baden-Würrtemberg, Wulff in Niedersachen, Koch in Hessen. Bouffier und Jung blieben in Kochs Windschatten - denn der durchsetzungsfähige, alles andere als maulfaule Jurist galt als Klassensprecher.

Helmut Kohl soll schon in den späten Jahren seiner Kanzlerschaft den schneidigen Jung-Konservativen Koch dazu ausersehen haben, ihn politisch zu beerben. In diesem Bewusstsein trieb der Hesse seine Karriere voran.

1999 war seine große Chance gekommen: Im hessischen Landtagswahlkampf polemisierte er gegen die doppelte Staatsbürgerschaft der damals neuen rot-grünen Bundesregierung, Koch initiierte eine Kampagne, die grenzwertig war - und ihm den Wahlsieg brachte.

Koch wankt, fällt aber nicht

Im selben Jahr wurden die schwarzen Kassen der CDU bekannt. Es ist die Zeit, in der sich Kochs Mentor Kohl nachhaltig beschädigt, weil er sich hartnäckig weigert, die Spender zu nennen. Der hessische Zweig der CDU-Affäre machte dem Jung-Ministerpräsidenten Koch fast den politischen Garaus. Der versprach zunächst "brutalstmögliche" Aufklärung der Causa, musste später einräumen, über die Rückdatierung eines Kreditvertrages gelogen zu haben.

Roland Koch wankte, fiel aber nicht: Sein Staatskanzleichef Jung gab das willige Bauernopfer: Er nahm die Schuld auf sich und warf hin. Jahre später wird Koch seinen treuen Adlatus als Verteidigungsminister in die Regierung Merkel bugsieren, er wird Kochs Mann am Kabinettstisch.

Auch CDU-Chef Wolfgang Schäuble geriet in den Schwarzgeldstrudel. Er räumte ein, 100.000 Mark vom Waffenhändler Karlheinz Schreiber angenommen zu haben - und musste zurücktreten. Schäubles Abgang kam zu früh für Koch, der mit Mühe die Schwarzgeldaffäre überstanden hatte. In diese Lücke stieß jemand, mit dem die westdeutschen CDU-Männer nicht gerechnet hatten: Angela Merkel.

Die Ostdeutsche unterscheidet sich gravierend von Koch, Wulff und Co.: Sie ist nicht nur kinderlos und geschieden, verheiratet, sondern hat ihren politischen Weg auch nicht durch Seilschaften und eine jahrelange Ochsentour durch die Partei geschafft. Merkel war 1999 einfach da.

Eine Übergangslösung, so dachten wohl nicht nur Koch und der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Auch der damalige FDP-Generalsekretär und heutige Vizekanzler Guido Westerwelle prophezeite im Jahre 2000, Merkel könne sich nicht halten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Gerhard Schröder Kochs Fahrplan ins Kanzleramt durchkreuzte.

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