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Regierung nach Guttenberg:Frustabbau im Wahlkampf

Nun sieht sich Merkel wegen ihrer Unterscheidung von wissenschaftlicher Reputation und politischer Befähigung einem Aufruhr in Teilen des Bildungsbürgertums ausgesetzt, den sie selbst angefacht hat und den sie nicht beruhigen wird, solange sie so tut, als erkenne sie ihren Fehler nicht. Merkel gerät vielmehr in Widerspruch zu dem Ansehen, das sie sich in den Jahren als Regierungschefin erarbeitet hat: Nüchterne Klugheit ist zur Basis ihrer Glaubwürdigkeit geworden - genau deshalb nimmt man ihr jetzt nicht ab, wenn sie sich, bei allem Respekt, dümmer stellt, als man sie kennt.

Zugleich muss Merkel die Desillusionierten bei Laune halten, die von Guttenberg fasziniert waren und nun entweder von seinem Fehlverhalten als Doktorand enttäuscht sind oder aber in seinem Rücktritt den eigentlichen Fehler sehen. Jenen, über die gern gesagt wird, Guttenberg habe sie wieder für Politik interessiert, wird Merkel erklären und vorleben müssen, dass Persönlichkeit nur einen Teil von Politik ausmacht; dass der Ausgleich von gegensätzlichen Interessen mühsam sein kann, aber zugleich für die Demokratie auch identitätsstiftend ist; dass de Maizière und Friedrich spröde wirken mögen, aber deshalb keine schlechten Politiker sein müssen.

Wenige Stunden nach dem Rücktritt Guttenbergs hat die Kanzlerin am Dienstagabend mal so richtig losgelegt: Im baden-württembergischen Wahlkampf schimpfte Merkel über Scheinheiligkeit und Verlogenheit im Land. Sie meinte damit nicht den Verteidigungsminister a.D., sondern dessen Kritiker. Es war am Ende eines unerfreulichen Tages wohl eine Art Frustabbau.

Es war aber auch Merkels erster Auftritt in einer neuen Rolle: Die CDU-Vorsitzende ist bis auf weiteres die einzig verbliebene Stimmungskanone der Union. Es ist eine Rolle, deren Schrillheit zur selbsternannten Kanzlerin aller Deutschen so wenig passt wie zur neuen Nüchternheit nach dem Revirement des Kabinetts. Doch was bleibt ihr übrig, wenn ihre Partei die nächsten Wahlen überstehen soll?

Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich im Abgang für die Unterstützung der Kanzlerin bedankt. Es ist nicht wirklich ersichtlich, dass Angela Merkel Grund hätte, diesen Dank zu erwidern.

© SZ vom 03.03.2011/jab

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