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Der 1. Mai:Die Gewerkschaften müssen sich neu erfinden

1. Mai Kundgebung

Solidarität ist kein nachwachsender Rohstoff, sie muss immer wieder neu begründet werden: Gewerkschaftsdemo am 1. Mai.

(Foto: dpa)

Nach 100 Jahren ist der Maifeiertag aktueller denn je: als Zeichen der Solidarität im Kampf gegen den Digitalkapitalismus.

Er ist ein ziemlich zäher Hund, der 1. Mai. Als gesetzlicher Feiertag ist er jetzt genau hundert Jahre alt - die Nationalversammlung in Weimar hat ihn im April 1919 dazu erklärt; als Tag der Arbeiter ist er schon Jahrzehnte älter. Der 1. Mai war aber erst einmal nur ein einmaliger gesetzlicher Feiertag damals, allein für das Jahr 1919; ihn schon auf Dauer zu etablieren - das schaffte die Weimarer Republik nicht. Der 1. Mai hat viel ausgehalten seitdem; er hat viel erlebt und überlebt: Proteste und Provokationen, Jubel und Verbote, friedliche und unfriedliche, langweilige, spektakuläre und verbotene Demonstrationen. Er hat den Blutmai von 1929 überlebt, als Karl Zörgiebel, der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, ein Demonstrationsverbot verhängt hatte, das aber ignoriert wurde; die Polizei setzte Schusswaffen ein, der Munitionsverbrauch lag bei etwa 11 000 Schuss; 32 Zivilisten kamen ums Leben (nach anderen Zählungen 39). Der 1. Mai hat auch seine Vereinnahmung durch Hitler überlebt, als er den Nazis als Kulisse für Paraden und Leistungsschauen der deutschen Industrie diente. Die Nazis kaperten das Soziale; sie machten das, was die Weimarer Republik nicht hingekriegt hatte: der 1. Mai wurde von ihnen zum regulären Feiertag bei voller Lohnfortzahlung erklärt.

Der 1. Mai hat auch die staatlich organisierten Feiereien samt Militärparaden in der DDR überlebt, bei denen die Massen "wie dressierte Pferde an der Tribüne vorbeitraben", wie das die Bürgerrechtlerin Freya Klier 1988 in ihrem Tagebuch beschrieb. Mit dem Zusammenbruch der DDR verschwand fast alles, was diesen Staat einmal ausgemacht hatte, auch seine Feiertage; aber dieser 1. Mai blieb.

In der Bundesrepublik wurde aus den gewaltigen Massenkundgebungen der frühen Fünfzigerjahre erst eine Mairevue, dann ein Bratwurstfest, eine Art Volksgaudi für die ganze Familie. Als Kampf- und Feiertag der Arbeit war der 1. Mai bald nicht mehr attraktiv. Er war nun ein Tag künstlicher Vitalität. Der 1. Mai wurde ein Tag zur individuellen Freizeitgestaltung.

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"Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei." Das kam leider nicht so

Das begann sich erst wieder ein wenig zu ändern, als Globalisierung, Rationalisierung und Flexibilisierung um sich griffen. Der in den alten Mai-Liedern besungene "Mann der Arbeit" wachte bedröppelt auf, erkannte aber erst einmal nicht seine Macht, sondern seine Ohnmacht. Denn das Kapital hatte, von Grenzen befreit, die große Freiheit gefunden: Es setzte auf die Reduzierung von Lohnkosten, auf das Gegeneinander-Ausspielen von Standorten, auf Entlassungen. Der 1. Mai stand in der postindustriellen Gesellschaft zunächst mal da wie übrig geblieben aus einer alten Welt, in der die Arbeit noch mehr Wert und Kraft gehabt hatte. Der 1. Mai war wie ein Maiglöckchengruß an alte Zeiten.

Das hat sich wieder geändert, als Hartz IV kam und als die finanzkapitalistischen Spekulationsblasen platzen. Die Sorge vieler Menschen vor einem Abrutschen in prekäre Verhältnisse wuchs und weckte neue Widerständigkeit. Es wurde und wird wieder demonstriert und gestreikt - für mehr Lohn, für bessere Arbeitsbedingungen, für Beschäftigungsgarantien. Und es gab und gibt Verbindungen zwischen dem Gewerkschafts-Mai und den neuen sozialen Bewegungen. Der Traum freilich, den die Schriftstellerin Christa Wolf im November 1989 bei der großen Demo auf dem Berliner Alexanderplatz umjubelt träumte - dieser Traum realisierte sich nicht: "Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei."

Hundert Jahre Maifeiertag. Es ist dies ein Tag, an dem man die Gewerkschaften loben darf. Sie haben aus dem schwächsten Glied in der Trias der Aufklärung, aus der Brüderlichkeit, ein ziemlich starkes Ding gemacht. Freiheit, klar; Gleichheit, auch klar; aber Brüderlichkeit? Aus diffuser Brüderlichkeit wurde, dank der Gewerkschaften, konkrete Solidarität - die erst einmal, im 19. Jahrhundert, eine Solidarität der Proletarier war, eine Solidarität, die auf der Basis gemeinsamer Erfahrungen in den Fabriken entstand.

Die künstliche Intelligenz und immer neue Automatisierungswellen bescheren den Gewerkschaften eine neue Klientel

Die Arbeiter waren verbunden durch Ort, Zeit, Routine und Alltag; man teilte miteinander den Zeitrhythmus; das Fließband, Instrument und Symbol der ersten Rationalisierung, wurde zugleich das Band der verbindenden Erfahrung. Die gewerkschaftliche Solidarität der Arbeiter entstand im Gleichklang von Ort, Raum und Zeit der Produktion, auf der Basis geteilter Lebens- und Arbeitserfahrung. Die Gewerkschaften waren Sprachrohr dieser Gemeinsamkeit. Sie haben Solidarität organisiert und in individuelles und kollektives Arbeitsrecht übersetzt. Das war eine jahrhundertgeschichtliche Leistung.

Aber Solidarität ist kein nachwachsender Rohstoff. Sie bleibt nicht einfach da unter völlig geänderten Arbeitsbedingungen. Wenn die Gleichartigkeit von Lebens- und Arbeitsbedingungen immer weniger besteht, wenn es die gemeinsame Arbeitserfahrung am gemeinsamen Arbeitsort immer weniger gibt, weil das Crowd- working zunimmt und die künstliche Intelligenz die alte Arbeit ersetzt, dann entwickelt sich die konkrete Solidarität wieder zurück zur allgemeinen und diffusen Brüderlichkeit. Das bedeutet: Die Gewerkschaft muss in einer Zeit der zunehmenden Crowd- und Clickworkerei eine neue Rolle finden. Sie muss sich darauf einstellen, dass innerhalb weniger Jahre eine Million Taxi- und Busfahrer, Lieferanten, Lkw- und Gabelstaplerfahrer ihre Arbeit verlieren werden, weil die fahrerlose Mobilität kommt. Die Gewerkschaften müssen sich auf die künstliche Intelligenz einstellen, auf eine neue Automatisierungswelle - nicht nur in der Industrie, sondern in fast allen Bereichen der Dienstleistung, wo künstliche Intelligenz die Arbeit von Büroangestellten (bis hin zu Betriebswirten und Juristen) übernehmen wird.

Die Digitalisierung wird den gesamten Wertschöpfungsprozess erfassen: von der Erfindung bis zur Entsorgung. Die Grenzen zwischen Arbeitnehmer- und Selbstständigenstatus werden fließend sein. Die Gewerkschaften werden sich also zu Organisationen gegen die digitale Kommerzialisierung des Lebens entwickeln müssen, zum Widerpart der Digitalkapitalisten, zu einer konzentrierten Interessenvertretung weit über den Kreis ihrer jetzigen Klientel hinaus. Die Gewerkschaften werden sich neu erfinden müssen. Dann könnte es sein, dass es den 1. Mai auch noch in fünfzig Jahren, im Jahr 2069, gibt.

Kolumne von Heribert Prantl

Heribert Prantl ist seit 1. März 2019 Kolumnist und ständiger Autor der Süddeutschen Zeitung. Zuvor leitete er das Ressort Meinung sowie die Innenpolitik und war Mitglied der Chefredaktion. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.