Präsidentschaftswahl Frankreich zwischen Terror und Richtungswahl

Nie war die Nervosität vor dem Ausgang der Präsidentschaftswahl so groß. Und dann kam auch noch der Terror zurück. "Das hilft Le Pen", glaubt so mancher Franzose.

Von Leila Al-Serori, Paris

"Das war es mit unserer Freiheit", schimpft die zierliche Frau mit dem graublonden Pagenkopf und dreht sich zu einem älteren Pärchen. "Liberté? Dass ich nicht lache. Überall nur Polizei." Der Mann antwortet ihr mit einem Stirnrunzeln: "Aber jetzt müssen wir doch für mehr Polizei sein, nachdem..." Er zeigt auf die weißen Blumen am Boden, die brennenden Kerzen.

Am Donnerstag ist an dieser Stelle ein Polizist von einem islamistischen Attentäter erschossen worden, mitten auf den Champs-Élysées, der Prachtstraße im Zentrum von Paris.

Die paar Dutzend Pariser, die jetzt noch hier stehen, trauern, aber vor allem diskutieren sie. 47 Millionen Franzosen wählen an diesem Sonntag im ersten Durchgang einen neuen Präsidenten. Und der Anschlag so kurz vor der Wahl könnte ihre Entscheidung auf den letzten Metern noch beeinflussen - zumindest Rentnerin Amandine, eine zierliche, aber lautstarke Frau, ist sich da sicher. "Das hilft Le Pen", sagt sie. Das Pärchen nickt zustimmend.

Wahl in Frankreich Kampf um den Élysée-Palast
Wahl in Frankreich

Kampf um den Élysée-Palast

Die Franzosen schicken in der ersten Runde zwei Kandidaten in die Stichwahl ums Präsidentenamt. Es kann knapp werden. Ein Blick auf die möglichen Duelle der Favoriten.   Von Christian Wernicke

Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National (FN) und ihr parteiloser Konkurrent, der wirtschaftsliberale Konkurrent Emmanuel Macron, führen die Umfragen an. Vor allem Le Pen scheint relativ sicher in die Stichwahl zu kommen, in Umfragen liegt sie bei mehr als 20 Prozent. Die FN-Chefin propagiert seit Jahren einen anti-islamischen Kurs, will die Polizisten aufstocken und die Grenzen schließen. Ein Attentat so kurz vor der Wahl könnte ihr helfen. Aber lässt sich das terrorerprobte Land davon maßgeblich beeinflussen? Bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse am Abend kann man darüber nur spekulieren.

Das Rennen ist spannend wie nie, Demoskopen und Experten trauen sich kaum, einen Tipp abzugeben. Neben Macron und Le Pen kann sich auch der Konservative François Fillon ("Les Républicains") Hoffnung auf die Stichwahl am 7. Mai machen, genauso wie der linke EU-Gegner Jean-Luc Mélenchon ("La France Insoumise"). Jeder vierte Franzose war zuletzt noch unentschlossen, wem er seine Stimme geben möchte.

Macron, für viele ein Hoffnungsträger

Insgesamt elf Kandidaten stehen zur Wahl, aber nur die vier genannten Politiker haben Aussichten, François Hollande in den Élysée-Palast nachzufolgen. Der derzeitige Staatspräsident ist so unbeliebt, dass er sich nicht einmal mehr aufstellen lassen wollte. Nicht die einzige Überraschung in diesem Wahlkampf.

Für eine solche sorgte Anfang des Jahres François Fillon, der damals noch als großer Favorit galt. Mit einem Skandal um die Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau spielte er sich selbst ins Abseits. Plötzlich wurde Emmanuel Macron zum Favoriten auserkoren. Er ist als früherer Wirtschaftsminister im Kabinett Hollande kein neues Gesicht für die französischen Wähler, tritt aber ohne etablierte Partei im Hintergrund an und ist ideologisch noch nicht festgelegt. Im europäischen Ausland hoffen viele, dass Macron Frankreich und Europa vor einer Präsidentin Le Pen bewahren kann. Am Donnerstag holte Macron sich telefonische Unterstützung vom früheren US-Präsidenten Barack Obama.