Wahl in Frankreich Kampf um den Élysée-Palast

Die Franzosen schicken in der ersten Runde zwei Kandidaten in die Stichwahl ums Präsidentenamt. Es kann knapp werden. Ein Blick auf die möglichen Duelle der Favoriten.

Von Christian Wernicke, Paris

Vier eindeutige Favoriten - und doch totale Unklarheit: Vor dem ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahl weiß niemand, wer künftig im Élysée-Palast regieren wird. Die Finanzmärkte sind nervös, in Brüssel und Berlin blicken die Europäer bange auf die Hochrechnungen.

Auch die aufwendigste Umfrage mit mehr als 11 000 Befragten, konzipiert vom angesehenen Centre de Recherches politiques (Cevipof) in Paris und publiziert von Le Monde, bestätigt: Der Sozialliberale Emmanuel Macron (23 Prozent) und die Rechtspopulistin Marine Le Pen (22,5 Prozent) liegen zwar knapp vorn, doch der Republikaner François Fillon (19,5 Prozent) wie auch der linksradikale Jean-Luc Mélenchon (19 Prozent), der Anführer des "unbeugsamen Frankreichs", haben noch beste Chancen, es in die Stichwahl am 7. Mai zu schaffen.

Wichtigster Grund für die Ungewissheit ist das Wahlrecht: Die Franzosen dürfen zweimal votieren. Im ersten Durchgang am 23. April haben sie die Wahl zwischen elf Kandidaten, nur der Erst- und Zweitplatzierte kommen in die Stichwahl zwei Wochen später.

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Traditionell stimmen viele Bürger im ersten Durchgang mit dem Herzen ab, ohne taktische Hintergedanken: So dürften chancenlose Außenseiter wie der wortflinke Anti-Kapitalist Philippe Poutou oder der europhobe Nicolas Dupont-Aignan 1,5 bis vier Prozent ergattern. Eine Chance auf ein Weiterkommen haben sie jedoch genauso wenig wie Benoît Hamon, der Kandidat der Sozialisten. Der chronische Kritiker von Präsident François Hollande wird wohl unter der "Schamschwelle" von zehn Prozent bleiben, ein Desaster für die Regierungspartei.

Bei bisherigen Wahlen galt als Faustregel, dass die Vernunft der Franzosen - also die Bereitschaft, fürs "kleinere Übel" zu stimmen - erst nach der ersten Runde einsetzt. Diesmal jedoch gelten andere Regeln, diesmal sind Kalkül und Strategie bereits zu Beginn gefragt. Vor allem die Sympathisanten der Linken müssen abwägen, wie sie das - aus ihrer Sicht - "Horror-Duell" zwischen Marine Le Pen vom Front National und dem rechtskatholischen François Fillon abwenden: Stärken sie per "vote utile" (nützliche Stimme) den gemäßigten Macron oder lieber den tiefroten Mélenchon?

Zitterpartie, bis Sonntagnacht

Ein ähnliches Dilemma plagt moderate Republikaner: Bleiben sie ihrem von Skandalen belasteten Parteikandidaten Fillon treu - oder wechseln sie lieber präventiv zu Macron? Fallen beide an diesem Sonntag durch, stünde Frankreichs politische Mitte am 7. Mai vor einer schwierigen Entscheidung: Le Pen oder Mélenchon. Der Verlierer wäre Europa: Beide Extremisten wollen raus aus der EU.

Es wird eine Zitterpartie, bis Sonntagnacht. Denn 28 Prozent jener Wähler, die an die Urnen gehen wollen, sagen, sie seien noch unsicher. Nur Le Pen und Fillon haben mit mehr als 80 Prozent fest entschlossenen Anhängern einen recht zweifelsfreien Wählersockel. Zudem ist unklar, ob und welche Auswirkungen der Terrorangriff auf den Pariser Champs-Élysées vom Donnerstagabend auf das Stimmverhalten haben wird. Die Umfrage wurde schon vor der Attacke durchgeführt.

Hinzu kommt die absehbar niedrige Wahlbeteiligung. 28 Prozent aller Befragten sagten, sie wollen nicht wählen gehen. So viele Enthalter gab es zuletzt 2002: Damals scheiterte der Sozialist Lionel Jospin im ersten Wahlgang, stattdessen zog Jean-Marie Le Pen, der Vater von Marine, gegen Jacques Chirac ins Rennen. Chirac gewann die Stichwahl mit 82 Prozent. Ein Blick auf die sechs nun möglichen Duelle zeigt: Auch diesmal würde die Familie Le Pen wohl nicht durchkommen. Aber sicher ist nichts.

Welche Optionen sind in der Stichwahl möglich - und wer hätte dann die besseren Chancen? Eine Übersicht

Bildung zählt

SZ-Grafik; Quelle: Cevipof, Ipsos - Sopra Steria und Le Monde; Fotos: AFP

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Macron gegen Le Pen, so lautet das wahrscheinlichste Szenario. Es wäre der Showdown zwischen der Nationalistin und dem Europäer, die Wahl zwischen Abschottung und Weltoffenheit. Le Pen sagt: "das Volk" gegen "die Eliten". Unten gegen oben? Für die FN-Vorsitzende würden vor allem Franzosen mit geringem Einkommen und niedriger Bildung stimmen. Macron erzielt hohe Werte bei Akademikern, Führungskräften, Vermögenden, Studenten. Die Linke würde sich zähneknirschend bei Macron einreihen. Die Republikaner wären gespalten: vier von zehn für Macron, drei von zehn für Le Pen - und der Rest verzagt.

Jung und alt

SZ-Grafik; Quelle: Cevipof, Ipsos - Sopra Steria und Le Monde; Fotos: AFP

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Macron, 39, gegen Fillon, 63 - das wäre das Duell Jung gegen Alt. Der Republikaner und Ex-Premierminister Fillon hat in fast 40 Jahren Berufspolitik (mit oft mehr als einem Amt gleichzeitig) 91 Mandatsjahre angehäuft. Macron war Élysée-Berater und Minister unter François Hollande, stellte sich jedoch noch nie einer Wahl. Die meisten Linken dürften zu Macron tendieren. Die Anhänger des Front National wären gespalten: Je ein Viertel würde laut Umfragen zu Macron und Fillon driften. Um die Unentschlossenen wird Fillon mit der Behauptung kämpfen, Macron sei ein "zweiter Hollande".

Viele Nichtwähler

SZ-Grafik; Quelle: Cevipof, Ipsos - Sopra Steria und Le Monde; Fotos: AFP

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Ein Gegner namens François Fillon wäre die wohl beste Chance für Marine Le Pen, Präsidentin zu werden. Denn die "republikanische Front" gegen den FN bröckelt: Viele Linke würden angesichts der Alternative zwischen rechts und rechtsextrem am 7. Mai daheim bleiben. Fillon ist nicht nur wegen der mutmaßlichen Scheinbeschäftigung seiner Frau verhasst. Der Republikaner hat Sparmaßnahmen, ein Ende der 35-Stunden-Woche und die Streichung von 500 000 Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst angekündigt. Le Pen propagiert ein eher linkes, protektionistisches Wirtschaftsprogramm.

Unten gegen oben

SZ-Grafik; Quelle: Cevipof, Ipsos - Sopra Steria und Le Monde; Fotos: AFP

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Tiefrot gegen Zartrosa: Der begnadete Verbal-Radikalist Jean-Luc Mélenchon würde aus dem Duell gegen den Ex-Banker Emmanuel Macron eine Variante des Kampfes unten gegen oben machen: Volk gegen Elite, Malocher gegen Hochfinanz. Dieses Duell würde Frankreichs Sozialisten zerreißen: Der Kandidat Hamon will zur Wahl von Mélenchon aufrufen, die Sozialdemokraten um Präsident François Hollande stünden hinter Macron. Viele Republikaner dürften Macron wählen. Zum Zünglein an der Waage würden die FN-Anhänger: Viele wählten lieber den Volkstribun als den Absolventen der Elite-Uni Ena.

Das alte Muster

SZ-Grafik; Quelle: Cevipof, Ipsos - Sopra Steria und Le Monde; Fotos: AFP

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Auf den ersten Blick ist dies die traditionelle Rechte gegen die alte Linke. Mélenchon könnte auf den Rückhalt des linken Spektrums bauen, auch die linke Hälfte der Macron-Wähler würde zum Anführer des "unbeugsamen Frankreichs" überlaufen. Das Duell wäre zugleich eine weitere Auflage des Kampfes "Volk" gegen "Elite", und die Wähler des Front National könnten diesen Showdown entscheiden. Im altindustriellen Norden wären viele Arbeitslose und Arbeiter eher Mélenchon zugeneigt, im konservativen Süden hingegen würde eine Mehrheit der Le-Pen-Sympathisanten wohl den Republikaner stärken.

Raus aus Europa

SZ-Grafik; Quelle: Cevipof, Ipsos - Sopra Steria und Le Monde; Fotos: AFP

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Der Albtraum aller Europäer: Wäre dies die französische Alternative nach dem ersten Durchgang, würde die Nation schon vor der Wahl des neuen Präsidenten eine Kapitalflucht erleben. Mélenchon wie Le Pen wollen raus aus dem real existierenden Europa, wollen Fiskalunion und Euro-Regeln aufkündigen. Beide wollen Frankreichs militärische Integration in der Nato beenden und mehr Nähe zu Russland suchen. Mélenchon dürfte mit dem Rückhalt der meisten Sozialisten und mehr als der Hälfte der Macron-Wähler rechnen. Le Pen wiederum erhielte wohl um die Hälfte der Stimmen enttäuschter Republikaner.

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