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NS-Prozess:Lange her und doch so nah

Der 93-jährige Angeklagte Bruno D. bei der Ankunft vor Gericht.

(Foto: AFP)
  • Vor 75 Jahren war Bruno D. Wachmann im KZ Stutthof.
  • Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Beihilfe zum tausendfachen Mord geleistet zu haben.
  • D.s Anwalt Stefan Waterkamp glaubt, mit dem späten Prozess solle "das Versagen bei der Aufarbeitung dieser Verbrechen" wieder gut gemacht werden.

Judy Meisel war ein Mädchen von 13, vielleicht 14 Jahren, als sie ihre Mutter zum letzten Mal sah. Sie standen mit den anderen Frauen, die im Konzentrationslager Stutthof eingesperrt waren, bereits entkleidet vor der Gaskammer. Judy schaffte es, zur Baracke zurückzulaufen. Ihrer Mutter gelang das nicht. "Stutthof war der organisierte Massenmord der SS, ermöglicht durch Wachmänner. Sie sorgten dafür, dass keiner aus dieser Hölle entkommen konnte."

Die Worte von Judy Meisel, die heute 94 Jahre alt ist und in den USA lebt, trägt ihr Anwalt in einem Hamburger Gerichtssaal vor. Meisel ist nicht mehr in der Lage, persönlich dem Prozess in Deutschland zu folgen, der seit diesem Donnerstag dem Hamburger Rentner Bruno D. gemacht wird. Sie, die Überlebende, gehört zu den Nebenklägerinnen. D., heute 93 Jahre alt, war Wachmann im Lager Stutthof. Er war 17 Jahre alt, als er zur Wehrmacht eingezogen, für kriegsuntauglich befunden und ins KZ in der Nähe von Danzig abkommandiert wurde, er stammt aus der Gegend.

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Wie viel persönliche Schuld trägt er am Tod von mindestens 5230 Menschen, die in der Zeit seines Dienstes vom 9. August 1944 bis zum 26. April 1945 in dem Vernichtungslager zu Tode kamen?

Große Schuld, glaubt die Staatsanwaltschaft. Sie wirft Bruno D. Beihilfe zum Mord in eben diesen 5230 Fällen vor. Sein Anwalt Stefan Waterkamp glaubt, mit dem späten Prozess solle "das Versagen bei der Aufarbeitung dieser Verbrechen" wieder gut gemacht werden - das Versagen der alten Bundesrepublik, in der die ehemaligen Nazis auch in der Justiz gesessen hätten. Zu jener Zeit seien nur die Organisatoren und jene, die direkt am Töten beteiligt waren, zur Rechenschaft gezogen worden. Wäre es anders gewesen, sagt der Anwalt, "die Juristen hätten sich selbst auf die Anklagebank setzen müssen". Jahrzehntelang habe sich niemand für Wachleute und andere Bedienstete interessiert, auch wenn die Justiz wusste, wo sie eingesetzt worden waren. Diese Nicht-Aufarbeitung sei skandalös gewesen, aber sein Mandant Bruno D. habe annehmen dürfen, unschuldig zu sein am Massenmord. Schon 1975 hätten Vorermittlungen gegen ihn stattgefunden, ohne Anklage, und 1985 habe D. als Zeuge in einem anderen Verfahren über seine Wachmann-Vergangenheit ausgesagt. Es hatte keine Folgen. Nun sehe er "sein ganzes Leben in Frage gestellt".

Tatsächlich: Erst seit 2016, als der Bundesgerichtshof eine vierjährige Haftstrafe für den Auschwitz-Bediensteten Oskar Gröning bestätigte, reicht die "allgemeine Dienstausführung" aus, um sich möglicherweise schuldig im Sinne einer Mordanklage gemacht zu haben. Schon zuvor, im Prozess gegen den KZ-Helfer John Demjanjuk, hatte sich diese Haltung der deutschen Justiz gezeigt. Nur diese neue Rechtsprechung, sagt D.s Anwalt, sei der Grund für den Hamburger Prozess.