bedeckt München 22°
vgwortpixel

Gedenken in Warschau:"Dieser Krieg war ein deutsches Verbrechen"

Bundespräsident Steinmeier fordert beim Gedenken in Warschau, als Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg Europa zu stärken. Die Rede des polnischen Präsidenten macht deutlich, warum Putin nicht eingeladen wurde.

Es ist schon ein deutliches Signal, dass Deutschland an diesem Tag doppelt erscheint. Die Frage ist nur: ein Signal wofür genau? Um 11.51 Uhr betritt Bundeskanzlerin Angela Merkel den Piłsudski-Platz in Warschau, begleitet vom polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki. 27 Minuten später heißt der polnische Präsident Andrzej Duda dann Frank-Walter Steinmeier zur offiziellen Gedenkveranstaltung willkommen. Es ist allein deshalb eine ungewöhnliche deutsche Präsenz, weil Staatsoberhaupt und Regierungschefin fast nie gemeinsam ins Ausland reisen.

80 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs steht dieses Signal für die erstaunliche Versöhnung zwischen beiden Ländern. Und doch wirkt es so, als bedürfe es gerade auch wegen der aktuellen Probleme zwischen Warschau und Berlin einer solchen besonderen Demonstration. Es ist, als wolle man nicht aufs Spiel setzen, was über Jahrzehnte an Beziehungsarbeit geleistet wurde.

Geschichte Das Feixen der Landser
Beginn des Zweiten Weltkrieges

Das Feixen der Landser

Noch immer herrscht das Bild vor, Hitlers Wehrmacht sei beim Überfall auf Polen "sauber" geblieben. Ein Sammelband mit Aufzeichnungen von Soldaten widerlegt dies eindrucksvoll.   Rezension von Thomas Urban

Natürlich können die Deutschen dankbar sein, dass sie überhaupt eingeladen wurden, 80 Jahre nach dem Beginn eines Krieges, der unter den Polen etwa sechs Millionen Menschenleben forderte. Und dass der Bundespräsident sogar sprechen darf bei dieser Veranstaltung. Steinmeier wird das später in seiner Rede "das lebendige Wunder der Versöhnung" nennen. Aber nach allem, was man hört, war es nicht Merkel, die darauf drängte, neben Steinmeier auch noch nach Warschau zu reisen. Sie folgte einer ausdrücklichen Bitte der polnischen Seite. Merkels Zusage wurde zudem bekannt, nachdem US-Präsident Donald Trump abgesagt hatte. Aber da bestehe kein Zusammenhang, wird in Berlin beteuert.

Knapp 30 Staats- und Regierungschefs sowie weitere Repräsentanten haben sich versammelt, drei Redner stehen auf dem Programm - Duda, Steinmeier und US-Vizepräsident Mike Pence. Es liegt durchaus Spannung in dieser Konstellation, nicht nur wegen der historischen Bedeutung, sondern auch wegen Animositäten in den gegenseitigen Beziehungen. Die Frage von Reparationen steht zwischen Polen und Deutschen, die Verteidigungsausgaben sorgen für Streit zwischen Amerikanern und Deutschen. Berlin wiederum gehört zu den Kritikern der polnischen Regierung, wenn es um die Wahrung europäischer Werte vor allem im Justizwesen geht. Das offizielle Polen wiederum dürfte nicht begeistert gewesen sein von der kurzfristigen Absage des amerikanischen Präsidenten. Donald Trump ist wegen eines Hurrikans in den USA geblieben. Wird es auch in Warschau stürmisch an diesem Tag - zumindest politisch?

"Die Deutschen haben uns damit gedemütigt", sagt Duda

Andrzej Duda, der Gastgeber spricht als Erster. Er erinnert an die Millionen Toten, an die Zerstörung von Staat und Städten und an die Helden des eigenen Landes. Die Liste der deutschen Verbrechen ist lang, bis hin zu den Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau, die von der Besatzungsmacht in Polen errichtet wurden. "Die Deutschen haben uns damit gedemütigt", sagt Duda, weil sie diese Maschinerien des Todes "auf unserem Boden bauten".

Doch Duda erinnert auch an den Angriff der Sowjetunion am 17. September, "ein Verbündeter der Nazis". Der Abdruck dieser Invasion sei besonders tief, sagt Duda. Und je länger er spricht, desto mehr bekommt man den Eindruck, als sei diese Rede vor allem gen Osten gerichtet. Polen hätten im Zweiten Weltkrieg an allen Fronten gekämpft, auch in anderen Ländern, sagt Duda. Sie seien an der Befreiung Europas beteiligt gewesen, nur Polen selbst habe danach nicht davon profitiert. Die Geschichte des Krieges habe eigentlich erst 1989 geendet mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Heute sei Polen Mitglied in der EU und der Nato, sagt Duda, und vor allem den Aggressionen Russlands, die er unverblümt beim Namen nennt, müsse man entschlossen entgegentreten. Spätestens jetzt wird klar, warum Russlands Präsident Wladimir Putin nicht eingeladen wurde.

Steinmeier ist der zweite Redner. Er sagt, nirgends falle es ihm so schwer, seine Stimme zu erheben, wie auf dem Piłsudski-Platz in Warschau. Er dankt Duda für die Einladung. Er sagt es so eindeutig wie möglich, vielleicht auch ins eigene Land gerichtet: "Dieser Krieg war ein deutsches Verbrechen." Deutschland wolle mit Demut seine Verantwortung annehmen, sagt Steinmeier. "Ein Krieg ist beendet, wenn die Waffen schweigen. Seine Folgen aber sind ein Erbe für Generationen."

Steinmeier will die Verantwortung umsetzen in eine Stärkung Europas. Auch Polen habe den Deutschen im Geist der Versöhnung einen Neubeginn gestattet. Dafür müsse Deutschland nun "mehr beitragen für die Sicherheit Europas. Wir müssen mehr einbringen für den Wohlstand Europas. Wir müssen mehr zuhören für den Zusammenhalt Europas." Die Deutschen hätten "vor dem Spiegel der Geschichte" allen Grund, die glücklichsten Europäer zu sein, so der Bundespräsident. "Aber wir haben keinerlei Grund, uns für die besseren Europäer zu halten."

Gleichwohl mischt Steinmeier unter seine europäische Definition auch Reizworte, die seit Jahren für Streit zwischen der polnischen Regierung und der Europäischen Union sorgen. Das vereinte Europa setze auf die Kraft von Aufklärung und Humanismus, so Steinmeier, sowie auf "Freiheit und Recht". Das aber sind genau die Bereiche, in denen die nationalistische Regierung nach Meinung vieler Kritiker wegen Gängelung der Medien und einer Reform des Justizsystems gegen die europäischen Werte verstößt.

Steinmeier würdigt auch das transatlantische Verhältnis, allerdings auffallend ausführlich in der Vergangenheitsform. Die Macht der amerikanischen Armeen habe den Nationalsozialismus niedergerungen. "Und die Macht von Amerikas Ideen und Werten, seine Weitsicht, seine Großzügigkeit, haben diesem Kontinent eine bessere Zukunft eröffnet." Und dann sagt er an Vizepräsident Mike Pence gewandt: "Vieles davon scheint heute nicht mehr selbstverständlich."

Eine unverblümte Spitze gegen Deutschland

Das scheint der Vizepräsident auch so zu sehen, jedenfalls im Verhältnis zu Deutschland. Doch zunächst würdigt Pence den polnischen Widerstandsgeist sowie die amerikanischen Soldaten, die ihr Leben für die Befreiung Europas geopfert hätten. Mehrmals rekurriert Pence auf eine Rede, die Donald Trump vor zwei Jahren in Warschau hielt. Das erste Zitat lautet: "Die USA lieben Polen und das polnische Volk." Das zweite Zitat ging so: "Amerika hat die Freiheit und Unabhängigkeit Polens niemals aufgegeben und wird es nie tun."

Mittlerweile stünden die USA und Polen vereint zu ihren Verbündeten. Und vereint würden sie weiter manche Verbündete daran erinnern, "zu den Versprechen zu stehen, die sie gemacht haben". Das ist eine unverblümte Spitze gegen Deutschland. Aber gemessen an dem, was Steinmeier und Merkel an diesem Tag über die deutsche Vergangenheit und wirkliche deutsche Verbrechen gehört und auch selbst gesagt haben, ist es auch verkraftbar. Und da Präsident und Kanzlerin zu zweit anwesend sind, ist geteiltes Leid in diesem Falle vielleicht auch halbes Leid.

Das Politische Buch Als jungen Soldaten eine "wundervolle Zeit" versprochen wurde

Zweiter Weltkrieg

Als jungen Soldaten eine "wundervolle Zeit" versprochen wurde

Der Historiker Frederick Taylor beschreibt spannend den Alltag der Deutschen und Briten vor 80 Jahren. Sein Befund: Die Sorgen waren ähnlich, doch die Ideologie war völlig anders.   Rezension von Cord Aschenbrenner