Schulen:Klassenkampf

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Schulen: Klassenzimmer in Berlin: Wenn es nach der Gewerkschaft GEW geht, sollten in Grundschulen maximal 19 Kinder pro Klasse unterrichtet werden.

Klassenzimmer in Berlin: Wenn es nach der Gewerkschaft GEW geht, sollten in Grundschulen maximal 19 Kinder pro Klasse unterrichtet werden.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Warum Berliner Lehrkräfte auf die Straße gehen - und warum sie sich mit einem erfolgreichen Streik womöglich selbst schaden würden.

Von Paul Munzinger

Für Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland gilt: Sag mir, wo du arbeitest - und ich sage dir, wie voll deine Klassen sind. Deutschlandweit kommen auf eine Lehrkraft im Schnitt 24 Schüler, doch je nach Bundesland unterscheidet sich die Klassengröße erheblich. Sie liegt zwischen 21 Köpfen in Sachsen-Anhalt - und 26 in Berlin. Fünf junge Menschen mehr oder weniger also, die etwas lernen wollen und Zuwendung brauchen, die mal schwätzen und mal traurig sind. Sieht man sich nur die Grundschulen an, dann führen Niedersachsen und Rheinland-Pfalz die Statistik an, mit durchschnittlich 19 Kindern pro Klasse. Schlusslichter mit 23 Kindern sind Nordrhein-Westfalen - und, schon wieder, Berlin.

Es ist also kein Zufall, dass an diesem Donnerstag nicht in Mainz oder Magdeburg, sondern in der Hauptstadt Lehrer auf die Straße gehen wollen, um kleinere Klassen zu fordern. Nirgendwo sonst haben sie statistisch gesehen bessere Gründe. Dazu kommt, dass Berlin als einziges Bundesland Lehrkräfte derzeit nicht verbeamtet, das geht erst vom Sommer an wieder. Die angestellten Lehrer sind hier also in der Mehrheit - und nur die dürfen streiken. Die Gewerkschaft GEW rechnet mit 1000 Teilnehmern und hat sehr konkrete Forderungen: höchstens 19 Kinder pro Klasse in der Grundschule, höchstens 21 in Klasse 7, höchstens 24 in den Jahrgangsstufen 8 bis 13. Die Obergrenzen sollen Eingang in den Tarifvertrag finden. Bisher regeln die Bundesländer ganz alleine, wie groß die Klassen sind.

Haben kleinere Klassen tatsächlich einen positiven Lerneffekt?

Dass weniger Schüler pro Klasse sich positiv auf den Unterricht auswirken, klingt wie eine Binse, ist aber durchaus umstritten. Manche Experten halten die Verkleinerung von Klassen für eine Maßnahme, die wenig bringt, aber viel kostet. Der Augsburger Pädagogikprofessor Klaus Zierer etwa weist darauf hin, dass sich ein Effekt nur dann einstelle, wenn die Lehrer den Unterricht an die kleinere Gruppe anpassen - und das geschehe häufig nicht. Andere Studien kommen dagegen zu dem Ergebnis, dass Kinder bessere Leistungen zeigen und seltener sitzen bleiben, wenn sie die Aufmerksamkeit ihrer Lehrer mit weniger anderen Kindern teilen müssen. Unter den Berliner Lehrern jedenfalls ist die Stimmungslage eindeutig, nichts belastet sie einer GEW-Umfrage zufolge mehr als große Lerngruppen. Es gibt Lehrer, für die der hybride Unterricht in einer halbierten Klasse zu den wenigen guten Erfahrungen der Pandemie gehört.

Die Erfolgsaussichten des Berliner Streiks sind dennoch überschaubar, die Tarifgemeinschaft der Länder hat die Forderungen im Oktober abgelehnt. Die GEW macht trotzdem weiter. Sie hofft, dass kleinere Klassen auch die Lage auf dem leer gefegten Berliner Lehrermarkt entspannen könnten, der Lehrermangel trifft die Hauptstadt besonders hart. Mit besseren Arbeitsbedingungen ließen sich, so die Hoffnung, Lehrer zum Aufstocken bewegen, die jetzt in Teilzeit arbeiten; und natürlich würde Berlin attraktiver für Bewerber aus anderen Bundesländern. Denkbar ist aber auch der gegenteilige Effekt: Senkt man die Klassengrößen, braucht man schließlich noch mehr Pädagogen, die es aktuell nicht gibt. Und zumindest kurzfristig hätten die Lehrer, die den Mangel ausbaden müssen, durch kleinere Klassen nicht weniger, sondern mehr Stress.

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