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Landtagswahl im Saarland:Die Grünen versuchen es mit Autosuggestion

Landesmitgliederversammlung Grüne Berlin

Die vier-komma-irgendwas Prozent haben deshalb in Berlin niemanden und im Saarland wahrscheinlich nur wenige wirklich überraschen können.

(Foto: dpa)

Fast verzweifelt will die Partei schönreden, was sich seit Wochen abgezeichnet hatte: eine gewaltige Schlappe im Saarland. Mit ihrer Politik im Bund soll die Niederlage nichts zu tun haben.

Von Stefan Braun

Cem Özdemir gibt sich alle Mühe. Bloß nicht zu sehr nach Frust und Niederlage aussehen. Verlieren und irgendwie doch nicht so richtig wie ein Verlierer aussehen. Also sagt er am Sonntagabend in der Parteizentrale seiner Grünen, das Ergebnis sei nicht schön, ja, es sei schade, dass der "tolle Wahlkampf" der Grünen an der Saar nicht belohnt werde. Aber man müsse - das betont er immer wieder - erst mal die genauen Zahlen abwarten. Es könne nämlich sein, dass die Grünen in absoluten Zahlen gar keine Stimmen verloren hätten. Dann nämlich, so seine Botschaft, hätte "die hohe Wahlbeteiligung den Grünen das Genick gebrochen".

Mal abgesehen davon, dass dieses Sprachbild mindestens unglücklich daherkommt - es ist vor allem der Versuch, irgendwo am Horizont Positives zu entdecken. Und Özdemir fügt noch hinzu, von diesem Abend an sei klar, dass wirklich alles offen sei bis September. Es lohne sich, zu kämpfen, die Grünen hätten nun wirklich alle Möglichkeiten, bis zur Bundestagswahl im Herbst noch zu punkten. Autosuggestion ist wichtig, wenn der Trend sich gegen einen richtet.

Überraschend schmerzhaft freilich ist das Ergebnis am Ende tatsächlich nicht, weil es so lange schon klar gewesen ist. Viel zu früh hatte sich abgezeichnet, dass es an diesem Sonntag im Saarland eine Niederlage geben würde.

Die vier-komma-irgendwas Prozent haben deshalb in Berlin niemanden und im Saarland wahrscheinlich nur wenige wirklich überraschen können. Auch wenn die Berliner Grünen das natürlich gerne verschweigen würden: Die Situation im Bund hat dazu beigetragen. Zu wenig haben sie derzeit dem Genossen Trend entgegenzusetzen. Seit Martin Schulz eine Welle zugunsten der Sozialdemokraten ausgelöst hat, sind auch in den meisten Bundesländern die Werte für die Grünen in den Keller geschossen. Mal, weil sie schlicht an die SPD verlieren; mal, weil sie im aktuellen Duell zwischen Schwarz und Rot kaum noch vorkommen.

"Wir gewinnen gemeinsam, wir verlieren gemeinsam"

Um zu verhindern, dass dieser Effekt auf Dauer alles andere überlagert, haben die Spitzen der Grünen in Berlin schon vor Wochen begonnen, darauf hinzuweisen, wie außergewöhnlich die Lage an der Saar sei. Und auch wenn ihnen das etwas von ihrer Verantwortung nehmen soll - falsch ist die Analyse sicher nicht. Seit mehr als zwanzig Jahren ist der saarländische Landesverband noch garstiger, noch kompromissloser zerstritten, als es die Grünen andernorts je erlebt haben.

Der Riss zwischen dem umstrittenen Landesparteichef Hubert Ulrich, einem Ober-Oberrealo, und jenen, die sich im Saarland wie die Bundesvorsitzende Simone Peter zum linken Flügel der Partei zählen, ist über die Jahre zu einem unüberbrückbaren Graben gewachsen. Entsprechend hat es im von Ulrich ziemlich kompromisslos geführten Verband schon lange keine Geschlossenheit und erst recht keine schlagkräftige Gemeinschaft mehr gegeben. Peter sprach am Abend denn auch von einem ,,schwierigen Pflaster'' für die Grünen - was angesichts der Konflikte eine fast schon höfliche Form der Distanzierung gewesen ist.

Andere erklären am Abend in der Parteizentrale, man sei zwar geknickt, aber "nicht am Boden zerstört"; man habe schließlich schon vorher mit "dem Schlimmsten" gerechnet. Ein bisschen verzweifelt klingt das allerdings.

Wenn man genau hingehört hat in den vergangenen Wochen, dann ist in Berlin noch etwas anderes zu hören gewesen: die heimliche Hoffnung nämlich, dass in diesem Landesverband endlich der Weg für einen Neuanfang frei werde. Niemand sagte das vorher, aber alle denken daran, als die erste Prognosen über die TV-Schirme flimmern.

Und nur kurz darauf werden die Wünsche erhört: Ulrich kündigt seinen Rückzug an.

Angreifbar aber will sich niemand machen. Und Özdemir, der Spitzenkandidat im Bund, will das erst recht nicht. Deshalb sagt er Sätze, die nicht spalten, sondern verbinden sollen. "Wir gewinnen gemeinsam, wir verlieren gemeinsam. Heute haben wir gemeinsam verloren."

Streit, Konflikt, Unruhe - all das kann er jetzt erst recht nicht gebrauchen. Deshalb sagt Özdemir, die Saarland-Grünen hätten "einen tollen Wahlkampf mit bescheidensten Mitteln" hingelegt. Das kleine Bundesland sei für die Grünen schon immer schwierig gewesen.

Verständnisvoll soll das klingen. Und eine zweite Botschaft gleich noch mittransportieren: Anderswo wird es hoffentlich anders laufen.

© SZ vom 27.03.2017/dit

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