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Krieg:Wenn Kindersoldaten nach Deutschland fliehen

Pullach, Burg Schwaneck, Unterkunft für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge

Schätzungen zufolge sind etwa vier Prozent der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland ehemalige Kindersoldaten (Symbolbild aus einer Unterkunft für jugendliche Flüchtlinge)

(Foto: Angelika Bardehle)

Unter den vielen jugendlichen Geflüchteten in Deutschland sind auch ehemalige Kämpfer, die in Afghanistan oder Syrien Schlimmes erlebt haben. Wer ihnen helfen will, muss ihre Probleme kennen.

Von Julia Ley und Lukas Ondreka

An seinem zehnten Geburtstag wird Jamal Soldat. Sein Vater legt ihm ein Gewehr um die Schultern. "Du bist ein Mann", sagt er. Jamal will nicht Soldat werden, aber er kann seinen Vater nicht länger hinhalten. Bis jetzt war ihm das gelungen, er hat auf andere Art geholfen: Essen kochen, Spionieren, Botendienste machen. Doch dieses Mal bleibt der Vater hart.

Jamal heißt in Wirklichkeit anders. Selbst möchte er nicht mit den Medien sprechen. Zu groß ist die Angst, erkannt zu werden, obwohl er seit seiner Flucht aus Afghanistan in Deutschland lebt. Er hat noch Geschwister in Afghanistan, er ist vorsichtig - die Taliban haben bereits seine halbe Familie umgebracht.

An Jamals Stelle erzählt Ralf Willinger von der Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes. Details, durch die man den jungen Mann identifizieren könnte, lässt er aus. Jamals Geschichte soll vor allem ein Problem verdeutlichen: Unter den jugendlichen Flüchtlingen, die seit dem vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind, sind auch viele ehemalige Kindersoldaten.

Dramatischer Anstieg an jugendlichen Flüchtlingen

2009, also vor der großen Fluchtbewegung aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, schätzte das Katholische Jugendsozialwerk auf Basis von Erfahrungen in der Betreuungsarbeit, dass etwa vier Prozent der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland betroffen sein könnten. Damals lebten zwischen drei- und fünftausend jugendliche Flüchtlinge in Deutschland.

Seitdem ist die Zahl um mehr als das Zehnfache auf 60 000 angewachsen - mit einem dramatischen Anstieg im Jahr 2015. Die Traumatherapeutin Dima Zito geht davon aus, dass sich auch die Zahl ehemaliger Kindersoldaten erhöht hat. Zito befasst sich seit Jahren mit dem Thema und hat viele ehemalige Kindersoldaten interviewt.

Fast überall dort, wo momentan Kriege oder bewaffnete Auseinandersetzungen herrschen, werden auch Kinder rekrutiert: in Syrien und im Irak, wo der sogenannte Islamische Staat Minderjährige indoktriniert, aber auch in Pakistan, in Somalia, im Sudan und Südsudan oder in Eritrea. Sie kämpfen für bewaffnete Gruppen oder auf Seiten der Regierung. Allein in Afghanistan könnte in manchen Provinzen jeder zehnte Polizist minderjährig sein, schätzt die britische Organisation Child Soldiers International. Vor kurzem töteten die Taliban einen zehn Jahre alten Jungen, der für afghanische Regierungstruppen gekämpft hatte.

Zwang oder sozialer Druck machen aus Kindern Soldaten

Wenn Kinder freiwillig für ihre Gemeinschaft kämpfen wollen, sei dies oft falsch interpretierte Familienloyalität, sagt Christian Herrmanny von der Kindernothilfe. Manchmal steckt auch der Wunsch dahinter, genauso heldenhaft zu sein wie der große Bruder. Denn Anerkennung und Liebe bekämen sie - wie überall - für sozial erwünschtes Verhalten: In diesem Fall für Gehorsam und die Bereitschaft, auf Befehl zu töten. Häufig werden sie aber auch schlicht gezwungen, von den eigenen Eltern oder von Rebellenführern.

Ob jemand freiwillig oder unter Zwang Kindersoldat geworden ist, spielt nach der Definition der Vereinten Nationen keine Rolle. Kindersoldaten sind demnach "alle Personen unter 18 Jahren, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder benutzt werden oder wurden, egal in welcher Funktion oder Rolle, darunter Kinder, die als Kämpfer, Köche, Träger, Nachrichtenübermittler, Spione oder zu sexuellen Zwecken benutzt wurden".

Aus dem Krieg ins Asylverfahren

Nach dem Tod seiner Eltern und seines Bruders war Jamal plötzlich das Familienoberhaupt, mit 13 Jahren. Mit seinen Geschwistern floh er in einen anderen Teil Afghanistans. Mit 15 wurde er festgenommen, erst nach Monaten kam er wieder frei. Nach Deutschland kam er über die Route, die auch viele andere afghanische Flüchtlinge nehmen, die seit dem vergangenen Sommer kommen: von Afghanistan über Iran in die Türkei, mit dem Boot nach Griechenland und schließlich in einem Lastwagen versteckt über den Balkan.

Ehemalige Kindersoldaten hätten in Deutschland nach Rechtslage Anspruch auf Asyl: Sie sind individuell politisch verfolgt, fliehen also nicht nur vor einer allgemeinen Gefährdungslage. Oft werden sie sogar von zwei Seiten verfolgt: Von denen, die sie bekämpft haben, und von der Gruppierung, der sie entkommen sind. In der Realität sehe es jedoch häufig anders aus, sagt Ralf Willinger von Terre des Hommes. Er habe immer wieder erlebt, dass ehemalige Kindersoldaten im Asylverfahren gar nicht als solche anerkannt werden. Manchen Sachbearbeitern mangele es an Sensibilität im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen, manche seien schlicht misstrauisch. "Selbst wenn Kindersoldaten ihr Schicksal im Detail erzählen können, wird ihnen oft nicht geglaubt", sagt Willinger.

Viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stellen keinen Asylantrag. Denn die Chancen, individuelle Verfolgung nachweisen zu können, sind gering. Dem Bundesinnenministerium zufolge wurden im vergangenen Jahr von 14 439 Asylanträgen unbegleiteter Minderjähriger nur 2922 bewilligt. Die Mehrzahl erwirkt, oftmals auf Anraten von Helferverbänden, nur eine Duldung, wodurch die Abschiebung vorübergehend ausgesetzt wird.

Dass Jugendliche eine Vergangenheit als Kindersoldat vortäuschen, um in Deutschland bleiben zu dürfen, hält Willinger für unwahrscheinlich. "Dafür ist das Stigma einfach zu groß." Häufiger begegne ihm das gegenteilige Problem: Dass Jugendliche nicht zugeben wollen, Kindersoldaten gewesen zu sein. Selbst dann nicht, wenn das ihrem Asylantrag helfen könnte. Bis heute hat Jamal Angst, dass sein Aufenthaltsort über die Behörden oder die Öffentlichkeit an den afghanischen Geheimdienst gelangen könnte. Andere fürchten, für die Mitgliedschaft in einer illegalen Gruppierung behördlich verfolgt zu werden, auch in Deutschland. "Das ist gar nicht so absurd", sagt Willinger. In Bayern habe es schon polizeiliche Ermittlungen gegen Minderjährige aus Kriegsgebieten gegeben.

Zwischen Retraumatisierung und Resozialisierung

Über das Erlebte können viele ehemalige Kindersoldaten trotz Therapie kaum sprechen. Zahlreiche Gesprächsanfragen der Süddeutschen Zeitung wurden von Verantwortlichen abgelehnt. Die "Gefahr einer Retraumatisierung" der Jugendlichen sei zu groß. Die Erinnerungen und die Scham darüber, vielleicht selbst getötet zu haben, mache es für viele Betroffene schwierig, wieder in ein geordnetes Leben zurückzufinden, sagt Christian Herrmanny von der Kindernothilfe.

Dennoch ist eine Resozialisierung möglich. Je jünger die Kinder sind und je kürzer sie bei einer Gruppierung waren, desto größer ist die Chance, dass sie irgendwann wieder voll integriert werden, sagt der Psychologe Jan Kizilhan, der jesidische Flüchtlingskinder aus dem Irak betreut hat. "Es geht nicht darum, dass sie vergessen, was sie erlebt haben. Sondern darum, dass das Erlebte ein Teil ihrer Vergangenheit wird, ein wichtiger vielleicht, aber eben nur ein Teil, der ihr Leben nicht bestimmen muss."

Für Jamal ist die Angst, abgeschoben zu werden, zermürbend

Doch um an diesen Punkt zu kommen, braucht es oft mehrere Jahre Therapie. Und gerade daran hapert es häufig: Zum einen, weil Kindersoldaten im Asylverfahren nicht immer gleich identifiziert und ihre Bedürfnisse nicht richtig erkannt werden. Zum anderen, weil ein Flüchtling im Asylverfahren nur dann Anspruch auf medizinische Versorgung hat, wenn eine "akute oder akut behandlungsbedürftige Erkrankung" vorliegt. Ob eine Psychotherapie gewährt wird, liege deshalb oft im Ermessen des Sozialamts, sagt Willinger. Gerade bei Minderjährigen zeigten sich viele Sachbearbeiter nachsichtig, doch eben nicht alle.

Jamal lebt bereits seit vier Jahren in Deutschland. Seinen Asylantrag hat der ehemalige Kindersoldat vor zwei Jahren gestellt, eigentlich sollte längst darüber entschieden sein. Aber das Amt lässt sich Zeit. "Die Angst vor einer Abschiebung ist für ihn sehr zermürbend", sagt Willinger. Erst kürzlich hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière mehrere afghanische Provinzen für sicher erklärt. Er will jetzt wieder Flüchtlinge dorthin abschieben lassen.

© SZ.de/pamu
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