USA Trumps Idiotien machen das Silicon Valley sprachlos

Am Ende des Forschrittsglaubens? Jeff Bezos (Amazon), Larry Page (Google) und Sheryl Sandberg (Facebook) folgen im Dezember 2016 gemeinsam mit Vizepräsident Pence den Ausführungen von Donald Trump.

(Foto: Drew Angerer/AFP)

Das linksliberale Milieu der Westküste hat den Glauben an eine bessere Welt verloren. Man widmet sich den eigenen Befindlichkeiten.

Kommentar von Norbert Frei

Wie in Deutschland, so ist der Frühling auch in Kalifornien spät gekommen in diesem Jahr. Doch der Regen und die vielen Wolken, die mich statt der erwarteten Sonne Anfang April in Stanford begrüßten, passten in das Stimmungsbild, das bald nach meiner Ankunft Konturen gewann. Es hat sich seitdem nicht groß verändert: In der einst so optimistischen "Bay Area" begegnen einem Sarkasmus und politische Müdigkeit. Man ist es hier leid, sich gegen einen Präsidenten zu stellen, dem sich nun wirklich alle, mit denen man spricht, intellektuell überlegen fühlen. Man ist es leid, sich darüber auszutauschen, dass man die Idiotien seiner Politik idiotisch findet. Man unterhält sich nicht mehr über Donald Trump.

Mag sein, dass dies in Washington noch ein bisschen anders ist, dass sich die Pundits des politischen Geschäfts - also all jene, die vom Mitreden leben - den zweifelhaften Luxus des Verstummens, wie ihn die Westküste gerade zu kultivieren scheint, nicht ganz so demonstrativ glauben leisten zu können. Obwohl man inzwischen auch von der amerikanischen Ostküste hört, dass zu diesem Präsidenten niemandem mehr etwas einfallen will. In der wöchentlichen Buchbeilage der New York Times fragte kürzlich Ben Greenman, ob Satire im Zeitalter von Trump überhaupt (noch) möglich sei. Die Antwort des erfahrenen Blattmachers, der 14 Jahre lang der Redaktion des diesem Genre tatsächlich immer schon auf unnachahmliche Weise zugeneigten Magazins New Yorker angehörte, lautet: "Trump und der Trumpismus haben dem öffentlichen Diskurs Wunden geschlagen und uns neue Regeln aufgezwungen: Wachsam bleiben. Skeptisch bleiben. Alles hinterfragen. Selbst die Satire."

Ständig auf der Hut sein zu sollen, macht freilich nicht nur müde; es passt auch nicht besonders gut zu jener Erwartung eines immerwährenden Fortschritts, der sich das Silicon Valley seit seinen Anfängen im Zweiten Weltkrieg verschrieben hatte und die seinen Mythos begründete. Es passt nicht zu einem Lebensstil, der Probleme prinzipiell als Chancen begreift und am liebsten Lösungen für Bedürfnisse entwickelt, die sich dann schon werden wecken lassen. So klar und strahlend wie das kalifornische Licht an den allermeisten Tagen des Jahres ist die Zuversicht in die Mach- und Rettbarkeit der Welt selbst hier nicht mehr. Die Erkundung neuer Lebensmöglichkeiten jenseits unseres gebeutelten Planeten, wie einige der Tech-Milliardäre sie seit geraumer Zeit vorantreiben, hat damit zu tun.

Ted-Konferenz Alarmstufe Rot
Ted-Konferenz

Alarmstufe Rot

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Für die gewöhnlich Sterblichen, und das sind auch in Kalifornien immer noch die meisten, geht es um vermeintlich simplere Dinge: um bezahlbaren Wohnraum, um saubere Luft und um Arbeitsplätze in erreichbarer Nähe.

Wie sehr das eine mit dem anderen zusammenhängt, weiß man inzwischen aus fast allen Metropolregionen der Welt. Im Großraum San Francisco pendelt ein Teil des hispanischen "Servicepersonals" täglich bis zu drei Stunden aus dem feinstaubbelasteten Central Valley ein, um einfache Dienstleistungen zum Beispiel an der traumschönen Stanford University zu erbringen. Natürlich kommen diese Menschen nicht mit sauberen Teslas, die hier keine Seltenheit mehr sind, sondern mit den konventionellen Kleinwagen. Und die Verwaltungsleiterin unseres Departments, von der ich nur ahne, dass auch sie jeden Tag lange Fahrzeiten in Kauf nehmen muss, entschuldigt sich für die dem Neuankömmling abverlangten bürokratischen Geduldsproben mit dem Hinweis, sie finde schlicht keine Leute mehr, weil wegen der hohen Mieten alle wegziehen müssten.

Sobald in gutbürgerlicher Nachbarschaft eine Obdachlosenunterkunft gebaut wird, gehen die Proteste los

Wenn eine frisch berufene Professorin in Palo Alto ein altes Häuschen kaufen und herrichten lassen will, so wird sie schnell der Aussichtslosigkeit ihres Ansinnens gewahr: Die Jungstars aus der Digitalwirtschaft zahlen nicht nur jeden Mondpreis, sie finden auch einen mexikanischen Abrissunternehmer - und danach die eigentlich auf Jahre ausgebuchte Baufirma, die sich ihre Leistungen entsprechend vergolden lässt.

Trumps Präsidentschaft irritiert die erfolgsverwöhnte Führung der kalifornischen Demokraten durchaus, obwohl ihr Kandidat bei den Gouverneurswahlen im vergangenen Herbst fast zwei Drittel aller abgegebenen Stimmen erreichte. Aber Zweifel an der Spitze bedeuten bislang offenbar wenig für das Selbstgefühl im breiten linksliberalen Milieu, dem sich fast alle irgendwie zugehörig fühlen (weshalb laut Donald Trump in Kalifornien ja auch der Sozialismus regiert). Wenn in gutbürgerlicher Nachbarschaft eine Obdachlosenunterkunft gebaut werden soll oder ein Hochhaus, das Schatten auf einen Park zu werfen droht, gehen die Proteste los. Das Verstummen im Großen heißt nicht, dass man sich im Kleinen dem sozialpolitisch Zwingenden fügt.

Vielleicht ist es genau diese Einsicht, die den oft so melancholischen Ton in den Sendungen des National Public Radio erklärt, das als Sparvariante unseres öffentlich-rechtlichen Rundfunks die Fahne der Aufklärung tapfer hochhält. Seine Moderatoren wissen um die Aporien einer lange gefeierten und nun von rechts brutal bekämpften Identitätspolitik, die selbst in der noch immer boomenden fünftgrößten Volkswirtschaft der Erde - in Kalifornien - viele zurückgelassen hat; die jungen Stadtstreicher in San Francisco gehören ebenso dazu wie die in anhaltend hohen Zahlen ungewollt schwanger werdenden Teenager.

Und womöglich erklären sich aus dieser Perspektive auch die Nekrologe auf Ernest "Fritz" Hollings, die ich am Ende meiner ersten Arbeitswoche hier hörte und las: Geradezu wehmütig würdigten sie den ehemaligen Senator aus South Carolina, der seinen Heimatstaat 38 Jahre lang in Washington vertreten hatte. Was auch in Kalifornien am meisten Anerkennung fand: wie sehr der nun im Alter von 97 Jahren gestorbene Demokrat, einst ein harter Befürworter der Rassentrennung, im Laufe seiner Karriere hinzugelernt hatte. Unausgesprochen blieb, wie aussichtslos es wäre, auf Ähnliches im Weißen Haus zu hoffen.

Kolumne von Norbert Frei

Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena und lehrt gegenwärtig an der Stanford University. Alle Kolumnen von ihm lesen Sie hier.