Gesundheitssystem:Steigende Energiekosten gefährden Existenz von Kliniken

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Gesundheitssystem: Energie sparen? Geht in Kliniken kaum. In OP-Räumen wie hier im Uniklinikum Essen kann man etwa die Klimaanlagen nicht einfach abstellen.

Energie sparen? Geht in Kliniken kaum. In OP-Räumen wie hier im Uniklinikum Essen kann man etwa die Klimaanlagen nicht einfach abstellen.

(Foto: Jonas Güttler/picture alliance/dpa)

Die Pandemie hat die Krankenhäuser ausgezehrt, nun leiden sie unter den steigenden Preisen für Strom und Gas. Aus dem ganzen Land gibt es Hilferufe - doch Gesundheitsminister Lauterbach reagiert nur zögerlich.

Von Rainer Stadler

Dem St.-Vincenz-Krankenhaus in Datteln, einer Stadt mit 35 000 Einwohnern im nördlichen Ruhrgebiet, ist seine Entstehungsgeschichte anzusehen. "Ein Plattenbau aus den Siebzigerjahren, teilweise noch mit alten Fenstern", so beschreibt Geschäftsführer Wolfgang Mueller das Hauptgebäude. Um wenigstens etwas innovativ zu sein in Sachen Umweltschutz, hat die Klinikleitung vor einigen Jahren entschieden, drei der vier Häuser mit Blockheizkraftwerken auszustatten. Sie arbeiten effizient, liefern Strom und Wärme. Allerdings braucht Mueller Gas, um seine dezentrale Energieversorgung am Laufen zu halten. Das ist in diesen Tagen bekanntlich ein Problem.

Bisher deckte er seinen Bedarf an Gas und zusätzlichem Strom an der Energiebörse in Leipzig. Er zahlte dafür etwa zwei Millionen Euro im Jahr. Im August holte er ein Angebot für 2023 ein. Das billigste: 6,4 Millionen Euro, dreimal so viel wie in den vergangenen Jahren. Mueller hatte 15 Minuten Entscheidungsfrist, um es annehmen. Er ließ sie verstreichen. "Das war einfach nicht zu bezahlen", sagt er. Aus anderen Häusern hat er gehört, dass sich ihre Energiekosten sogar versiebenfachen sollen. "Wenn uns die Politik nicht hilft, gehen hier die Lichter aus", sagt Mueller.

Im ganzen Land ertönen Hilferufe aus den Kliniken, die nach zweieinhalb Jahren Pandemie ohnehin finanziell und auch nervlich ausgezehrt sind. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat eine Kampagne gestartet, sie heißt "Alarmstufe Rot". Die Bundesregierung müsse "jetzt handeln und einen Inflationsausgleich für die Krankenhäuser auf den Weg bringen", fordert der Verband in einer Internet-Petition. Andernfalls drohe flächendeckender Personalabbau, zulasten der Patientinnen und Patienten in Deutschland.

Karl Lauterbach hat sich zu den Nöten der Krankenhäuser bisher kaum geäußert

Anders als Unternehmen der freien Wirtschaft können Krankenhäuser nicht einfach die Preise anheben. Und die Ausgaben lassen sich nicht einfach senken, wie Klinikchef Mueller erklärt. "Die Klimaanlagen in den OP-Räumen müssen natürlich weiterlaufen." Er könne nur an Patienten und Belegschaft appellieren, sich umweltbewusst zu verhalten. Er selbst tut das nur bedingt: Die Tanks für die Notstromaggregate hat er gerade "bis zur Oberkante" füllen lassen, mit Diesel. "Keiner weiß, was im Herbst und Winter noch passiert", sagt er.

Der zuständige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat sich zu den jüngsten Nöten der Krankenhäuser bisher kaum geäußert. Das Ministerium sei sich bewusst, dass "die Krankenhäuser und andere Akteure des Gesundheitswesens von steigenden Preisen für Energie und andere Sachkostenbereiche betroffen sind", teilt ein Sprecher auf Nachfrage mit. Die Bundesregierung arbeite mit Hochdruck "an den notwendigen Maßnahmen, um den Verlust von Arbeitsplätzen und Wohlstand zu verhindern". In dem Zusammenhang sei auch über den 4-Punkte-Krisenplan zu diskutieren, den die Grünen Anfang der Woche vorgelegt haben, ergänzt der Sprecher.

Vier Gesundheitsexperten der Grünen-Fraktion fordern in dem Papier einen Energiekostenschutzschirm für Pflege-, Reha- und Gesundheitseinrichtungen. Mehrkosten für Energie im Vergleich zu den Vorjahren sollen vom Bund erstattet werden. Auch bei den Sachkosten etwa für Lebensmittel oder Medizinprodukte, die sich zum Teil drastisch verteuert haben, sieht der Plan eine Kompensation vor. Nötig seien aber auch Strukturreformen.

"Wir gehören zur kritischen Infrastruktur."

Anfang Mai hat Lauterbach eine Expertenkommission eingesetzt, die Vorschläge für eine zukunftstaugliche Krankenhauslandschaft und die Gesundheitsversorgung der Menschen erarbeiten soll. Mehrere Mitglieder der Kommission fordern seit Jahren, die Zahl der Kliniken in Deutschland drastisch zu reduzieren und gerade kleinere Häuser durch ambulante Versorgungszentren zu ersetzen.

Karl Lauterbach und sein Vorgänger Jens Spahn ließen dafür gewisse Sympathien erkennen. Aber die Bundesländer haben ein gewichtiges Wort mitzureden. Zudem wäre es in Hochzeiten der Pandemie schlecht angekommen, wenn Spahn wie Lauterbach bei nahezu jeder Gelegenheit den Einsatz von Ärzten und Pflegekräften loben - und gleichzeitig zulassen, dass flächendeckend Krankenhäuser wegen Insolvenz schließen müssen.

Trotzdem bleibt bei den Verantwortlichen in den Kliniken die Sorge, dass die Politik die Krise zumindest ein Stück weit laufen lassen könnte, um die gewünschte Marktbereinigung zu forcieren. "Davor kann ich nur warnen", sagt Geschäftsführer Wolfgang Mueller vom Vincenz-Krankenhaus in Datteln. "Das könnte leicht zum Erdrutsch werden." Für sein eigenes Haus hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. "Wir gehören zur kritischen Infrastruktur, und die Situation ist so schlimm, dass uns einfach geholfen werden muss." Demnächst will er ein neues Angebot bei der Energiebörse in Leipzig einholen.

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