Kirche und Faschismus:Am Ende seiner Tage haderte Pius XI. mit sich

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Kirche und Faschismus: Diktatoren und Polit-Partner: Adolf Hitler (li) und der italienische Ministerpräsident und Duce Benito Mussolini auf der Fahrt durch Florenz

Diktatoren und Polit-Partner: Adolf Hitler (li) und der italienische Ministerpräsident und Duce Benito Mussolini auf der Fahrt durch Florenz

(Foto: DB/dpa)

Von hier aus war es nicht weit zu dem von Kertzer mit Recht angeprangerten Deal vom 16. August 1938. Der Papst verpflichtete sich darin, zur Judenpolitik Mussolinis zu schweigen, während der "Duce" im Gegenzug versprach, die Katholische Aktion in Ruhe zu lassen, jene Laienorganisation, die dem Papst besonders am Herzen lag, weil er in ihr ein wichtiges Instrument zur Rechristianisierung Italiens erblickte.

Das heißt aber nicht, dass die Kooperation zwischen Papst und "Duce" ungetrübt gewesen wäre. Sie stand von Beginn an im Zeichen lauernder Skepsis; man traute einander nicht über den Weg.

Kertzer verschweigt die daraus resultierenden Konflikte nicht, er gibt ihnen aber analytisch kein Gewicht. Dabei kann auch er nicht übersehen: Der Gegensatz zweier Weltanschauungen, die auf je ihre Weise den ganzen Menschen beanspruchten, war unüberbrückbar und durch keinen noch so geheimen Pakt zu entschärfen.

Der seit Längerem bekannte Deal vom August 1938 hielt denn auch nicht lange. Der Papst fand häufig Mittel und Wege, um seine abweichende Meinung kundzutun, und Mussolini träumte nicht nur einmal davon, der Kirche als Konkurrenzinstanz den Garaus zu machen.

Mussolini raste, als der Pontifex maximus schon im September 1938 vor einer Gruppe von Katholiken sagte: "Im geistigen Sinne sind wir alle Semiten." Pius XI. zog aus dieser Einsicht nur halbherzige Konsequenzen.

Eindringliche Warnung vor Hitler

Ganz so viel hatte er für die Juden dann doch nicht übrig, als dass er den großen Konflikt mit dem faschistischen Regime riskiert hätte; er sah im "Duce" immer noch einen Mann, mit dem man reden konnte und der vielleicht sogar Hitler zu bremsen vermochte.

Pius XI. verwickelte die Regierung aber in eine zähe Auseinandersetzung über die Frage, wie mit zum Katholizismus übergetretenen Juden und den Ehen zu verfahren sei, die diese Konvertiten mit Katholiken geschlossen hatten. Außerdem warnte er seine Landsleute und Mussolini eindringlich vor einem Bündnis mit Hitler, den er bereits 1937 scharf angegriffen hatte.

Schließlich bereitete Pius XI. nicht nur einen Weckruf gegen Rassismus und Judenverfolgung, sondern auch eine Enzyklika über diese brennenden Themen vor. Er haderte mit sich und seinen Versäumnissen und wollte am Ende seiner Tage doch noch ein klares Zeichen setzen.

Der Tod nahm dem Papst im Februar 1939 diese Dinge aus der Hand. Aber nicht nur er - das gleiche Geschäft besorgten zuvor seine engsten Berater. Eine besondere Rolle spielte dabei der spätere Pius XII., dessen Seligsprechungsverfahren in die entscheidende Phase getreten ist.

Er verhinderte als Kardinalstaatssekretär alles, was die "Zusammenarbeit des Vatikans mit dem (faschistischen) Regime stören konnte". Und er war es auch, der den bereits gedruckten Weckruf vernichten ließ und die Entwürfe für eine Enzyklika in die Archive verbannte. Zwei Tage nach seiner Wahl zum Papst versicherte er dem deutschen Botschafter, dass er eine Ära der Verständigung mit der NS-Regierung anstrebe. Sein Vorgänger dürfte sich im Grab umgedreht haben.

Neu sind auch diese Einsichten nicht. Kertzer selbst hat bereits vor 15 Jahren darüber berichtet. Sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Buch ist keine Sensation und auch kein Musterbeispiel angelsächsischer Geschichtsschreibung.

Mut zur Zurückhaltung und zur ausgewogenen Deutung hätten dem Werk ebenso gutgetan wie weniger historische Detailmalerei, die am Ende alles zu überwuchern droht. Erzählkunst in allen Ehren, sie darf aber kein Selbstzweck sein und kann differenzierte Analysen nicht ersetzen.

David I. Kertzer: Der erste Stellvertreter. Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus. Aus dem Englischen von Martin Richter. Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2016. 608 Seiten, 38 Euro. E-Book: 31,99 Euro.

Hans Woller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Im Frühjahr 2016 veröffentlichte er im Verlag C.H. Beck eine Mussolini-Biografie.

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