Kirche:Rom drückt die Pausentaste

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln

Muss mal Atem holen: Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, vor einem Monat im Garten des Erzbischöflichen Hauses.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Lange war das Schicksal des Kölner Erzbischofs in der Schwebe. Nun hat der Papst entschieden, dass Kardinal Woelki im Amt bleibt, aber eine Auszeit nehmen soll. Ist dies das Ende einer beispiellosen Krise?

Von Christian Wernicke, Düsseldorf, und Annette Zoch

Der Kardinal spricht, und sein langer, schlaksiger Körper redet. Exakt drei Minuten und zwanzig Sekunden stellt sich Kölns Erzbischof Rainer Maria Woelki den Journalisten im erzbischöflichen Garten der Domstadt. Herbstlaub liegt auf dem Rasen, der Wind streicht sanft durch die Bäume. Der Kardinal sagt in die Mikrofone, wie es weitergehen soll - mit dem größten Bistum Deutschlands, mit ihm selbst. Der Mann im dunklen Anzug berichtet, dass er in einem Gespräch in Rom den Papst "um eine längere Auszeit" gebeten habe. Und er ergänzt, dass ihm sein Heiliger Vater diese Pause nun gewährt habe. Woelki will und darf viereinhalb Monate lang schweigen, von Mitte Oktober bis Anfang März.

Es scheint, als wolle der Kardinal just in dieser Sekunde mit dem Bußschweigen beginnen. Fragen der Journalisten waren nicht vorgesehen. Aber dann fragt eben doch einer: Wohin Woelki denn jetzt gehe, und "kommen Sie auch wirklich wieder?". Woelki, schon mit einem Schritt beim Abgang, wendet sich erneut den Mikrofonen zu: "Das wird sich dann zeigen." Wieder will Woelki gehen, aber die nächste Frage hält ihn erneut fest: Wie er denn nach seiner Schweigezeit "das Vertrauen der Gläubigen wiedergewinnen" wolle? Woelkis Körper will reden, sein Kopf neigt sich erneut den Mikros zu, er nickt - aber er bringt kein Wort mehr über die Lippen. Abgang.

Ist das nun das Ende einer beispiellosen Krise - oder hat Rom nur die Pausentaste gedrückt? Monate sind vergangen, seit die Apostolischen Visitatoren Anders Arborelius und Hans van den Hende das Erzbistum besucht haben. Sie sollten dem Papst berichten, über das zerrüttete Verhältnis zwischen dem Oberhirten und seinen Gläubigen, über die Klagen der Priester und Dechanten, über die "komplexe pastorale Situation". Sie sprachen mit amtierenden und ehemaligen Mitgliedern des Betroffenenbeirats über diese fatalen Tage im Oktober 2020, als Woelki und sein Generalvikar das erste Missbrauchsgutachten kippten.

Zur Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln - dem Ausgangspunkt der Krise - finden sich im Schreiben des Heiligen Vaters bemerkenswerte Sätze: "Die Entschlossenheit des Erzbischofs, die Verbrechen des Missbrauchs in der Kirche aufzuarbeiten, sich den Betroffenen zuzuwenden und Prävention zu fördern, zeigt sich nicht zuletzt in der Umsetzung der Empfehlungen der zweiten Studie, mit der er bereits begonnen hat", heißt es da. Auf der Ebene der Kommunikation aber habe er "auch große Fehler gemacht", lässt der Papst ausrichten. Aber "der Heilige Vater zählt auf Kardinal Woelki, er anerkennt seine Treue zum Heiligen Stuhl und seine Sorge um die Einheit der Kirche". Der letzte Halbsatz kann als Wink an den Synodalen Weg verstanden werden, die Reformdebatte zwischen Klerikern und Laien, die Rom mit Skepsis beäugt. Auch Woelki steht dem Synodalen Weg kritisch gegenüber. Es geht eben auch um Machtarchitektur.

Viele Betroffene blieben "ratlos und verletzt" zurück, sagt Georg Bätzing

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, reagiert verhalten auf das römische Schreiben: "Was in der Note zur Entschiedenheit des Aufarbeitungswillens von Kardinal Woelki gesagt wird, trifft einerseits zu, andererseits lässt es angesichts der entstandenen Lage viele Betroffene ratlos und verletzt zurück", sagt er. Ob es innerhalb weniger Monate zu einer grundlegend veränderten Situation in Köln kommen könne, "vermag ich nicht zu beurteilen", so Bätzing. Die Entscheidung zu Woelki erinnere ihn aber "in manchem an das römische Vorgehen im Blick auf meinen Amtsvorgänger in Limburg".

Der hieß Franz-Peter Tebartz-van Elst und er war im Bistum am Ende eine ähnliche Reizfigur wie Woelki in Köln. Das 31 Millionen Euro teure Wohnhaus des "Protz-Bischofs", wie er genannt wurde, hat Bätzing auf dem Domberg jeden Tag vor Augen. Auch Tebartz-van Elst hatte Franziskus eine Auszeit gewährt. Aus dieser kehrte er aber nicht zurück, er ist heute Apostolischer Delegat im Päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung im Vatikan.

Sollte Woelki nach seiner Auszeit wiederkehren? Für Tim Kurzbach, Solinger Oberbürgermeister und Vorsitzender des Diözesanrats, ist es nicht entscheidend, wer dem Bistum vorsteht: "Die Auszeit löst kein Problem", sagt Kurzbach der SZ. "Ich wünsche Herrn Woelki eine gute Zeit, wie jedem Menschen, der eine Auszeit braucht. Es geht aber nicht um einen Bischof, es geht um dringend nötige Reformen. Etwa um die Rolle der Frauen, um die Sexualmoral, um Macht- und Gewaltenteilung in der Kirche. Ohne eine Lösung dieser Themen gibt es keine Lösung der Gesamtproblematik." Der Diözesanrat hatte die Zusammenarbeit mit Woelki aufgrund der tiefen Vertrauenskrise im Januar auf Eis gelegt.

Scharfe Kritik an der Entscheidung des Papstes kommt auch vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK): "Das Instrument einer Auszeit ist nicht genug", sagte ZdK-Präsident Thomas Sternberg. In der Politik könne ein Amtsverzicht dazu beitragen, Veränderungen einzuleiten. Nun würde ein solcher Erneuerungsprozess verhindert. Wenn es keinen vertrauensbildenden Prozess gebe, "ist die Causa Woelki noch nicht erledigt". "Dieses Hinhalten ist absolut inakzeptabel und schadet der Glaubwürdigkeit der Kirche mehr, als dass es ihr nützt", sagt Agnes Wuckelt, die Vize-Chefin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd).

Patrick Bauer, zurückgetretener Sprecher des Betroffenenbeirats, sieht das nicht ganz so kritisch: "Ich habe schon nach der Visitation gesagt, mir ist ein deutliches Signal des Papstes, dass Woelki etwas falsch gemacht hat, lieber, als dass er einfach abberufen wird", sagt Bauer der SZ. "Ich wünsche mir, dass Woelki in seiner Bedenkzeit wirklich versteht, was er falsch gemacht hat."

Zwei Weihbischöfe wollen sich bessern

Der neue erste Mann im Erzbistum ist von Mitte Oktober an Rolf Steinhäuser, bislang Weihbischof - er wird sogenannter Administrator. Papst Franziskus hat zudem die Rücktrittsangebote der im Missbrauchsgutachten belasteten Weihbischöfe Ansgar Puff und Dominikus Schwaderlapp zurückgewiesen. Sie dürfen wiederkommen, Schwaderlapp macht aber vorher auf eigenen Wunsch einige Monate Zwischenstation als "einfacher Priester" im Bistum Mombasa in Kenia. "Mir ist klar geworden, ein einfaches ,Weiter wie bisher' kann es nicht geben", sagte Schwaderlapp.

Weihbischof Puff erklärte, dass er in den vergangenen Monaten in einem Altenzentrum und in der Obdachlosenseelsorge gearbeitet habe. "Bei manchen Menschen habe ich durch meine Pflichtverletzung Vertrauen zerstört; ich möchte in Zukunft so arbeiten und leben, dass Menschen mir wieder Vertrauen schenken können", sagte er. Er kündigte außerdem an, Teile seines Gehalts für Missbrauchsbetroffene zu spenden.

Auch Woelki hatte sich im Garten durchaus reuig gezeigt: Er habe "Fehler gemacht mit Blick auf die Kommunikation", sagt der Kardinal und entschuldigt sich bei den Gläubigen: "Das tut mir leid, das bedauere ich." Woelki legt seine Stirn in Falten, als er berichtet, was ihm frühere Opfer des sexuellen Missbrauchs in der Kirche zurückgemeldet haben - dass sie durch sein Vorgehen in den vergangenen Monaten "erneut retraumatisiert wurden: "Das tut mir aufrichtig von Herzen leid und weh." Und ja, er erkennt an: "Das Ganze hat auch zu einer Vertrauenskrise im Bistum geführt."

Zur Frage nach dem Vertrauen hat Woelki an diesem Freitag geschwiegen. Kann er das überhaupt, Vertrauen zurückgewinnen? Es hängt alles von Woelki selbst ab, sagt Tim Kurzbach: "Wenn man die Menschen nicht wirklich liebt, kann man nicht Priester oder Bischof sein."

© SZ
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