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Kanzlerkandidatur:Alles in allem ist Gabriel nicht der Richtige für den Job

Andererseits ist er wechselhaft bis hin zur Uneindeutigkeit. Gerade Linie kann er einfach nicht. Trotz seiner Erfolge hat Gabriel auf dem jeweiligen Weg dahin oft so viele Haken geschlagen, dass manche am Ende nicht wussten, wofür Gabriel am Anfang gestanden hat. Das war so im Streit um die Handelsabkommen Ceta und TTIP. Und nicht anders im Umgang Gabriels mit den deutschen Waffenexporten. Die wollte er erst stark reduzieren. Dann aber verpflichteten ihn alte Zusagen der Vorgängerregierung. Und plötzlich sieht er sich steigenden Rüstungsexporten gegenüber.

Gabriel ist ein Bauchpolitiker. Er hat es vermutlich für eine gute Idee gehalten, Anfang 2015, in einer Frühphase der Pegida-Demonstrationen, nach Dresden zu fahren und sich als Privatmann in eine Veranstaltung mit solcherart besorgten Bürgern zu setzen. In der Partei hat er damit an Rückendeckung verloren.

"Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht."

Auf dem Bundesparteitag Ende 2015 haben ihn 74,3 Prozent der Delegierten wiedergewählt. Das war selbst für SPD-Verhältnisse ein übles Ergebnis. Später sagte Gabriel, er habe damals schon für sich gedacht, er habe "die Schnauze voll". Und: Sollen es "halt die Schlaumeier machen". Er hat die Wahl dann doch angenommen.

Mit den Funktionären hat es sich Gabriel über die Jahre mehr und mehr verscherzt. Kaum einer, der nicht von der einen oder anderen, größeren oder kleineren Verletzung berichten kann. Gabriel ist ein "Raufbold", hat Franz Müntefering über ihn gesagt. So manchen Spitzenfunktionär hat Gabriel schon verbal in die Ecke gestellt oder vor versammelter Mannschaft gemaßregelt.

Ihm fehlte der Rückhalt auf allen Ebenen, um selbstbewusst in die Kanzlerkandidatur gehen zu können.

Eine Rolle dürfte auch Gabriels familiäre Situation gespielt haben. Im März wird er ein drittes Mal Papa. Und er hadert öffentlich damit, nicht genug Zeit für die Familie zu haben. Er musste sich verspotten lassen, weil er wenigstens einen Tag in der Woche seine zweite Tochter in die Kita bringen wollte. Eine Kanzlerkandidatur hätte ihn auch über die Geburt seines nächsten Kindes hinweg voll in Beschlag genommen. Im Stern berichtet er, auch "private Gründe" hätten ihn zum Verzicht bewogen. "Heute bin ich wirklich ein glücklicher Mensch. Ob ich es auch wäre, wenn ich meine Familie noch weniger sehen würde als jetzt schon, weiß ich nicht."

Alles in allem ist Gabriel nicht der Richtige für den Job. So erklärt er es zumindest dem Stern. "Um einen Wahlkampf wirklich erfolgreich zu führen, gibt es zwei Grundvoraussetzungen: Die Partei muss an den Kandidaten glauben und sich hinter ihm versammeln, und der Kandidat selbst muss es mit jeder Faser seines Herzen wollen. Beides trifft auf mich nicht in ausreichendem Maße zu."

Am Ende steht der Satz, der alles erklärt: "Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht."

Schulz hingegen will den Job. Er muss ihm nicht nachgetragen werden. Und schon damit hat er Gabriel einiges voraus.

© SZ.de/fued/ghe
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