Süddeutsche Zeitung

Kanzlerkandidatur:Gabriel gibt auf - für die SPD

  • Martin Schulz soll SPD-Kanzlerkandidat und -Parteichef werden - Sigmar Gabriel verzichtet zu seinen Gunsten.
  • Gabriel hat nach der Wahlniederlage 2009 die Parteiführung übernommen, die SPD aber nicht aus der Krise führen können. Obwohl er das Zeug dazu hätte.
  • Ihm fehlte der Rückhalt auf allen Ebenen, um selbstbewusst in die Kanzlerkandidatur gehen zu können.
  • Er sagt selbst: "Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht."

Analyse von Thorsten Denkler, Berlin

Für die einen haben sich an diesem Dienstag schlimmste Befürchtungen bestätigt. Für die anderen hat die SPD ihre letzte Chance gewahrt, im Herbst den nächsten Kanzler stellen zu können. Sigmar Gabriel also wird es nicht machen, wird nicht Spitzen- und damit Kanzlerkandidat der SPD werden. Ein Paukenschlag. Völlig überraschend. Damit hatten wohl die wenigsten gerechnet.

Stattdessen soll Martin Schulz den Job übernehmen, Parteichef werden und Kanzlerkandidat. Wobei das angesichts der aktuellen Umfragewerte für die Sozialdemokraten einigermaßen anmaßend klingt. Auf 20 Prozent werden sie gerade noch taxiert. Da muss noch einiges passieren, damit Schulz das Amt von Angela Merkel übernehmen kann.

Das ist nicht erst seit heute so. Seit der Wahl 2009 kommt die SPD aus ihrem Umfrageloch unterhalb der 30-Prozent-Marke nicht heraus. Zu einem politischen Umfeld, in dem Fragen der sozialen Gerechtigkeit nicht die allererste Priorität haben, kommt inzwischen am rechten Rand eine AfD, die es schafft, mit einem fremdenfeindlichen Kurs allen Parteien Wähler abspenstig zu machen. Und vor allem Nichtwähler zu mobilisieren. Der SPD wiederum fällt es immer schwerer, selbst ihre Stammwähler an die Urnen zu bringen.

Gabriel hat nach der Niederlage 2009 die Parteiführung übernommen. Und viele Genossen haben gedacht, der Sigmar, der holt die Karre schon aus dem Dreck. Das Zeug dazu hätte er. Genutzt hat er es nicht.

Um sein Ansehen ist es noch schlimmer bestellt als um das der SPD. Er weiß das: "Wenn man zehn Leute fragt, dann sagen fünf Leute: ein Supertyp. Und fünf Leute sagen: ein Riesenarschloch. Ich scheine zu polarisieren. Entweder Leute finden mich gut oder richtig fürchterlich", sagte er 2016 in einer ARD-Dokumentation. Das stimmt so weit. Nur ist das Verhältnis nicht ganz fünf zu fünf. Eine Umfrage ergab: Wenn es sich die Deutschen aussuchen könnten, 57 Prozent würden Merkel direkt wählen - nur 19 Prozent Gabriel.

Gabriel hat keine Chance. Das hat er jetzt erkannt. Den letzten Ausschlag für Gabriels Entscheidung soll nach Angaben der Zeit eine von ihm selbst in Auftrag gegebene Umfrage unter SPD-Sympathisanten gegeben haben. Darin hätte eine große Mehrheit Martin Schulz bessere Wahl-Chancen zugetraut. Gabriels Schlussfolgerung: "Wenn ich jetzt anträte, würde ich scheitern und mit mir die SPD", sagte er dem Stern.

Alles in Schulz' Hand

Es ist das zweite Mal, dass er kneift. Ein Jahr vor der Bundestagswahl 2013 hatten erst Gabriel und dann Frank-Walter Steinmeier dankend abgelehnt. Es blieb dann der glücklose Peer Steinbrück übrig.

Damals konnte Gabriel den Parteivorsitz noch behalten. Diesmal geht das nicht. Schulz soll auch dieses Amt übernehmen. Alles aus einer Hand. Schulz hat damit freie Bahn. Und weil der Europapolitiker bisher weder einen Sitz im Bundestag hat, noch der Bundesregierung angehören wird, kann er ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten Kanzlerin und Unionskabinettsmitglieder angreifen.

So ganz will Gabriel allerdings nicht aus der ersten Reihe verschwinden. Er will das Auswärtige Amt von Frank-Walter Steinmeier übernehmen, der bald als Bundespräsident ins Schloss Bellevue umziehen wird. Für die Partei dürfte dies das geringste Problem sein. Der Posten ist ohnehin vakant. Den Posten der Wirtschaftsministerin wird Brigitte Zypries übernehmen. Die war schon einmal Justizministerin in der großen Koalition von 2005 bis 2009. Für den Wahlkampf ist das allerdings eher zweitrangig.

Der Zeit sagte Gabriel, er sei "nach einem halben Jahr Nachdenken, Zweifeln, Ringen, nach Fahrplanänderungen und Freundschaftskrisen" endlich mit sich im Reinen. Manche würden sagen: Das wird auch endlich Zeit.

Er kann mit den kleinen Leuten

Einerseits ist Gabriel das politische Supertalent seiner Generation. Er kann kämpfen. Er kann reden. Und er hat politischen Instinkt. Was er drauf hat, zeigte er, als er Frank-Walter Steinmeier in einem strategischen Glanzstück zum gemeinsamen Kandidaten von SPD, CDU und CSU für das Amt des Bundespräsidenten machte. Er hat mit einiger Chuzpe die Bosse von Edeka und Rewe im Kampf um Kaiser's Tengelmann dazu gebracht, Tausende Arbeitsplätze zu sichern. Und er hat es geschafft, die SPD nicht zu einer totalen Anti-Freihandels-Partei verkommen zu lassen.

Er kann mit den sogenannten kleinen Leuten, spricht ihre Sprache. Gabriel ist tatsächlich einer von unten. Sein Vater war ein verkappter Alt-Nazi. Seine Mutter musste alleinerziehend jahrelang um das Sorgerecht und den Unterhalt für ihren Sohn kämpfen.

Ein volles Bierzelt hat Gabriel im Handumdrehen auf seiner Seite. Er ist charmant und geistreich. Und klug genug, Witze zuerst auf eigene Kosten zu machen. Ein ums andere Mal hat er seine Partei aufgefordert, aus der Akademiker-Nische herauszukommen. "Wir müssen raus ins Leben", sagte er schon in seiner Antrittsrede als Parteichef 2009. "Da, wo's laut ist, da, wo's brodelt, da, wo's manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt." Emotional ist Gabriel, zeigt rechten Pöblern auch schon mal den Stinkefinger. In dem Punkt ist er das Gegenstück zur nüchternen Angela Merkel.

Alles in allem ist Gabriel nicht der Richtige für den Job

Andererseits ist er wechselhaft bis hin zur Uneindeutigkeit. Gerade Linie kann er einfach nicht. Trotz seiner Erfolge hat Gabriel auf dem jeweiligen Weg dahin oft so viele Haken geschlagen, dass manche am Ende nicht wussten, wofür Gabriel am Anfang gestanden hat. Das war so im Streit um die Handelsabkommen Ceta und TTIP. Und nicht anders im Umgang Gabriels mit den deutschen Waffenexporten. Die wollte er erst stark reduzieren. Dann aber verpflichteten ihn alte Zusagen der Vorgängerregierung. Und plötzlich sieht er sich steigenden Rüstungsexporten gegenüber.

Gabriel ist ein Bauchpolitiker. Er hat es vermutlich für eine gute Idee gehalten, Anfang 2015, in einer Frühphase der Pegida-Demonstrationen, nach Dresden zu fahren und sich als Privatmann in eine Veranstaltung mit solcherart besorgten Bürgern zu setzen. In der Partei hat er damit an Rückendeckung verloren.

"Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht."

Auf dem Bundesparteitag Ende 2015 haben ihn 74,3 Prozent der Delegierten wiedergewählt. Das war selbst für SPD-Verhältnisse ein übles Ergebnis. Später sagte Gabriel, er habe damals schon für sich gedacht, er habe "die Schnauze voll". Und: Sollen es "halt die Schlaumeier machen". Er hat die Wahl dann doch angenommen.

Mit den Funktionären hat es sich Gabriel über die Jahre mehr und mehr verscherzt. Kaum einer, der nicht von der einen oder anderen, größeren oder kleineren Verletzung berichten kann. Gabriel ist ein "Raufbold", hat Franz Müntefering über ihn gesagt. So manchen Spitzenfunktionär hat Gabriel schon verbal in die Ecke gestellt oder vor versammelter Mannschaft gemaßregelt.

Ihm fehlte der Rückhalt auf allen Ebenen, um selbstbewusst in die Kanzlerkandidatur gehen zu können.

Eine Rolle dürfte auch Gabriels familiäre Situation gespielt haben. Im März wird er ein drittes Mal Papa. Und er hadert öffentlich damit, nicht genug Zeit für die Familie zu haben. Er musste sich verspotten lassen, weil er wenigstens einen Tag in der Woche seine zweite Tochter in die Kita bringen wollte. Eine Kanzlerkandidatur hätte ihn auch über die Geburt seines nächsten Kindes hinweg voll in Beschlag genommen. Im Stern berichtet er, auch "private Gründe" hätten ihn zum Verzicht bewogen. "Heute bin ich wirklich ein glücklicher Mensch. Ob ich es auch wäre, wenn ich meine Familie noch weniger sehen würde als jetzt schon, weiß ich nicht."

Alles in allem ist Gabriel nicht der Richtige für den Job. So erklärt er es zumindest dem Stern. "Um einen Wahlkampf wirklich erfolgreich zu führen, gibt es zwei Grundvoraussetzungen: Die Partei muss an den Kandidaten glauben und sich hinter ihm versammeln, und der Kandidat selbst muss es mit jeder Faser seines Herzen wollen. Beides trifft auf mich nicht in ausreichendem Maße zu."

Am Ende steht der Satz, der alles erklärt: "Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht."

Schulz hingegen will den Job. Er muss ihm nicht nachgetragen werden. Und schon damit hat er Gabriel einiges voraus.

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