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Jemen und Libyen:"Die Menschen sterben zu Hause"

People arrange graves at a cemetery where victims of the coronavirus disease (COVID-19) are buried in Taiz

Trauernde besuchen Gräber auf einem Friedhof in Taiz. Ihre Angehörigen fielen dem Coronavirus-Krankheit zu Opfer.

(Foto: Anees Mahyoub/Reuters)

In Jemen eskalieren Bürgerkrieg und Pandemie gleichzeitig. Bald könnten dort mehr Menschen an Covid-19 sterben als an den Kriegsfolgen. Auch in Libyen wird die Lage dramatischer.

Von Paul-Anton Krüger

Glaubt man den offiziellen Verlautbarungen der Huthi-Miliz, dann gibt es in den von ihr kontrollierten Teilen Jemens kaum Corona-Infektionen. Spricht man allerdings mit Bewohnern der Hauptstadt Sanaa, ergibt sich ein völlig anderes Bild. So berichtet ein Gewährsmann am Telefon, dass sich die Menschen schlichtweg nicht in die Krankenhäuser trauten. Die Sorge vor dem Stigma in der Nachbarschaft hält sie ab, Gerüchte um angebliche Ansteckungen in den Kliniken und Fehlinformationen über die Behandlung, aber auch das Wissen, dass sie in den Krankenhäusern ohnehin kaum Hilfe zu erwarten haben. Essen und Medikamente müssen die Verwandten besorgen. Im ganzen Land gibt es nur 500 Beatmungsgeräte für die etwa 28,5 Millionen Menschen, davon funktionieren nur etwa 150 - in Sanaa gibt es sechs Intensivbetten für Covid-Patienten.

"Die Menschen sterben zu Hause", sagte der Mann - dort könnten die Angehörigen sie zumindest in Würde pflegen. Auf den Friedhöfen werden deutlich mehr Menschen bestattet als vor der Pandemie. In Taizz, der drittgrößten Stadt des Landes, können die Totengräber die Arbeit nicht mehr bewältigen. Kaum jemand traut sich, offen über die Lage im Norden zu sprechen. Viele fürchten Repressalien durch die Huthis, die immer paranoider und brutaler versuchen, die von ihnen beherrschten Regionen im Griff zu halten. Internationale Hilfsorganisationen arbeiten seit Monaten unter der Prämisse, dass sich in der von Unterernährung und anderen Kriegsfolgen geschwächten Bevölkerung das Virus rasant ausbreitet und versuchen, das ohnehin am Rande des Zusammenbruchs stehende Gesundheitssystem zu stützen.

Neben der Corona-Epidemie mehren sich Fälle von Cholera, Dengue-Fieber und anderen Infektionskrankheiten. Die Zahl der Corona-Toten könnte, so warnt UN-Nothilfekoordinatorin Lise Grande, bald die Zahl der Menschen übersteigen, die seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2014 an Hunger, Krankheiten und durch die Kampfhandlungen ums Leben gekommen seien - geschätzt mehr als 250 000. Offiziell hat Jemen bislang knapp 1400 Infektionen und 365 Todesfälle gemeldet. Aus dem von den Huthis kontrollierten Norden gibt es allerdings seit Mitte Mai keine Zahlen mehr, und die Testkapazitäten sind im gesamten Land sehr beschränkt.

Der Aufruf von UN-Generalsekretär António Guterres für eine Corona-Waffenruhe verhallte ungehört - im Gegenteil, der Krieg verschärft sich sogar noch. Inzwischen überlagern sich mehrere interne Konflikte, die Verwicklung der Regionalmächte Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate wird immer komplexer. Es steht sogar eine weitere Intervention durch die Türkei im Raum.

Millionen Menschen haben keinen Zugang mehr zu sauberem Wasser

Die Huthis haben alle Vorschläge für einen Waffenstillstand ausgeschlagen, auch eine von Saudi-Arabien verkündete einseitige Feuerpause ignoriert. Stattdessen feuerten sie ballistische Raketen auf Riad, die Hauptstadt Saudi-Arabiens, das die Militärkoalition anführt, die den international nach wie vor anerkannten Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi unterstützt. Sie attackierten zudem grenznahe Ziele mit Drohnen. Das Königreich antwortete mit den schwersten Luftangriffen auf Sanaa seit 2015. Alleine am 1. Juli traf das Bombardement mehr als 30 Ziele in und um die Hauptstadt, seither gab es Dutzende weitere Attacken auch in anderen Provinzen. Zudem blockiert Riad die Lieferung von Treibstoff. Seit bald vier Wochen sind die Tankstellen in Sanaa außer Betrieb. Kilometerlang stehen Autos in Schlangen. Millionen Menschen haben keinen Zugang mehr zu sauberem Wasser, die Pumpen funktionieren ohne Treibstoff nicht.

In Aden, der Metropole im Süden Jemens, liefern sich unterdessen separatistische Milizen, die von den Emiraten unterstützt werden, Gefechte mit Truppen Hadis, die Saudi-Arabien hinter sich haben. Anfangs waren die Ölmonarchien vom Golf Verbündete, inzwischen aber zeigen sich Risse in der Allianz, die einst gemeinsam gegen die Huthis kämpfte. Überdies erwägt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan offenbar, die der Muslimbruderschaft nahestehende Islah-Partei zu unterstützen. Die Emirate führen gegen die wichtigste islamistische Vereinigung des Nahen Ostens einen ideologischen Feldzug, der sich in der Unterstützung des Regimes von Präsident Abdelfattah al-Sisi in Ägypten niederschlägt, aber auch in Abu Dhabis Intervention in Libyen auf Seiten des Kriegsherrn Khalifa Haftar.

Es gibt zu wenig Testkapazitäten, deshalb dürften die offiziellen Zahlen viel zu niedrig sein

Neben Krieg und Corona verschärft ein weiterer Faktor die Krise in Jemen: Die Bereitschaft der internationalen Geber, dem Land zumindest humanitäre Hilfe zukommen zu lassen, ist so weit zurückgegangen, dass bald Krankenhäuser schließen müssen und die Lebensmittelrationen gekürzt werden müssen, auf die mehr als 20 Millionen Jemeniten angewiesen sind, um zu überleben. Bei einem von den UN ausgerichteten Spendengipfel kamen nur Zusagen von 1,35 Milliarden Dollar zusammen. Um die Hilfe auf dem bisherigen Niveau fortzuführen wären mindestens 2,4 Milliarden nötig gewesen - durch Corona aber steigt der Bedarf. Zugleich sind die Rücküberweisungen von im Ausland lebenden Jemeniten um 80 Prozent eingebrochen, weil viele durch die Corona-Krise ihre Arbeit in den Golfstaaten verloren haben. Die Preise für Grundnahrungsmittel aber sind seit April um ein Drittel gestiegen.

Auch in Libyen, wie Jemen von einem Bürgerkrieg zerrüttet, zeichnet sich trotz internationaler Appelle keine dauerhafte Waffenruhe und schon gar keine Lösung des zum Stellvertreterkrieg eskalierten Konflikts ab. Zwar sind die Kämpfe um die Hauptstadt Tripolis beendet, seit loyal zur international anerkannten Regierung der nationalen Übereinkunft stehende Milizen Haftars Truppen mit massiver Unterstützung der Türkei und von Ankara rekrutierten syrischen Söldnern zurückgeschlagen haben. Derzeit ziehen aber beide Seiten Einheiten um Sirte zusammen. Die am Mittelmeer gelegene Geburtsstadt des 2011 gestürzten und getöteten Diktators Muammar al-Gaddafi ist strategisch bedeutend für den Zugang zum sogenannten Öl-Halbmond an der Küste. Dort befinden sich sowohl wichtige Ölfelder, als auch die Verladeterminals, die Haftar blockiert.

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Sollten die Truppen der Regierung von Premier Fayez al-Serraj mithilfe der Türkei versuchen, die Stadt einzunehmen, hat Ägypten mit dem Einmarsch nach Libyen gedroht. Auch könnten dann türkische Soldaten auf russische Söldner der Gruppe Wagner treffen, einem nominell zwar privaten Unternehmen, das aber engste Verbindungen zum russischen Militärgeheimdienst GRU und zum Kreml hat. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnt, dass die Kombination aus militärischer Eskalation und Corona-Epidemie das nordafrikanische Land in eine Katastrophe stürzen könnte, weil dadurch der Spielraum für humanitäre Hilfe massiv eingeengt werde. Alleine durch die Kämpfe um die Hauptstadt Tripolis waren 400 000 Menschen vertrieben worden. Bislang verzeichnet Libyen offiziell knapp 1400 Infektionen und 35 Tote - mangels ausreichender Testmöglichkeiten dürften diese Zahlen aber deutlich zu niedrig sein.

© SZ vom 13.07.2020/cku

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