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Japan:Atombombenabwurf - "exzessive Gewalt" oder "humanitärer Akt"

Ob es einen sachlichen Grund für eine Entschuldigung gibt, ist in den USA noch immer umstritten. Die Kontroverse lebt alle paar Jahre wieder auf, Anlass ist oft der 6. August, der Jahrestag des Bombenangriffs. Als das Smithsonian-Museum 1995 den B-29-Bomber "Enola Gay" in Washington ausstellte, der die Atomwaffe abgeworfen hatte, kam es zu einem bitteren Streit. Veteranen fanden, die Ausstellung betone zu sehr die angerichtete Zerstörung; Kriegsgegner empfanden sie dagegen als zu unkritisch, streuten Asche und schütteten Blut auf das Flugzeug. Am Ende musste der Museumsdirektor zurücktreten.

Obama möchte Debatten hinter sich lassen

Kritiker sind der Meinung, die USA hätten sich in Hiroshima exzessiver Gewalt schuldig gemacht. Demnach habe Japan ohnehin vor der Kapitulation gestanden. Die Zündung der Atombombe sei reine Vergeltung für den japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor gewesen, und sei sogar rassistisch gewesen, weil sie das Leben japanischer Bürger geringschätzte.

Die Befürworter der Bombe dagegen erinnern daran, dass weitere Bodenkämpfe Tausende US-Soldaten das Leben gekostet hätten, und dass das japanische Regime seine eigenen Leute zu Tausenden in eine aussichtslose Schlacht geschickt hätte. Die Zahl der Opfer wäre nicht absehbar gewesen. Manche nennen den Bombenabwurf deswegen sogar einen "humanitären Akt", weil er die Kapitulation Japans erzwungen habe.

Unbestritten ist aber, dass den USA ein milderes Mittel zur Verfügung stand: Sie hätten die Bombe auf unbewohntem Gebiet abwerfen können. Damit hätten sie deren Zerstörungskraft vorführen können, ohne eine Stadt auszulöschen.

Obama möchte diese Debatten offensichtlich hinter sich lassen und sich der Zukunft widmen, jedenfalls den atomaren Krisenherden der Zukunft. "Nordkorea ist das schlimmste Beispiel", sagt der Präsident, "aber auch anderswo werden nukleare Technologien entwickelt, die sehr gefährlich sein könnten."

© SZ vom 27.05.2016/gal

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