Süddeutsche Zeitung

Japan:Warum Obama Hiroshima besucht

In den USA wird bis heute darüber gestritten, ob sich das Land für den Abwurf einer Atombombe entschuldigen muss. Der US-Präsident verfolgt bei seiner Reise eine eigene Agenda.

Von Nicolas Richter, Washington

Noch nie hat ein US-Präsident Hiroshima besucht. Richard Nixon war dort, bevor er ins höchste Amt gelangte, Jimmy Carter war dort, nachdem er es wieder verlassen hatte. Kein amerikanisches Staatsoberhaupt wollte je in die Verlegenheit geraten, sich für den Abwurf der Atombombe zu entschuldigen, die im August 1945 die japanische Stadt vernichtet hatte.

Wenn Barack Obama also an diesem Freitag Hiroshima besucht, wird dies eine historische Reise sein. Allerdings hat das Weiße Haus immer wieder betont: Entschuldigen wird sich Obama nicht.

Der Präsident möchte seinen Besuch als Mahnung verstanden wissen. In Hiroshima könne man des enormen Leids im Zweiten Weltkrieg gedenken, sagt Obamas Berater Benjamin Rhodes, "ein Konflikt mit Dutzenden Millionen Toten weltweit, unter ihnen so viele Unschuldige, auch unschuldige japanische Zivilisten in Hiroshima".

Die Botschaft Obamas sei also zum Teil eine Warnung an Politiker und Bürger, sich immer an die "enormen Kosten des Krieges" zu erinnern. Zweitens seien die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki Symbole für die Zerstörungskraft von Atomwaffen. Mit seinem Besuch wolle Obama die Welt ermahnen, nicht nachzulassen im Kampf gegen Proliferation. "Wir müssen die Ausbreitung von Atomwaffen verhindern, die bestehenden Arsenale abbauen und letztlich eine Welt ohne diese Waffen anstreben", sagt Rhodes.

So gesehen passt der Besuch Obamas in jeder Hinsicht zu seiner Agenda. Allgemein setzt er sich gerne über das hinweg, was in Washington als Status quo gilt. Vor wenigen Wochen hat er als erster Präsident seit der kubanischen Revolution das kommunistische Nachbarland besucht. Zweitens hat Obama den Kampf gegen Atomwaffen von Anfang an zu einer seiner Prioritäten erklärt; bereits 2009, in seinem ersten Amtsjahr, malte er bei einer Rede in Prag eine Welt ohne Nuklearwaffen aus.

Dieses Ziel hat er zwar nicht erreicht: Die Abrüstungsbemühungen mit Russland stocken, und Obama will das US-Atomarsenal sogar modernisieren. Aber er hat auch Fortschritte erzielt, den Konflikt um das iranische Atomprogramm zum Beispiel mit einem Abkommen vorläufig beendet. Obama, der während seiner bald acht Jahre an der Macht kontinuierlich vor militärischen Abenteuern gewarnt hat, besucht nun also die Stadt, in der die bisher tödlichste Massenvernichtungswaffe eingesetzt wurde.

"Als einzige Atommacht, die eine Atombombe eingesetzt hat, liegt bei den USA eine besondere moralische Verantwortung", sagte Obama 2009 in seiner Prager Rede. Aber diese Verantwortung bedeutet aus Washingtoner Sicht nicht, sich für den Abwurf der Bombe auf Hiroshima zu entschuldigen. Obama steht bei seinen Gegnern ohnehin in dem Ruf, sich ständig in aller Welt für Amerikas Stärke und Einfluss zu entschuldigen, und er möchte dem offensichtlich nicht neue Nahrung geben.

Atombombenabwurf - "exzessive Gewalt" oder "humanitärer Akt"

Ob es einen sachlichen Grund für eine Entschuldigung gibt, ist in den USA noch immer umstritten. Die Kontroverse lebt alle paar Jahre wieder auf, Anlass ist oft der 6. August, der Jahrestag des Bombenangriffs. Als das Smithsonian-Museum 1995 den B-29-Bomber "Enola Gay" in Washington ausstellte, der die Atomwaffe abgeworfen hatte, kam es zu einem bitteren Streit. Veteranen fanden, die Ausstellung betone zu sehr die angerichtete Zerstörung; Kriegsgegner empfanden sie dagegen als zu unkritisch, streuten Asche und schütteten Blut auf das Flugzeug. Am Ende musste der Museumsdirektor zurücktreten.

Obama möchte Debatten hinter sich lassen

Kritiker sind der Meinung, die USA hätten sich in Hiroshima exzessiver Gewalt schuldig gemacht. Demnach habe Japan ohnehin vor der Kapitulation gestanden. Die Zündung der Atombombe sei reine Vergeltung für den japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor gewesen, und sei sogar rassistisch gewesen, weil sie das Leben japanischer Bürger geringschätzte.

Die Befürworter der Bombe dagegen erinnern daran, dass weitere Bodenkämpfe Tausende US-Soldaten das Leben gekostet hätten, und dass das japanische Regime seine eigenen Leute zu Tausenden in eine aussichtslose Schlacht geschickt hätte. Die Zahl der Opfer wäre nicht absehbar gewesen. Manche nennen den Bombenabwurf deswegen sogar einen "humanitären Akt", weil er die Kapitulation Japans erzwungen habe.

Unbestritten ist aber, dass den USA ein milderes Mittel zur Verfügung stand: Sie hätten die Bombe auf unbewohntem Gebiet abwerfen können. Damit hätten sie deren Zerstörungskraft vorführen können, ohne eine Stadt auszulöschen.

Obama möchte diese Debatten offensichtlich hinter sich lassen und sich der Zukunft widmen, jedenfalls den atomaren Krisenherden der Zukunft. "Nordkorea ist das schlimmste Beispiel", sagt der Präsident, "aber auch anderswo werden nukleare Technologien entwickelt, die sehr gefährlich sein könnten."

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SZ vom 27.05.2016/gal
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