bedeckt München 15°

Italien vor der Wahl:Auf den ersten Blick: unregierbares Chaos

Wahrscheinlich würde er dann mit seinen radikalen, ohnehin unliebsamen und politisch ziemlich unvereinbaren Partnern brechen. Er könnte stattdessen bei der Bildung einer großen Koalition helfen und sich dafür erneut, wie 2013, dem sozialdemokratischen Partito Democratico andienen für eine europafreundliche, moderate, reformerische Regierung im politischen Zentrum. Das ist das Wunschszenario des Auslands, die Stabilitätsvariante. Die Frage ist nur, ob es Forza Italia, Partito Democratico und Alliierte auf 40 Prozent bringen. Reicht es nicht, würden sich sicher da und dort Überläufer finden lassen. Während des Wahlkampfs stritten beide Lager ab, miteinander koalieren zu wollen. Im Subtext ihrer Dementi stand aber immer: Wir werden nicht zulassen, dass das Land in die Hände der "Extremisten" fällt.

Theoretisch und arithmetisch ist nämlich auch ein solches Szenario möglich: eine Koalition der Populisten - Cinque Stelle, Lega, Fratelli d'Italia. Das Brüllerbündnis, das Schreckensszenario. Inhaltlich eint sie etliches: die Skepsis gegenüber Europa und dem Euro, aus dem aber plötzlich niemand mehr austreten will, die Lust nach nationaler Abschottung und Strafzöllen, die Nähe zu Wladimir Putin, die Abneigung gegen das obligatorische Impfen, zunehmend auch die Haltung in der Immigrationsfrage. Dennoch: Eine solche Kombination ist sehr unwahrscheinlich. Die Parteien würden innerlich daran zerbrechen; und Italiens Staatspräsident, der den Regierungsauftrag vergibt, wird das Land davor bewahren wollen.

Politik Italien Klare Mehrheit für die Irrwitzigen
Italien

Klare Mehrheit für die Irrwitzigen

Proteste, Gegenproteste und immer wieder Silvio Berlusconi: Die politische Stimmung in Italien ist aufgeheizt. Vor der anstehenden Parlamentswahl kommt es zu Demonstrationen.   Von Oliver Meiler

Rechnerisch sind auch andere abenteuerliche Varianten möglich. Zum Beispiel ein Zweckbündnis zur Verhinderung der gesamten Rechten: Cinque Stelle, Sozialdemokraten und Linke. Das käme auf fast 60 Prozent. Oder eine große Koalition nach "deutschem Vorbild", wie es in Italien genannt wird: Forza Italia (in der Rolle der CDU), Partito Democratico (als SPD) und Lega (die man mittlerweile reichlich fahrlässig mit der CSU vergleicht). Sollten alle Bemühungen missraten, dem Land eine neue Regierung zu geben, gäbe es noch das "Tutti-dentro"-Szenario, in dem alle Parteien miteinander regieren - jedoch nur kurz, bis ein neues Wahlgesetz gefunden wäre und bald darauf frisch gewählt werden könnte.

Diese letzte Eventualität ist vielleicht von allen die unwahrscheinlichste. Denn wer in Italien mal ein Parlamentsmandat gewonnen hat, samt netter Privilegien und stattlicher Besoldung, der neigt eher nicht dazu, es gleich wieder abzugeben. Gerade bei den Cinque Stelle muss die Lust auf eine schnelle Auflösung der Kammern besonders klein sein: Laut Parteireglement müssen Parlamentarier der Fünf Sterne nämlich nach zwei Mandaten aufhören. Für viele Parteigrößen, die schon in der vergangenen Legislaturperiode im Senat oder in der Abgeordnetenkammer saßen, wäre dann Schluss. Auch für Luigi Di Maio, den jungen Chef der Partei.

So darf man davon ausgehen, dass Italien auch dann eine Regierung finden wird, wenn der Wahlausgang auf den ersten Blick eher nach unregierbarem Chaos anmutet. 65 Kabinette in 70 Jahren - die Italiener haben eine gewisse Erfahrung gesammelt in dieser Disziplin, im Formen und Schustern von erstaunlichen Allianzen. Manche würden sagen: eine Meisterschaft. Für fast jedes Szenario gibt es einen Präzedenzfall aus der Ersten Republik, von 1948 bis 1993, als zuweilen fünf Parteien miteinander regierten.

Die Akteure sind heute zwar andere, und manche Parteien hinterfragen das System insgesamt. Doch in den italienischen Institutionen stecken Kultur und Traditionen aus sieben Jahrzehnten. Staatspräsident ist ein Mann, der in der Prima Repubblica groß geworden ist. Der linke Christdemokrat Sergio Mattarella ist ein Ausbund an Ruhe und Mäßigung. Bis der mal fertig sondiert und konsultiert hat, regiert in Rom Paolo Gentiloni, der geschäftsführende bisherige Premierminister. Auch er ist ein Mann von sprichwörtlicher Vertrauenswürdigkeit. Vielleicht schaut die Welt deshalb so gelassen auf das wählende Italien.

Politik Italien Berlusconi und ich

Wahl in Italien

Berlusconi und ich

Da ist er wieder: Silvio Berlusconi, tausend Mal tot gesagt und wieder quicklebendig, ein vorbestrafter Steuerbetrüger, der erneut Premier werden will. Fasziniert hat unser Autor die Karriere des "Cavaliere" als Korrespondent verfolgt.   Von Stefan Ulrich