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Wahl in Italien:Berlusconi und ich

Silvio Berlusconi

Der Untote: Silvio Berlusconi tourt wieder durch die Talkshows

(Foto: REUTERS)

Da ist er wieder: Silvio Berlusconi, tausend Mal tot gesagt und wieder quicklebendig, ein vorbestrafter Steuerbetrüger, der erneut Premier werden will. Fasziniert hat unser Autor die Karriere des "Cavaliere" als Korrespondent verfolgt.

Kann das sein? Ja, das kann es. Da ist er wieder. Auferstanden aus Skandalen, Prozessen, Demontagen, tausend Mal tot gesagt und wieder quicklebendig. Der Mann im dunkelblauen Anzug mit der Tupfenkrawatte von Marinella. Das Reptiliengesicht mit dem Haifischlächeln. Der "Caiman", so haben sie ihn früher genannt. Treffend.

Er steht wieder auf den Bühnen, grinst aus den Talkshows, prangt von den Plakaten. Kein Entkommen, nicht in Italien. Er breitet die Arme aus über seinem Volk, reckt seinen Feinden den Zeigefinger entgegen, als sei es ein Degen. Und er verspricht, wie in besten Zeiten, das Blaue vom italienischen Himmel herunter. Mehr Arbeit, mehr Lohn, weniger Steuern. Schlaraffenland für alle.

Niemand wird von ihm vergessen. Den Zahnlosen verheißt er in diesem Wahlkampf kostenlose Gebisse, den Tierfreunden steuerfreies Hundefutter. Er steht jetzt auf Tiere, besonders auf weiße Pudel, die er vor laufenden Kameras so innig liebkost, dass es diesen blümerant wird.

Die Unschuld im Blick und im Herzen, das liebe er an den Tieren, sagt er. Und dass er, der einst Italien quasi allein vor den Kommunisten rettete, nun gebraucht werde, um das Land vor den Populisten zu bewahren, vor der "Sekte" der Cinque Stelle, der Fünf Sterne. "Meno male che Silvio c`è", lautet seine Hymne (siehe Video unten). "Gut, dass es Silvio gibt." Immer noch. 2018. 24 Jahre, nachdem er in die Politik gegangen ist.

"Nach drei Stunden Schlaf habe ich genug Energie für drei Stunden Sex"

Silvio Berlusconi. Der Wiedergänger. Heute hat er mehr Haare als damals, 1994. Und man muss schon genau hinsehen, um unter der zur Maske geronnen Schminke die Spuren zu sehen, die ein exzessives Leben - "Nach drei Stunden Schlaf habe ich genug Energie für drei Stunden Sex" - und diverse Operationen in sein Gesicht gegraben haben. "Ich bin jung", ruft er, 81 Jahre alt, seinen Anhängern zu.

Bald will er, der vorbestrafte Steuerbetrüger, wieder nach dem Amt des Premiers greifen, das er bereits vier Mal besessen hat. Sein Italienisch ist dunkler geworden, altersrauer. Doch seine Sprüche sind wieder Berlusconi pur. "An Trump gefällt mir besonders Melania." Und: "Ich bin wie Batman."

Dabei ist Silvio Berlusconi 2013 definitiv beerdigt worden. Politisch. Damals, als die Justiz ihren homerischen Kampf gegen den Mailänder Medienmilliardär gewann, den man den Cavaliere nannte. Vier Jahre Gefängnis, in letzter Instanz, von denen der Ex-Premier zwar nur ein Jahr als Sozialarbeiter abbüßen musste. Aber dazu kamen der Verlust seines Senatoren-Sitzes und ein Ämterverbot bis 2019.

Das war's, dachte man, und fragte vorsichtshalber nochmal nach bei italienischen Bekannten und Kollegen. Das war's wirklich, bestätigten sie. Von diesem Schlag werde sich Berlusconi nie mehr erholen. Seine Partei zerfiel, die Getreuen suchten das Weite, das Volk spottete über seine Bunga-Bunga-Partys und die Staatsanwälte beugten sich über Akten wegen Amtsmissbrauchs und Sex mit einer Minderjährigen.

Der Magier, der Italien zwei Jahrzehnte lang hypnotisiert hatte, schien entzaubert. Er tröstete sich erstens mit seinem Pudel Dudù und zweitens mit seiner Verlobten Francesca. Jahrgang 1985. Francesca, nicht Dudù. Bye, bye Berlusconi.

Silvio Berlusconi mit seiner Partnerin Francesca Pascale 2013

Silvio Berlusconi mit seiner Partnerin Francesca Pascale 2013

(Foto: Reuters)

Zweieinhalb Jahrzehnte früher, 1990, da war Francesca noch im Kindergarten und Dudù noch nicht geboren, fiel mir ein Buch in die Hände mit dem Titel "Berlusconi - Eine italienische Karriere". Im Klappentext war von einem faszinierenden Unternehmer und Medienmogul die Rede. Neugierig geworden, kaufte ich das Buch. Ohne zu ahnen, dass ich diesen Berlusconi nie wieder loswerden würde.

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Anfang 1994, ich lebte gerade in Rom, erkannte ich den Mann mit dem öligen Siegerlächeln auf allen Fernsehschirmen wieder. "Italien ist das Land das ich liebe", sagte er. "Hier wachsen meine Hoffnungen. Hier entfaltet sich mein Horizont." Nun gehe er in die Politik, um ein heiteres, modernes und effizientes Italien zu schaffen. Gut sah er aus. Damals wusste ich noch nicht, dass seine Mitarbeiter einen Damen-Nylonstrumpf über das Kameraobjektiv gezogen hatten, um seine Züge gefälliger wirken zu lassen.

Festgesetzt wie ein Pilz auf einem morschen Baumstamm

Fasziniert verfolgte ich, wie der Herrscher über das Privatfernsehen Italien im Sturm nahm. Seine Werbemanager gründeten Forza-Italia-Fanclubs im ganzen Land, wählten telegene Parlamentskandidaten aus und versahen sie mit Wimpeln, Krawatten und Reden. Ein Startup, das einschlug. Berlusconi schrieb die Hymne der Bewegung (siehe Video unten), die bald auf allen Plätzen des Landes zwischen Turin und Trapani erklang.

Wenige Monate später gewann Berlusconi die Parlamentswahl, wurde Premierminister. Zwar stürzte er kurz darauf wegen des Abgangs eines Koalitionspartners. Doch da hatte er sich bereits in der italienischen Politik festgesetzt wie ein Pilz auf einem morschen Baumstamm.

Berlusconi erwies sich, im Rückblick, als Urvater der modernen Populisten, der Trumps, Putins, Erdoğans, Le Pens. Er spaltete das Land: Hier seine Anhänger, die redlichen, hart arbeitenden Italiener, das wahre Volk. Dort die faulen, neidischen Kommunisten und ihre Büttel, die "roten Roben", wie er die Richter nannte, die ihn, den Cavaliere, mit Prozessen zu fesseln trachteten. Berlusconi überging - wie im Lehrbuch des Populismus - die Instanzen zwischen Volk und Regierung und suchte den direkten Schulterschluss mit den Italienern.

Er suggerierte ihnen, den gierigen, korrupten, unfähigen Staat genauso zu verabscheuen wie sie selbst. Waren sie nicht alle Opfer dieses Staates? Also Verbündete. Und wenn sich dieser Staat, in Gestalt von Richtern, Behörden, Abgeordneten gegen Berlusconi stellte, stellte er sich dann nicht auch gegen das eigene Volk? Volk und Anführer gegen einen von Kommunisten verseuchten Staat - das war die Siegesformel, die Berlusconi immer wieder an die Macht brachte.

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