Heckler & Koch:Der mutmaßliche Schwindel flog durch einen Fehler auf

Für Heckler & Koch laufen die Geschäfte nun immer besser. Neben den drei ersten Problemstaaten in Mexiko hat nun auch der Staat Guerrero Interesse, der als notorisch gewaltverseucht gilt. Der Waffenverkäufer B. erfährt, dass die örtlichen Sicherheitskräfte mindestens 1500 Sturmgewehre von Heckler & Koch wünschen, aber er weiß auch, dass der Staat unter an-derem wegen Polizeigewalt verrufen ist. Beim Vertrieb von Heckler & Koch regt B. an, im nächsten Exportantrag den Staat Guerrero lieber nicht zu erwähnen.

Im Lauf der Jahre zeigt sich noch deutlicher, wie die Exportkontrolle offenbar umgangen wird. Die Mexikaner stellen Urkunden über den geplanten Endverbleib der Waffen aus, in denen genau das steht, was Heckler & Koch-Manager vorgeben, um die deutsche Bürokratie zufriedenzustellen. Gleichzeitig denken die mexikanischen Behörden gar nicht daran, ihre Gewehre nur dort zu verteilen, wo es Berlin angemessen findet. Das Militär verfrachtet die Waffen nach eigenem Ermessen dorthin, wo es die Sicherheitslage angeblich verlangt. Dieses Doppelspiel geht lange gut. Einmal frohlockt B., man habe die Konkurrenz aus Nordamerika bald endgültig ausgestochen.

Doch dann geschieht bei Heckler & Koch ein Fehler, der den mutmaßlichen Schwindel fast auffliegen lässt. Die Waffenverkäufer beantragen in Berlin nämlich einen Export von Ersatzteilen für den Staat Chiapas. Im Auswärtigen Amt ist man sofort befremdet: Ein Blick in die Akte offenbart, dass nie ein Export von G36-Gewehren nach Chiapas genehmigt wurde. Warum also braucht man dort Ersatzteile?

Die Mitarbeiter der Waffenschmiede reagieren so, wie das damals offenbar stets geschehen ist: Sie bestellen bei den Mexikanern offizielle Briefe, in denen das steht, was Berlin mutmaßlich lesen will. Diesmal weisen sie die Mexikaner an, diese sollten doch bitte mitteilen, dass sie Chiapas irrtümlich erwähnt hätten.

Der Zwischenfall zeigt, wie das deutsche Dilemma selbst die Bundesregierung spaltet. Im Außenministerium, dem Hort politischer Bedenken, hat man jetzt Verdacht geschöpft und möchte die seltsame Chiapas-Geschichte in Mexiko selbst aufklären. Das Wirtschaftsministerium dagegen, besorgt um lukrative Aufträge, entgegnet, es reiche doch, wenn ein Diplomat mal in den Staat Chiapas reise und nachsehe, ob Polizisten deutsche Gewehre in den Händen hielten. Noch erstaunlicher ist es, dass das Wirtschaftsministerium Heckler & Koch offenbar vorwarnt: Es informiert die Waffenschmiede darüber, dass nun in Mexiko ermittelt werde. Laut Staatsanwaltschaft gibt es für eine solche Indiskretion keinerlei Rechtsgrundlage.

Nun verdichtet sich der Konflikt in der deutschen Botschaft in Mexiko. Der dortige Chef des politischen Referats reist Ende 2006 in den Staat Chiapas, wo die Polizei mit Gewehren patrouilliert. Der Diplomat sieht aber kein G 36. Als er nachfragt, erklären ihm die Sicherheitskräfte, ihre Waffen stammten aus Asien. Gleichzeitig bearbeitet Heckler & Koch einen Vertrauensmann, der in der deutschen Botschaft in Mexiko arbeitet: Die Waffenschmiede unterrichtet ihn vorab über die anstehenden Ermittlungen, offenbar in der Hoffnung, diese lenken zu können. Am Ende meldet der Vertrauensmann nach Berlin, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Waffen falsch verwendet würden. Ob er gelogen hat, ist unklar. Die Staatsanwaltschaft schließt jedenfalls aus der Episode, dass die Beschuldigten nicht einmal Halt davor gemacht hätten, die Ermittlungen der deutschen Botschaft zu beeinflussen.

Irgendwann schien selbst Heckler & Koch von den mutmaßlich kriminellen Tricksereien überfordert zu sein. Er mache drei Kreuze, wenn der Fall vorbei sei, erklärt einmal ein Mitarbeiter. So langsam, sagt er intern, blicke er selbst nicht mehr durch, was echt oder erfunden sei.

© SZ vom 23.04.2018/fued
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