Frankreich:Erst gedemütigt, jetzt umworben

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Waffenstillstandstag in Frankreich

Gekommen, um zu versöhnen: US-Vizepräsidentin Kamala Harris mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

(Foto: Ludovic Marin/dpa)

Bei ihrem Besuch in Paris beschwört US-Vizepräsidentin Kamala Harris die amerikanisch-französische Freundschaft.

Von Nadia Pantel, Paris

Der 11. November ist in Frankreich ein Tag des Gedenkens, ein Feiertag für die gefallenen Soldaten und eine Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs. In diesem Jahr war der 11. November zusätzlich auch ein kleiner Tag des Triumphes. Denn zu den Gästen, die sich in Paris am Triumphbogen sammelten, gehörte auch die amerikanische Vizepräsidentin Kamala Harris. Seit Dienstag ist Harris in der Stadt, es ist ihre erste Europareise. Bei ihrem Besuch in Frankreich geht es nicht nur um ein Kennenlernen, es geht darum, den Streit zwischen den beiden Ländern endgültig beizulegen.

Wie wichtig den USA dieser Paris-Aufenthalt ist, zeigt sich allein schon daran, dass Harris ganze vier Nächte bleibt. Aus dem zur Seite geschubsten Frankreich, das beim U-Boot-Deal leer ausginge, ist wieder das umworbene Frankreich geworden.

Für Staatspräsident Emmanuel Macron bedeutet dies auch, dass seine Strategie des sehr öffentlichen Ärgerns aufging. Nachdem die USA im September gemeinsam mit Großbritannien und Australien die neue Sicherheitsallianz Aukus für den Indopazifikraum gegründet hatten, sah sich Frankreich auf der Weltbühne brüskiert und isoliert. Und außerdem um einen milliardenschweren Rüstungsauftrag für U-Boote gebracht. Frankreich sprach von Verrat, von einem "Dolchstoß", und rief seinen Botschafter aus den USA zurück.

Während Washington zunächst zu glauben schien, man könne den französischen Ärger einfach aussitzen, haben die vergangenen Monate gezeigt, dass Macron geschickt seine Wut in politisches Kapital verwandeln konnte. Der Besuch von Harris ist der dritte Schritt in einem amerikanischen Reue-Reigen, der mit einer Paris-Reise des frankophilen US-Außenministers Antony Blinken Anfang Oktober begann und dann beim G-20-Gipfel in Rom mit einer Art Entschuldigung von Präsident Joe Biden fortgesetzt wurde. Dieses Glätten der Wogen hat die beiden Länder nun einander nicht nur wieder näher gebracht hat. Es hat die Biden-Regierung zu einer engen Auseinandersetzung mit französischen Befindlichkeiten und Bedürfnissen gezwungen.

Der Besuch hatte alles, was man sich von einer Versöhnungsgeste wünschen kann

Harris' Besuch hatte nun alles, was man sich von einer Versöhnungsgeste wünschen kann: persönlich, geschichtsbewusst und in die Zukunft gewandt. Zunächst besuchte die US-Vizepräsidentin die Labore des Institut Pasteur in Paris. Ihre Mutter Shyamala Gopalan hatte in den 1980er-Jahren im Institut Pasteur zur Bekämpfung von Brustkrebs geforscht. Harris sagte zu den anwesenden Forschern, "einige der wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen waren hier durch die Zusammenarbeit französischer und amerikanischer Wissenschaftler möglich".

Am Mittwoch besuchte Harris dann den amerikanischen Friedhof in Suresnes, nicht weit von Paris, auf dem 1500 amerikanische Soldaten liegen, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Am Donnerstag gedachte sie am Triumphbogen schließlich gemeinsam mit Macron der gefallenen Soldaten. Es war ein Moment, der die jahrhundertealte Allianz der zwei Länder betonte. Harris nahm auch an einem Staatsakt für den Offizier Hubert Germain teil, der im Zweiten Weltkrieg für Frankreichs Befreiung gekämpft hatte. Germain war im Oktober im Alter von 101 Jahren gestorben. Macron begann seine Rede am Donnerstag mit der Frage: "Wären wir heute hier ohne Hubert Germain?"

Diese zwei Pfeiler des französischen Selbstverständnisses, die historische Unabhängigkeit des Landes, symbolisiert durch die Kämpfer der Résistance, und das enge Bündnis mit den USA standen an diesem 11. November also im Zentrum der Feierlichkeiten. Und gleichzeitig auch im Fokus der Politik. Denn tatsächlich führt die französische Position immer wieder zu Spannungen. Genau wie seine Vorgänger betont auch Macron die Wichtigkeit der militärischen Stärkung Europas, die "strategische Autonomie", wie er es nennt. Die EU brauche eine stärkere gemeinsame Verteidigungspolitik, so Macron. Gleichzeitig dürfe dadurch die Nato nicht geschwächt werden.

Dieser zweite Aspekt der französischen Position wird innerhalb der EU gerne überhört, beziehungsweise von Paris besonders leise gesagt. Im Falle des Aukus-Eklats und des Streits mit den USA kann man die Tücken dieser Unabhängigkeitsrhetorik sehen. Die EU-Partner erklärten sich nur schwerfällig solidarisch mit Frankreich. Als müsse jemand, der von Autonomie spricht, eben auch mit Gegenwind rechnen.

Gleichzeitig zeigt Macron seit Beginn seiner Amtszeit 2017, wie wichtig ihm eine enge Partnerschaft mit den USA ist. Wenige Staatschefs umwarben den damaligen amerikanischen Präsidenten Donald Trump so offensiv wie Macron. Politische Ergebnisse brachte diese Kumpelei jedoch nicht.

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