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Großbritannien:Johnson hat einiges zu verlieren - und wenig zu gewinnen

May wird als gnadenlos gute Verhandlerin beschrieben. Das dürfte auch nötig sein, wenn sie bestmögliche Bedingungen für den Ausstieg aus der EU herausholen will.

Wenn sie so gut ist, wie manche sagen, dann wird sie auch wissen, dass die Verhandlungen manche Stolperfallen bergen. Einige Versprechen des Brexit-Lagers werden nicht zu erfüllen sein. Erst recht nicht, wenn Großbritannien weiter Zugang zum EU-Binnenmarkt haben will.

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Der steht auf vier Säulen, die alle Teilnehmer des Binnenmarktes akzeptieren müssen: freier Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital - und von Personen. Letzteres, haben die Brexit-Freunde versprochen, werde es künftig nicht mehr geben.

Wenn ein zentrales Versprechen wie dieses eingesammelt werden muss, will May nicht die Schläge abbekommen. Sie kann dann entspannt ihren Außenminister Johnson vorschicken, auf dessen Mist solche Versprechen gewachsen sind. Rücktritt wegen nichtgehaltener Wahlversprechen nicht ausgeschlossen.

Werden die Verhandlungen allerdings ein Erfolg, kann sich May als Premierministerin jederzeit an die Spitze stellen und die Lorbeeren ernten.

Auf die Loyalität von Johnson kann sie zumindest hoffen. Der braucht sie mehr als sie ihn. Vor zwei Wochen wollte er noch Premier werden. Die Aussicht auf das Amt des Regierungschefs, sagen manche, sei der einzige Grund gewesen, weshalb er sich so massiv in den Wahlkampf geschmissen habe. Er sei im Grunde gar kein EU-Gegner. Aber besessen von der Idee, einmal das Land zu regieren.

Kaum jemand hatte Johnsons Namen auf dem Zettel

Doch dann verzichtete er vergangene Woche überraschend auf eine Kandidatur, nachdem sein Brexit-Weggefährte Michael Gove sich ihm überraschend in den Weg gestellt hatte. Johnson hatte sich verzockt. Kaum jemand hatte seinen Namen danach noch für höhere Ämter auf dem Zettel. Schon gar nicht, nachdem Brexit-Befürworterin Andrea Leadsom ihre Kandidatur am Montag zurückzog. Ihr hatte Johnson in der Woche zuvor noch seine Stimme versprochen. Nicht Theresa May.

Jetzt hat May ihm eine weitere Chance gegeben. Womit sie vor allem sich selbst einen Gefallen tut. Johnson hat in dieser Situation einiges zu verlieren und wenig zu gewinnen. Wenn er versagt, wird er sich davon kaum erholen. Macht er seinen Job gut, wird davon vor allem May profitieren. Johnson wird so zu einem Garant für eine möglicherweise lange Amtszeit von Theresa May.

© SZ.de/gal/ghe
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