Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Darum Boris Johnson

Der frühere Londoner Bürgermeister hat sich auf internationalem Parkett bisher eher blamiert. Dennoch hat seine Berufung zum Außenminister für die neue Premierministerin entscheidende Vorteile.

Es ist nicht klar, welcher seiner bisherigen Fehltritte auf internationalem Parkett Boris Johnson für das Amt des Außenministers qualifiziert. Ist es sein Ausfall gegenüber US-Präsident Barack Obama, den Johnson im April als "Teil-Kenianer" bezeichnete, nachdem Obama den Briten geraten hatte, in der EU zu bleiben? Ist es sein Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, in dem er dessen angeblichen Hang zum außerehelichen Beischlaf mit Paarhufern thematisierte? Oder war es sein harter Bodycheck, mit dem er im vergangenen Oktober einen zehnjährigen Schüler in Japan während eines Rugbyspiels ummähte?

Solcherlei Geschichten über Johnson gibt es reichlich. Und alle sprechen eher dafür, diesen Mann weder mit dem Außenministeramt noch mit der Leitung eines Cricketclubs in Cornwall zu betrauen.

Für die neue britische Premierministerin Theresa May hat die Berufung des früheren Londoner Bürgermeisters allerdings ein paar handfeste Vorteile. Mit Johnson bindet sie den prominentesten Brexit-Befürworter an hervorgehobener Stelle ein. Johnson war das Gesicht der Leave-Kampagne in Großbritannien. Er hat mehr als alle anderen Brexit-Befürworter die Massen bewegt. Und so dafür gesorgt, dass am 23. Juni 52 Prozent der britischen Wähler für den Austritt aus der EU stimmten.

Gut, mit der Wahrheit hat es Johnson nicht immer so genau genommen: Von ihm stammt die Aussage, das Land gebe jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU und das Geld werde besser in das staatliche Gesundheitssystem NHS gesteckt. Der Satz war eines der zentralen Wahlversprechen der Brexit-Kampagne.

Die Zahl ist glatt gelogen, es ist höchstens die Hälfte der Summe. Und das Versprechen, das Geld nach dem Brexit dem NHS zu geben, kassierte EU-Gegner Nigel Farage von der Ukip nur Stunden nach dem Wahlsieg wieder ein. Johnsons Popularität hat das nicht geschadet.

May will sich nichts vorwerfen lassen

Mit Johnsons Berufung will May all jene in der konservativen Wählerschaft beruhigen, die argwöhnen, das Ergebnis des Referendums werde jetzt verwässert. Diejenigen, die fürchten, die EU-Freunde unter den Tories planten jetzt schon den Exit aus dem Brexit. Darum hat May schon während ihrer Kandidatur erklärt: "Brexit heißt Brexit."

Und darum hat sie neben Johnson noch dem EU-Skeptiker David Davis einen wichtigen Job gegeben. Er soll als "Brexit-Minister" die Austrittsverhandlungen vorbereiten und auf Arbeitsebene führen. May will sich an der Stelle nichts vorwerfen lassen müssen.

May ist keine enthusiastische EU-Freundin. Ihr wird nachgesagt, dass sie sich allein aus Loyalität zu ihrem Amtsvorgänger David Cameron auf die Remain-Seite gestellt hat. Im Wahlkampf ist sie nicht groß aufgefallen. May ist eine Machtpolitikerin. Wie gut sie darin ist, beweist ihr Aufstieg zur Premierministerin.

Johnson hat einiges zu verlieren - und wenig zu gewinnen

May wird als gnadenlos gute Verhandlerin beschrieben. Das dürfte auch nötig sein, wenn sie bestmögliche Bedingungen für den Ausstieg aus der EU herausholen will.

Wenn sie so gut ist, wie manche sagen, dann wird sie auch wissen, dass die Verhandlungen manche Stolperfallen bergen. Einige Versprechen des Brexit-Lagers werden nicht zu erfüllen sein. Erst recht nicht, wenn Großbritannien weiter Zugang zum EU-Binnenmarkt haben will.

Der steht auf vier Säulen, die alle Teilnehmer des Binnenmarktes akzeptieren müssen: freier Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital - und von Personen. Letzteres, haben die Brexit-Freunde versprochen, werde es künftig nicht mehr geben.

Wenn ein zentrales Versprechen wie dieses eingesammelt werden muss, will May nicht die Schläge abbekommen. Sie kann dann entspannt ihren Außenminister Johnson vorschicken, auf dessen Mist solche Versprechen gewachsen sind. Rücktritt wegen nichtgehaltener Wahlversprechen nicht ausgeschlossen.

Werden die Verhandlungen allerdings ein Erfolg, kann sich May als Premierministerin jederzeit an die Spitze stellen und die Lorbeeren ernten.

Auf die Loyalität von Johnson kann sie zumindest hoffen. Der braucht sie mehr als sie ihn. Vor zwei Wochen wollte er noch Premier werden. Die Aussicht auf das Amt des Regierungschefs, sagen manche, sei der einzige Grund gewesen, weshalb er sich so massiv in den Wahlkampf geschmissen habe. Er sei im Grunde gar kein EU-Gegner. Aber besessen von der Idee, einmal das Land zu regieren.

Kaum jemand hatte Johnsons Namen auf dem Zettel

Doch dann verzichtete er vergangene Woche überraschend auf eine Kandidatur, nachdem sein Brexit-Weggefährte Michael Gove sich ihm überraschend in den Weg gestellt hatte. Johnson hatte sich verzockt. Kaum jemand hatte seinen Namen danach noch für höhere Ämter auf dem Zettel. Schon gar nicht, nachdem Brexit-Befürworterin Andrea Leadsom ihre Kandidatur am Montag zurückzog. Ihr hatte Johnson in der Woche zuvor noch seine Stimme versprochen. Nicht Theresa May.

Jetzt hat May ihm eine weitere Chance gegeben. Womit sie vor allem sich selbst einen Gefallen tut. Johnson hat in dieser Situation einiges zu verlieren und wenig zu gewinnen. Wenn er versagt, wird er sich davon kaum erholen. Macht er seinen Job gut, wird davon vor allem May profitieren. Johnson wird so zu einem Garant für eine möglicherweise lange Amtszeit von Theresa May.

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