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Glyphosat:Streit um Glyphosat entzweit die Regierung

Protest gegen Glyphosat-Zulassung

Aktivisten demonstrieren Mitte Mai in Berlin gegen Glyphosat. Das Unkrautmittel sorgt für Zwist zwischen dem Umwelt- und dem Agrarministerium.

(Foto: dpa)
  • CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt warnt seine Kollegin aus dem Umweltressort, Barbara Hendricks (SPD), davor, ihre Kompetenzen nicht zu überschreiten.
  • Ein Sondergremium der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Welternährungsorganisation FAO stufte ein Krebsrisiko durch das umstritten Ackergift als "unwahrscheinlich" ein.
  • Am Donnerstag kommt es zur entscheidenden Abstimmung auf EU-Ebene - Deutschland wird bisher als Zünglein an der Waage gehandelt.

Von Markus Balser, Michael Bauchmüller und Kathrin Zinkant

Die Auseinandersetzung um das Pestizid Glyphosat führt zu einem handfesten Koalitionskrach. Nachdem sich die sozialdemokratischen Minister im Kabinett, allen voran Umweltministerin Barbara Hendricks, in letzter Minute gegen die EU-weite Zulassung des Stoffes stellen, greift Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) seine Kabinettskollegin hart an: "Das Umweltressort geht mit manchem Vorstoß zu weit", kritisierte er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, "das ist doch kein Überministerium."

Vergangene Woche war bekannt geworden, dass Hendricks und Gabriel einen ausgehandelten Kompromiss der großen Koalition aufgekündigt haben. Bleibt es bei dem Dissens der Ministerien, muss sich Deutschland - bislang als Zünglein an der Waage gehandelt - bei der entscheidenden Abstimmung im Kreis der EU-Staaten am Donnerstag in Brüssel enthalten.

Eine Entscheidung über künftige Methoden der Landwirtschaft

Die Mehrheit für eine erneute Zulassung stünde damit auf der Kippe. Mit Folgen: Das Pflanzengift hat sich zu einem der wichtigsten Hilfsmittel der konventionellen Agrarindustrie entwickelt. Die Entscheidung Brüssels über die Zukunft von Glyphosat bedeutet deshalb auch eine Entscheidung über künftige Methoden der Landwirtschaft.

In Regierungskreisen verlautete am Montag, das Kanzleramt wolle zu Wochenbeginn einen letzten Schlichtungsversuch unternehmen und die Ressorts zu einer gemeinsamen Linie drängen. Doch eine Annäherung ist nicht in Sicht. Schmidt warnt bereits vor einer Eskalation des Streits um den Agrarsektor. Er habe die Sorge, dass aus Großdemonstrationen gegen die konventionelle Landwirtschaft ein Gesellschaftskonflikt wird, warnt der CSU-Minister. Dabei gehe es um einen Wirtschaftszweig, "an dem in Deutschland Millionen Arbeitsplätze hängen. Landwirtschaft und Umwelt haben gleichberechtigte Interessen. Die gilt es, miteinander auszugleichen", fordert Schmidt.

Experten: Keine Hinweise auf krebserregende Wirkung

Rückstände des Gifts lassen sich in Tierfutter, Brot, Bier, Wein, Saft und auch im Urin von Menschen nachweisen. Einer aktuellen Einschätzung zufolge stellen diese Spuren jedoch kein konkretes Gesundheitsrisiko dar. Ein Sondergremium der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Welternährungsorganisation FAO stufte ein Krebsrisiko durch das umstritten Ackergift am Pfingstmontag als "unwahrscheinlich" ein. Laut dem "Joint Meeting for Pesticide Residues" gibt es keine Hinweise darauf, dass für Menschen relevante Dosen des Herbizids krebserregend sind. Auch eine erbgutschädigende Wirkung sei bei Säugetieren nicht nachweisbar. Diese Einschätzung deckt sich mit jenen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit und des Bundesinstituts für Risikobewertung.

Gegner einer Neuzulassung berufen sich auf ein gegenteiliges Urteil eines anderen WHO-Gremiums: Die internationale Krebsforschungsagentur IARC hatte Glyphosat im März 2015 als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, die Höhe der Dosis jedoch offengelassen. Unbestritten sind aber die Gefahren für den weltweiten Artenschutz, die vom breiten Einsatz des Pestizids ausgehen.

© SZ vom 17.05.2016/bepe
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