bedeckt München

Ermittler im Mordfall Franz Ferdinand 1914:Ermittler im heikelsten Mordfall des jungen Jahrhunderts

Der Schauplatz des Attentats heute (an der Straßenecke vor der Brücke).

(Foto: Joerg Glaescher/laif)

Ob Pfeffer der beste Ermittler des Kreisgerichts in Sarajewo war, lässt sich 100 Jahre später nicht mehr klären. Fest steht jedoch, dass er es, als er die Ermittlungen am 28. Juni 1914 übertragen bekam, zunächst noch nicht mit einem Mordfall zu tun hatte: Einige Stunden bevor Princip die tödlichen Schüsse auf Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie abgab, hatte sein Komplize Nedjelko Čabrinović bereits eine Bombe auf den Konvoi des Erzherzogs geworfen. Diese verwundete jedoch nur einige Zuschauer und Offiziere aus der Entourage.

Čabrinović wurde verhaftet und Pfeffer zur Vernehmung vorgeführt. Erst nach den Todesschüssen und der Verhaftung Princips wurde Pfeffer dann zum verantwortlichen Ermittlungsrichter im heikelsten politischen Mordfall des jungen Jahrhunderts.

Pfeffer war kein sehr aggressiver Ermittler. Obwohl er bereits am 28. Juni zwei Attentäter in seinem Gewahrsam hatte, lehnte er jegliche Drohung mit Gewalt gegen die Verdächtigen oder gar Folter ab - obwohl er mit solchen illegalen Mitteln angesichts der Prominenz der Opfer wohl durchgekommen wäre. Pfeffer, scheibt Dor, "verabscheute jede Art von Gewalt".

Doch auch der Verhörstil Pfeffers war eher zurückhaltend. Nach allem, was man aus den Akten weiß, ließ der Richter die Verdächtigen in aller Ruhe erzählen, er fragte bei Widersprüchen nur gemächlich nach, manchmal erst nach Tagen; selten konfrontierte er einen Verhafteten mit anderslautenden Aussagen von Komplizen. "Pfeffer hat sehr viel zugehört und sehr wenig nachgebohrt", urteilt der Historiker Joachim Remak in seiner 1959 erschienenen Abhandlung "Sarajevo. The Story Of A Political Murder", bis heute ein Standardwerk.

Die politische Dimension des Attentats schien Pfeffer nicht so wichtig gewesen zu sein. Er versuchte, formaljuristisch so korrekt wie möglich einen Mord aufzuklären. Pfeffer hat später geschrieben, er habe freiwillige, unabhängige Geständnisse der Attentäter erreichen wollen. Diese aber wollten vor allem die Spuren verbergen, die nach Belgrad zu Dimitrijević und zur "Schwarzen Hand" führten.

Ihr eigenes Schicksal war ihnen - darin waren sie echte Fanatiker - egal. So kam es, dass die Ermittlungen rasch feststeckten: Čabrinović und Princip behaupteten einfach, auf eigene Faust gehandelt zu haben. Etwas anderes konnte ihnen Pfeffer nicht nachweisen.

Der Helfer wurde nervös - und packte aus

Dass überhaupt eine Verbindung der Attentäter nach Belgrad entdeckt wurde, war eher Zufall: Die Polizei in Sarajewo nahm in den Tagen nach dem Anschlag Dutzende Serben fest, die irgendwie verdächtig erschienen. Unter ihnen war auch der Lehrer Danilo Ilić, ein junger serbischer Nationalist und Freund von Princip. Ilić hatte den Attentätern geholfen, aber das wusste Pfeffer nicht.

Als Ilić dem Richter gegenübersaß, wurde er nervös - und packte aus. In diesem Moment wurde Pfeffer bewusst, dass in den Mord auch Personen in Belgrad verwickelt waren. "Hätte Ilić kühlen Kopf bewahrt und beim Verhör irgendeine Geschichte aufgetischt, er wäre vermutlich binnen weniger Tage wieder entlassen worden", schreibt Remak. Doch Ilić habe Angst gehabt und geredet.

Nach Ilićs Aussage wurden weitere Unterstützer der Attentäter verhaftet. Klar war nun, dass etliche serbische Staatsbeamte geholfen hatten, die Attentäter und deren Waffen nach Bosnien zu schmuggeln. Allerdings kam die Wahrheit nur langsam ans Licht. Čabrinović warf Pfeffer ein Bröckchen hin, als er den Namen von Milan Ciganović nannte, einem serbischen Bahnangestellten aus Belgrad, der den Attentätern das Schießen beigebracht hatte. Eine Mitschuld der serbischen Regierung oder Armeespitze ließ sich so aber nicht belegen, dazu waren die entdeckten Helfer zu unbedeutend.

Der Name des Drahtziehers fehlt in der Anklage

Danach dauerte es wieder Tage, bis die Attentäter einen weiteren Mitverschwörer in der serbischen Hauptstadt nannten: Major Voja Tankosić, ein Vertrauter von Geheimdienstchef Dimitrijević und ebenfalls Mitglied der "Schwarzen Hand". Näher als bis zu Tankosić ist Pfeffer an die wahren Hintermänner des Attentats nie herangekommen. Und ausgerechnet diese Verbindung in die allerhöchsten Ränge des serbischen Militärs entging Pfeffer. Insgesamt verschleierten die Attentäter ihre Auftraggeber sehr erfolgreich. In der Anklageschrift kamen weder Dimitrijević noch die "Schwarze Hand" vor.

Am 23. Juli 1914 schickte Wien das Ultimatum nach Belgrad. Auch darin wurden namentlich außer den Attentätern als Belgrader Helfer nur Ciganović und Tankosić genannt. Zuvor hatte ein nach Sarajewo entsandter Beamter aus Wien, der Pfeffers Ermittlungsakten gesichtet hatte, an seine Vorgesetzten gekabelt, es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass die serbische Regierung von dem Attentatsplan gewusst habe.

Das war Stand der Untersuchungen - aber falsch: Nicht nur hatte ein hoher serbischer Offizier den Anschlag in Auftrag gegeben. Auch Serbiens Regierungschef Pašić war schon früh im Bilde und hatte sogar (aus Furcht vor einem Krieg) versucht, die Regierung in Wien zu warnen; seine Warnung jedoch fiel (aus Furcht davor, als Verräter zu gelten) so vage aus, dass die Österreicher sie nicht verstanden.

Diese Mitwisserschaft, die Pfeffer tatsächlich unmöglich hätte herausfinden können, war vermutlich ein Grund, warum Pašić seinen Rivalen Dimitrijević später erschießen ließ.

Den Politikern war die mühsame Wahrheitssuche des Gerichtssekretärs Leo Pfeffer in Sarajewo freilich ohnehin egal. Sie wollten Krieg. Und sie bekamen Krieg.

Weitere SZ-Texte zum Ersten Weltrkrieg:

© SZ vom 28.06.2014/odg

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite