Erzherzog Franz Ferdinand Der Jäger, der zum Opfer wurde

Erzherzog Franz Ferdinand im Jahre 1911

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Er tötete hunderttausende Tiere, galt als liebevoller Vater und Ehemann, wurde vom Kaiser gedemütigt und plante den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn zu reformieren: Über Erzherzog Franz Ferdinand, dessen Tod den Ersten Weltkrieg auslöste.

Von Oliver Das Gupta

Es ist eine schier unglaubliche Zahl: 272 511*.

So viele Tiere soll Franz Ferdinand von Österreich-Este in seinem Leben geschossen haben. Wildschweine und Hasen, Rotwild und Elefanten, Löwen und Möwen. Zwei Bedienstete luden bei Jagden ununterbrochen die Büchsen seiner kaiserlichen Hoheit nach. Bumm bumm bumm.

Abschuss für Abschuss ließ der Erzherzog-Thronfolger notieren. Sein Schloss Konopischt dekorierte er mit Geweihen, Fellen und ausgestopftem Getier. Ob er halbtaub war von dem Geballer? Ob er tatsächlich eine weiße Gämse getötet hat - oh welch unheilvolles Zeichen!, raunen manche - kurz bevor er zur letzten Reise auf den Balkan aufbrach?

Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 Als die Welt brannte

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, der das alte Europa einstürzen ließ. Dem Gemetzel ging das Machtgerangel auf dem Balkan voraus. Jenseits der Großreiche von Kaiser, Zar und Sultan konkurrierten dort junge Nationalstaaten. Kein Wunder, dass sich ein Krieg entzündete - ausgelöst durch die Schüsse auf den österreichischen Thronfolger.

Gerüchte umwabern nun schon seit einem Jahrhundert die Person Franz Ferdinand, was wohl weniger an seinem Tun liegt, sondern an seinem letzten Lebenstag: Jener 28. Juni vor 100 Jahren, an dem er im offenen Wagen durch Sarajevo fuhr und erschossen wurde. Sein Tod wurde zum Zündfunken für den Krieg, der die Welt in Brand setzte - und die Voraussetzungen für den Zweiten, noch furchtbareren Weltkrieg schuf.

Weitsichtig und vorgestrig

Den Anfang des großen Gemetzels machte die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien. Einen solchen Militärschlag wollte Franz Ferdinand zu Lebzeiten unbedingt verhindern. Immer wieder forderte der austriakische Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorff so einen Krieg, immer wieder wiegelte der Erzherzog ab. Nicht etwa, weil er so friedliebend war, sondern weil er einen größeren Krieg mit Russland fürchtete, der die Monarchien in Sankt Petersburg und Wien hinwegfegen würde. Der Erzherzog sollte Recht behalten.

So weitsichtig der Thronanwärter in dieser Sache war, so vorgestrig waren viele seiner Ansichten. Franz Ferdinand war autoritär, erzkatholisch, er stellte das monarchische Prinzip über alles. Durch und durch als Habsburger, so sah sich der Erzherzog. Seine Mutter war eine Tochter des Königs beider Sizilien, der Vater ein Bruder von Franz Joseph I., dem österreichischen Kaiser. Franz Joseph aber überlebte bekanntlich nicht nur seine Gattin Sisi, sondern auch seinen suizidalen Sohn Rudolf und seinen Bruder - den Vater von Franz Ferdinand.

So avancierte Franz Ferdinand 1896 zum Thronfolger des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn, das mit der Zeit so morsch wurde wie der Kaiser alt. Dabei rechneten der Herrscher und viele andere damit, dass der Erzherzog mit den wässrigen Augen ebenfalls nicht lange lebt, weil er an Tuberkulose litt. Franz Joseph I. ließ ihn nicht mal offiziell zum Nachfolger ausrufen. Franz Ferdinand fühlte sich "von fast allen Verwandten und Freunden im Stich gelassen", heißt es in einer 1929 erschienenen Biographie über Kaiser Franz Joseph.

Franz Ferdinand wurde wieder gesund, vielleicht trugen auch eine Reise um die Welt oder sein Aufenthalt in Ägypten dazu bei. Doch die Jahre als Schwerkranker und der Umgang prägten ihn, und das nicht positiv: Er galt als schroff und bitter, zeigte kaum Demut und Versöhnlichkeit, aber dafür ein gerütteltes Maß an Menschenverachtung. Er zog über Ungarn und Juden her, schimpfte über Sozialisten und Italiener (obwohl er selbst ein Halbitaliener war). Einem Offizier verweigerte er einmal die Leitung einer Militärakademie, weil dieser evangelisch war. "Nichts ist liebenswürdig an ihm, wenig liebenswert, alles schwer, trotzig", so beschrieb der Schriftsteller Emil Ludwig ihn später. Im Volk war der Thronfolger unpopulär, was ihm offenbar egal war: "Er war kein Grüßer", meinte der Publizist Karl Kraus nach dem Attentat.

Einer von Franz Ferdinands Mitarbeitern stellte fest, sein Chef habe mit Wilhelm II. "die Impulsivität" gemeinsam - wobei von Franz Ferdinand nicht annähernd so bizarre Sprüche überliefert sind wie von dem flatterhaften deutschen Kaiser.