Bildungspolitik:Enttäuschte Liebe

Bildungspolitik: Digitale Technologien haben in vielen Klassenzimmern Einzug gehalten - vor allem in skandinavischen Ländern.

Digitale Technologien haben in vielen Klassenzimmern Einzug gehalten - vor allem in skandinavischen Ländern.

(Foto: Monkey Business Images via imago/IMAGO/ingimage)

Dänemarks Schulen sind weit vorgestoßen in die digitale Welt, Handys und Tablets gehören vielerorts zur Grundausstattung. Doch die einstige Begeisterung ist weg. Der Bildungsminister ruft zur Umkehr auf.

Von Alex Rühle

In der hiesigen Debatte um die Digitalisierung der Schulen werden die skandinavischen Länder oft als leuchtende Vorbilder genannt. Schließlich, so der Tenor, sei man in Nordeuropa technischen Neuerungen gegenüber viel aufgeschlossener als im ewig skeptischen Deutschland und habe dementsprechend früh und flächendeckend in die Modernisierung der pädagogischen Infrastruktur investiert. Das stimmt tatsächlich. Allerdings haben die skandinavischen Länder jetzt mit einem anderen Problem zu kämpfen, das man vielleicht so zusammenfassen kann: Wir haben es übertrieben.

In Schweden und Dänemark gibt es mittlerweile an vielen Grundschulen Laptops für jedes Kind, dafür sind weit und breit keine Bücher mehr zu finden. Nachdem verschiedene dänische Lehrerverbände und Pädagogik-Experten wiederholt Alarm geschlagen hatten, ein konzentriertes Arbeiten sei in vielen Klassen oder Schulen mittlerweile kaum noch möglich, veröffentlichte das dänische Schulministerium nun zwölf "restriktive" Empfehlungen, die klingen wie ein Digital-Detox-Programm für Heavy User.

Mattias Tesfaye, der sozialdemokratische Minister für Kinder und Bildung, erläuterte dazu in der Tageszeitung Politiken, die Schulen müssten "das Klassenzimmer als Bildungsraum zurückerobern". Tesfaye hatte sich bereits im vergangenen Dezember in einem Interview bei den dänischen Jugendlichen dafür entschuldigt, dass man sie zu "Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment" gemacht habe, "dessen Ausmaß und Folgen wir nicht überblicken können". Das Klassenzimmer sei nun mal keine "Erweiterung des Jugendzimmers, in dem gestreamt, gespielt und geshoppt wird". Nun schrieb er, die Schulen hätten sich den großen Tech-Konzernen zu lange unterworfen, man sei als Gesellschaft zu "verliebt" gewesen in die Wunder der Digitalwelt.

Eine Mehrheit der dänischen Schüler nutzt in nahezu jeder Schulstunde digitale Geräte

Zu den zwölf Empfehlungen gehören der Rat, Handys komplett aus den Schulen zu verbannen, und Tablets und Computer wegzusperren, wenn sie nicht im Unterricht verwendet werden. Außerdem solle man Bildschirme nur noch dann einsetzen, wenn es didaktisch und pädagogisch sinnvoll ist. Zuletzt empfiehlt das Ministerium die Einrichtung von Firewalls, die es den Schülern unmöglich machen, während der Schulzeit auf unterrichtsfremde Websites zu gelangen.

Laut der neuesten Pisa-Erhebung verbringen in keinem anderen Land der Welt die Kinder und Jugendlichen in ihrer jeweiligen Schule so viel Zeit vor Bildschirmen wie in Dänemark. So nutzen 72 Prozent der dänischen Schüler in nahezu jeder Schulstunde digitale Geräte. 30 Prozent gaben an, sie seien praktisch nonstop online. Laut einer Studie der Kinderschutzorganisation Børns Vilkår bekommen 75 Prozent der dänischen Kinder irgendwann zwischen Einschulung und dritter Klasse ihr erstes Mobiltelefon.

Die Moderaten-Partei, die Teil der Regierungskoalition ist, hat angekündigt, so schnell es geht "einige Hundert Millionen Kronen" dafür bereitzustellen, dass alle Schulen wieder mit sogenannten Büchern ausgestattet werden.

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