Deutsch-deutsche Umzüge "Es gibt hier so viel Schönes"

Maura Schwander: "Seit 2006 arbeite ich beim Umweltbundesamt in Dessau (Uba). Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mit meiner Mutter vor dem bunten Bau stand, und sie sagte: "Na, da bin ich ja froh, dass du wenigstens acht Stunden am Tag in einem schönen Haus sitzt".

Besonders um den Bahnhof herum war Dessau damals sehr grau; das war der erste Eindruck. Heute sind viele dieser Gebäude saniert, viele der Plattenbauten im Umfeld meiner ersten Wohnung stehen nicht mehr. Ich habe von Anfang an nicht so viel davon gehalten, nur etwas mit Kollegen zu unternehmen. Einen Monat nach meinem Umzug habe ich eine Stadtführung mitgemacht. Der Stadtführer und ich sind noch immer befreundet.

Maura Schwander, 41, Diplom-Chemikerin. Sie stammt aus Bergheim in NRW und arbeitet seit 2006 im Umweltbundesamt, das ein Jahr zuvor von Berlin nach Sachsen-Anhalt verlegt worden war.

(Foto: OH)

Natürlich habe ich hier Leute kennengelernt, die mit dem Leben unzufrieden sind. Ich verstehe das auch - all diese Brüche in den Biografien. Ich würde gern in die Vergangenheit reisen, um einen Morgen am Dessauer Bahnhof zu verbringen, als die Menschen noch in Scharen nach Bitterfeld in den Chemiepark gefahren sind. Ich war vor der Wende ja nie im Osten. Wenn ich Bilder von früher sehe, dann fällt mir immer auf, dass die Fassaden vielleicht nicht so bunt waren, aber Menschen auf den Straßen. Ist doch klar, dass es etwas mit den Leuten macht, wenn es immer leerer wird.

Auch das Uba ist nicht so sehr in der Stadt verankert, wie es das sein sollte. Viele Mitarbeiter pendeln nach Leipzig oder Berlin, weil ihre Familien dort geblieben sind. Mein Mann ist zu mir nach Dessau gezogen, wir haben zwei kleine Kinder. Vor kurzem bin ich zur Vorsitzenden einer Spielplatzinitiative gewählt worden, im Mai werde ich für den Stadtrat kandidieren. Mein Mann arbeitet beim Stadtmarketing. Es gibt hier so viel Schönes: das Gartenreich Dessau-Wörlitz, die Industriegeschichte um Hugo Junkers, das Bauhaus. Ich radle auf dem Weg zur Arbeit darunter durch. Jedes Mal, wenn ich dieses zeitlose Gebäude sehe, macht mich das glücklich."