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Landtagswahl in Sachsen:"Nicht Angst sollte das politische Geschäft bestimmen"

Portraet Christian Wolff (Pfarrer der Thomaskirche i.R.) vor dem Rosentaltor

Christian Wolff ist Mit-Initiator des Leipziger Bündnisses "Aufruf 2019".

(Foto: Wolfgang Zeyen)

Christian Wolff glaubt, dass die Ostdeutschen zu wenig für Demokratie streiten. Der ehemalige Leipziger Pfarrer hat ein breites Bündnis mit initiiert, das sich AfD und Pegida entgegenstellen soll.

In Sachsen wird am 1. September ein neuer Landtag gewählt. Während sich Politiker und Kommentatoren auf die Rolle der Alternative für Deutschland (AfD) konzentrieren, hofft der ehemalige Leipziger Pfarrer Christian Wolff auf eine neue Demokratiebewegung. Der 69-Jährige ist einer der Mitbegründer von "Aufruf 2019". Zur ersten Demonstration am Montag werden 2000 Menschen erwartet.

SZ: Seit dem Aufkommen von Pegida wird in Sachsen mehr über Demokratie und politische Teilhabe gestritten. Muss man der Bewegung, die mittlerweile ins rechtsradikale Milieu abgedriftet ist, dankbar sein?

Christian Wolff: Nein. Aber ich halte es mit dem Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.

Sie sind einer der Initiatoren des Bündnisses "Aufruf 2019". Was wollen sie damit erreichen?

Die Ostdeutschen haben sich in den vergangenen 30 Jahren viel zu selten an der Gestaltung des gesellschaftspolitischen Lebens beteiligt. Wir brauchen jetzt eine klare Positionierung für die Demokratie angesichts dessen, dass nationalistische Gruppierungen wie Pegida oder die AfD demokratische Grundwerte unserer Verfassung in Frage stellen. Es ist ein klares Bekenntnis zu kultureller Vielfalt, Pressefreiheit und unabhängiger Justiz - alles Dinge, die Rechtsnationalisten infrage stellen und abschaffen wollen.

Mittlerweile haben 800 Menschen ihren Aufruf 2019 online unterschrieben, für die Demonstration am Montag erwarten Sie 2000 Menschen. Allein Leipzig hat aber mehr als 500 000 Einwohner. Enttäuscht?

Ohne konkreten Anlass Menschen zusammenzurufen und eine Demo zu organisieren, ist gar nicht so einfach. Zu unserem ersten Treffen im Oktober vergangenes Jahr kamen 200 Menschen und zu einem weiteren mitten in der Adventszeit immerhin 100 Menschen. Das ist beachtlich. Wir sind ein breites bürgerschaftliches Bündnis aus Gewerkschaftern, Schülern, einfachen Bürgern - auch CDU-Mitglieder sind dabei. Jetzt können wir darüber diskutieren, was der Einzelne vermag. Ich meine: sehr viel. Früher habe ich den Konfirmanden gesagt: Grundsätzlich ist jeder genauso mächtig wie eine Angela Merkel.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Auf der einen Seite der pensionierte Pfarrer, auf der anderen die Bundeskanzlerin - hinkt der Vergleich nicht etwas?

Natürlich. Ich will nur zum Ausdruck bringen, dass eine Bundeskanzlerin kein anderer Mensch ist als du und ich. Sie kann nicht schalten und walten, wie sie will. Sie muss Kompromisse und Mehrheiten finden. Das ist im Kleinen nicht anders. Jeder Mensch hat seinen Bereich, in dem er etwas bewirken kann. Mit steigendem Alter erweitert sich dieser Bereich immer mehr und die Verantwortung wächst.

Sie beziehen sich mit dem Bündnis auch auf die friedliche Revolution, die 2019 30-jähriges Jubiläum feiert. Wollen Sie damit dem Missbrauch durch Rechtspopulisten vorbeugen?

Der Missbrauch ist schon im vollen Gange, wenn voller Hass "Wir sind das Volk" gebrüllt wird oder Pegida mit der Bewegung von 1989 verglichen wird. Wir wollen daran erinnern, wofür die friedliche Revolution stand. "Für ein offenes Land mit freien Menschen", so lautete damals die Aufschrift auf einem Plakat. Das hat doch nichts mit den Hass-Rednern von heute zu tun, die am liebsten eine Mauer um Deutschland bauen wollen.

Sie sind selbst in Düsseldorf groß geworden und kamen direkt nach der Wende nach Leipzig, um als Pfarrer an der Thomaskirche zu arbeiten. Wie war der erste Eindruck?

Die Zugfahrt glich einer Reise zurück in die Vergangenheit. Draußen zogen Häuserfronten vorbei, die so aussahen wie bei uns in den 50er Jahren. Zerschossene Fassaden, grau-schwarz vom Ruß. Das erinnerte mich an meine Kindheit: Wenn die Hochöfen abgestochen wurden und der Ruß sich auf das Fensterbrett und auf die Wäsche legte, die meine Mutter nicht rechtzeitig reingeholt hatte. Als ich dann am Leipziger Hauptbahnhof ankam, spürte ich im Innern: Das ist eine Stadt, in der sich Zukunftsfragen entscheiden. Das gilt für ganz Ostdeutschland.

Leipzig hat sich in Sachsen zum politischen Sonderfall entwickelt. Sie waren auch Mitinitiator der Demonstrationen gegen den Leipziger Pegida-Ableger, Legida. In Leipzig gingen 35 000 Menschen auf die Straße, in Dresden waren es nie mehr als 10 000. In Leipzig ist Legida längst Geschichte, die AfD längst nicht so stark wie im Rest von Sachsen.

Ich würde eher sagen, Dresden ist der Sonderfall - Leipzig der Demokratie angemessen.

Sie sind mittlerweile recht prominent, werden für Ihr politisches Engagement auch angefeindet. Fühlen Sie sich von Ihrer evangelischen Landeskirche unterstützt?

Die Haltung der Landeskirche ist eine Katastrophe. Statt zum Ausdruck zu bringen, dass die Grundpositionen der AfD mit dem christlichen Glauben unvereinbar sind, stellt sie der Landesbischof auf eine Stufe mit allen anderen Parteien. Ich verstehe außerdem nicht, warum Pegida immer wieder die Dresdner Frauenkirche als Kulisse missbrauchen kann. Legida hat auch versucht, vor der Leipziger Thomaskirche Kundgebungen durchzuführen. Aber die Thomaskirche hat sofort eine eigene Veranstaltung angemeldet. In der Lausitz werden Kirchenmitglieder, die sich in der Flüchtlingsarbeit und gegen den Rechtsextremismus engagieren, offen angegriffen - und die Landeskirche schweigt. Da offenbart sich eine gefährliche Blindheit.

Woran liegt das denn? Die Kirche in Ostdeutschland hat gemeinhin den Ruf politischer zu sein, weil sie zu DDR-Zeiten als oppositionelle Kraft galt.

Das ist ein geschöntes Geschichtsbild. Erstens war das von Landeskirche zu Landeskirche unterschiedlich und hing stark von Einzelpersonen ab. Zweitens war die Kirche die einzige nichtstaatlich gelenkte Institution und deshalb per se politisch. Aber das bedeutete nicht, dass sie aus sich heraus eine gesellschaftspolitische Verantwortung eingenommen hat. Besonders die sächsische Landeskirche fällt heute dadurch auf, dass sie von der Obrigkeit geliebt werden will. Sie biedert sich an. So lag das Kondolenzbuch für Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl nicht im Dresdner Rathaus aus - sondern in der Frauenkirche. Der Landesbischof ließ sich auf dem Weg dorthin gemeinsam mit dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten und dem Landtagspräsidenten, ebenfalls CDU, fotografieren. Ein ähnlich symbolisches Signal gegen den Rechtsextremismus vermisse ich.

Sie selbst sind SPD-Mitglied. Ihre Partei liegt in Sachsen Wählerumfragen zufolge derzeit bei zehn Prozent. Beten Sie, dass es bis zur Landtagswahl besser wird?

Ich glaube nicht, dass das reichen wird.

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