Demokratie in der arabischen Welt:Die Unterdrückung wird enden

Demokratie in der arabischen Welt: Szene aus dem Arabischen Frühling: Libyer feiern die Einnahme des Amtssitzes des damaligen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi im August 2011

Szene aus dem Arabischen Frühling: Libyer feiern die Einnahme des Amtssitzes des damaligen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi im August 2011

(Foto: AP)

Die Araber können keine Demokratie? Doch, können sie - ungeachtet der aktuell dramatischen Situation. Aber der Weg dahin wird furchtbar.

Kommentar von Sonja Zekri

Das Herz des Herrschers war "voller Schmerz", aber sein Ton triefte vor Verachtung: So etwas wie ein "Volk" gebe es gar nicht, "nur unvorstellbare Massen ohne patriotische Idee, randvoll mit religiösen Traditionen und Absurditäten, ohne gemeinsame Bindung, offen für das Böse, mit einer Neigung zur Anarchie und stets bereit, sich gegen jede Regierung zu erheben". So schrieb es der irakische König Faisal im Jahr 1933. Will man da heute womöglich heimlich nicken? Ist sie nicht so, die arabische Welt? Gewaltbereit, bildungsfern und fanatisch, mit Spurenelementen nur von Rationalität und Toleranz? Der Araber - entweder Elendsgestalt oder Terrorist?

Das reiche Libyen versinkt - unbeachtet von den eifrigen Anti-Terror-Kriegern - in der Unregierbarkeit. Stämme, Clans und Städte befehden einander, zerstören Flughäfen und Infrastruktur. Im bettelarmen Jemen belagern schiitische Huthi-Milizen die Hauptstadt, bei Kämpfen mit sunnitischen Islamisten starben am Wochenende mehr als 100 Menschen. Hier wie dort explodiert die Gewalt im Machtvakuum nach dem Sturz des Despoten.

Misstrauische Beobachter

Der furchtbare Siegeszug des Islamischen Staates ist eine Folge des US-Einmarsches im Irak, aber auch des syrischen Bürgerkrieges. Ägypten schämt sich seiner Revolution, schiebt sie sicherheitshalber Amerika und Israel in die Schuhe und flüchtet sich in die alte Unentschiedenheit. Als Europa den Aufständischen zujubelte auf dem Tahrir-Platz und in Tunis, in Bengasi, Homs und Sanaa, damals vor dreieinhalb Jahren, einer Ewigkeit - hätte der Westen das Freiheitspathos als Täuschung erkennen müssen?

Es wäre ja nicht das erste Mal. Die irakische Monarchie wurde in den Fünfzigern gestürzt, auch in Ägypten und Syrien, Jemen und Libyen endeten die Kolonial- und Feudal-Regime. Aber auch damals folgten dem Untergang der Unrechtsregime neue Putsche und Kriege. Dann gerann die Unruheregion zu säkularen Despotien, gegen die die Menschen ein halbes Jahrhundert später im Arabischen Frühling auf die Straße zogen - bis sich am Ende wiederum Autokraten als Retter präsentieren, General Sisi in Ägypten, der obskure Ex-General Haftar in Libyen.

Manche Beobachter waren von Anfang an misstrauisch. Israel beispielsweise lebte wunderbar mit Ägyptens Mubarak und auch mit Syriens Assad. Viele christliche Würdenträger in Tripolis, Kairo oder Damaskus fanden damals und finden heute alle erdenklichen Ausreden für Folter und Mord an Regimegegnern: Demonstranten, womöglich Islamisten, haben keinen Anspruch auf Nächstenliebe. Auch die satten Eliten warnen eindringlich vor Demokratie, solange der Rest der Gesellschaft so schrecklich ungebildet sei.

Steiniger Weg

Dabei verwenden sie ihren Wohlstand und ihre Bildung vor allem darauf, die restlichen vier Fünftel der Gesellschaft von Wohlstand und Bildung fernzuhalten. Vor drei Jahren weinten viele Menschen, als die Gefängnisse in Tripolis und Kairo sich öffneten. Heute wenden sie sich ab, wenn sie von Freiheit hören und glauben, was man ihnen einflüstert: Wir sind noch nicht so weit, oder, drastischer: Araber können keine Demokratie.

Aus deutscher Sicht übrigens entfällt diese Lesart. Wenn ein Land nach Auschwitz wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen und zu einer modellhaft stabilen Demokratie heranreifen konnte - dann haben andere Gesellschaften keine Ausreden. Kein Abgrund war tiefer, kein Weg war weiter.

Politisch produktiver aber ist die Frage, wie die Region aus jenen Zyklen des Aufruhrs und der Unterdrückung ausbrechen kann. Viele der heute vermeintlich unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Ethnien oder Konfessionen sind über Jahrzehnte gezielt geschürt worden von eben jenen Despoten, deren Sturz das Pulverfass später hat explodieren lassen.

Kritische Masse

Und dann: In den Fünfzigern gab es Radio, aber kein Instagram, und dieses gesteigerte Kommunikations- und Mobilisierungspotenzial lässt sich nicht mehr eindämmen. In Tunis und Kairo führten 2011 nicht Offizierscliquen Umsturzpläne aus. Millionen Menschen, vor allem Jugendliche, bildeten spontan eine kritische Masse.

Schließlich: Die Islamisten waren in den Fünfzigern eine überschaubare Kraft neben Kommunisten, Sozialisten, Panarabisten. Heute sind sie bekämpft, dezimiert, eingesperrt, aber noch immer die mächtigste politische Bewegung der Region. Heute glauben viele der neuen alten Herrscher und Thronprätendenten, sie könnten diese Veränderungen ignorieren, Forderungen nach politischer Partizipation durch Angst ersticken, statt Rechtsstaatlichkeit Privilegien schaffen und Macht monopolisieren - so wie früher. Das wird nicht gehen.

Nur wird die Zeit bis zum historischen Wendepunkt furchtbar.

© SZ vom 22.09.2014/fran/rus
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