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Debatte um Koalitionsvertrag:Überlasst die Parteien nicht den Alten

Studienanfänger 2013

Studienanfänger in einer deutschen Universität (Archivbild): Die Jungen haben es in der derzeitigen Situation doppelt schwer, von den Parteien gehört zu werden

(Foto: dpa)

Der Koalitionsvertrag steht. Aber wer soll das bezahlen? Viele befürchten: die junge Generation. Das wäre kein Wunder. In den beiden Volksparteien ist sie spärlich vertreten. Ändern können die Jungen das nur selbst, auch wenn's wehtut.

Ein Kommentar von Hannah Beitzer

Die Befürchtungen kamen schon, da war der Koalitionsvertrag noch gar nicht fertig: Union und SPD, so beklagten Gewerkschaften und Arbeitsgeber in seltener Einigkeit, wollen die Sozialkassen plündern - zulasten zukünftiger Generationen. Und jetzt, wo der Vertrag fertig ist, sehen sich viele in diesem Urteil bestätigt: Mütterrente, Rente mit 63, solidarische Lebensleistungsrente - ein teurer Spaß seien die Pläne der potenziellen großen Koalition, mehr ein Aufaddieren der jeweiligen Forderungen als ein Kompromiss. Woher das Geld kommt? Ungewiss. Und hängen bleibe die Finanzierung letztlich dann an den zukünftigen Beitragszahlern.

Aus Sicht von Union und SPD sind die Beschlüsse jedoch auf erschreckende Weise logisch. Sie geben einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie der demographische Wandel die Politik verändern könnte.

In einer alternden Gesellschaft haben eben die älteren Wähler mehr und mehr Stimmgewicht. Dazu kommt ein zweiter Aspekt: Noch schneller als die deutsche Gesellschaft altern dem Deutschen Zentrum für Altersfragen zufolge die Parteien, besonders jene, die gerade über den Kurs der kommenden vier Jahre verhandeln. Mehr als die Hälfte der SPD-Mitglieder und ziemlich genau die Hälfte aller CDU-Mitglieder ist bereits heute über 60 Jahre alt. Die CSU liegt mit 48 Prozent nur knapp darunter. Zum Vergleich: Nur etwa 25 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung gehören dieser Altersgruppe an.

Die Jungen haben es schwer

Die Jungen haben es deswegen in der derzeitigen Situation doppelt schwer, von den Parteien gehört zu werden: Erstens nimmt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ab - und damit auch ihr Stimmgewicht. Und zweitens rächt sich nun auch ihre Parteienverweigerung. Sie sind in den Parteien schlicht zu wenig präsent. Und das ausgerechnet jetzt, wo zum Beispiel die SPD-Basis über den Koalitionsvertrag abstimmen darf und somit permanent als unsichtbarer Vierter mit am Verhandlungstisch saß.

In den vergangenen Jahren wurde viel darüber geschrieben, warum die Jungen sich nicht mehr in Parteien engagieren. Verkrustet seien sie, schwerfällig, ideologisch im vorherigen Jahrhundert verhaftet. Zudem hätten sie keine Ahnung vom digitalen Wandel und den damit einhergehenden Beteiligungsmöglichkeiten - sie schafften es so schlicht nicht, die Jungen dort abzuholen, wo sie sind: im Netz. Zudem sei die junge Generation schlicht individualistischer erzogen als ihre Eltern und Großeltern, das passe schlecht zu den althergebrachten Strukturen und Milieus der Parteien.

Parteien sind mächtig

Die Kritik hat sicher ihre Berechtigung und die Parteien tun gut daran, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, warum sie eigentlich so unattraktiv für junge Leute sind. Nur zeigt sich in der gegenwärtigen Situation: Das "Nachwuchsproblem" ist weniger für die Parteien, sondern vielmehr für diejenigen ein Problem, die ihnen fernbleiben. Denn letztendlich wird eben doch dort verhandelt, wohin Deutschland in Zukunft steuert.

Die im Bundestag vertretenen Parteien sind nun einmal die wichtigsten Akteure in unserem politischen System. Alles, was darum herum ist - Bürgerinitiativen, NGOs, Institute, Protestbewegungen, Medien - ist jetzt, während der Koalitionsverhandlungen, in erster Linie: draußen. Deswegen bringt es den Jungen gerade nicht viel, dass sie sich durchaus engagieren: konkreter, punktueller und pragmatischer als ihre Eltern und Großeltern - zum Beispiel während der Bildungsproteste der Nullerjahre. Denn in den Verhandlungen zur großen Koalition spielt das keine wirkliche Rolle - anders als zum Beispiel die Meinung der SPD-Basis.

Für die Jungen bedeutet das vor allem eins: Auch wenn die etablierten Parteien träge, unmodern, bürokratisch, ideologisch rückständig und auf alle möglichen Arten unattraktiv erscheinen mögen - sie müssen da rein, wenn sie wirklich in der Politik mitmischen wollen. Und zwar so zahlreich wie möglich.

Den demographischen Wandel beeinflussen so viele externe Faktoren, dass ihn einer alleine nicht aufhalten kann. Die Entscheidung jedoch, sich in einer Partei zu engagieren, kann sehr wohl jeder alleine treffen. Das wird nicht immer Spaß machen - und es ist auch utopisch anzunehmen, dass sich Volksparteien wie SPD und Union von heute auf morgen zu Anwälten der Jugend ummodeln lassen. Doch drinnen zu kämpfen ist immer noch besser als draußen an der Tür zu kratzen.

© Süddeutsche.de/mikö

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