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Corona-Impfung:"Die Verzweiflung ist groß"

Raul Krauthausen

Raul Krauthausen setzt sich für unterschiedliche soziale Projekte ein und hat selbst einige ins Leben gerufen.

(Foto: Anna Spindelndreier)

Wann werden chronisch Schwerkranke, die zu Hause leben, geimpft? Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen über die Angst vor dem Virus, das ärgerliche politische Hickhack - und wie er es verkraftet, in seiner Wohnung festzustecken.

Interview von Edeltraud Rattenhuber

Raul Krauthausen, 40, sitzt wegen seiner Glasknochenkrankheit im Rollstuhl. Wie die meisten Menschen mit schweren Behinderungen oder chronischen Erkrankungen gehört er zur vulnerablen Gruppe. Und wie sie wartet der Aktivist, der seit vielen Jahren für die gesellschaftliche Teilhabe von Behinderten kämpft, sehnsüchtig auf die Corona-Impfung. Aber die ist für Menschen wie ihn, die außerhalb von Pflegeeinrichtungen versorgt werden, noch in weiter Ferne. Das zieht auch Angehörige, zum Beispiel Eltern behinderter Kinder, in Mitleidenschaft.

Herr Krauthausen, wie oft verlassen Sie zurzeit Ihre Wohnung?

Raul Krauthausen: So gut wie gar nicht. Ich versuche mich so weit zu schützen, wie es geht. Vor Corona war ich sehr viel unterwegs, zwei- bis dreimal die Woche auch innerhalb Deutschlands. Das hat sich seit März auf null reduziert.

Wie halten Sie das aus?

Es stellt sich ein gewisser Lagerkoller ein. Ich versuche, es mir zu Hause gemütlich zu machen und mich auf das zu konzentrieren, was noch geht - und weniger auf das, was nicht mehr geht.

Welche Hilfen können Sie in Anspruch nehmen, um Ihr Leben zu organisieren oder einzukaufen?

Ich habe das Privileg, dass ich in einem Home-Office arbeiten kann und da weiterhin mein volles Gehalt beziehe. Meine Lebensmittel lasse ich mir liefern, was in einer Stadt wie Berlin, wo ich wohne, wahrscheinlich leichter ist als auf dem Land.

Wie geht es anderen Menschen mit Behinderungen?

Die Verzweiflung ist groß. Es gibt sehr viel Unsicherheit unter den Betroffenen. Mich erreichen 20, 30 E-Mails am Tag mit Sorgen. Die Menschen wurden durch das Hin und Her der Politik unnötig verunsichert: Wer wird wann geimpft? Welche Unterstützungen gibt es wirklich? Werden Betroffene, die nicht in Heimen leben, auch bedacht? Sollten wir wirklich schon wieder lockern? Viele, die zu Hause wohnen und sich selbst ihre Pflege durch Assistenzen oder Angehörige organisieren, wurden seit März wirklich vergessen. Es gibt keine Masken, keine Desinfektionsmittel, keine Tests und auch keine Impfung für sie. Die gibt es nur für Menschen in Einrichtungen.

Warum wurden die Menschen vergessen?

Ich glaube, dass wir in Deutschland noch die sehr veraltete Vorstellung haben, dass alte und behinderte Menschen eh ins Heim gehören und dort leben. Die UN-Behindertenrechtskonvention und das 21. Jahrhundert müssten uns aber eigentlich längst gelehrt haben, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir fordern, dass die Bundesregierung endlich begreift, dass behinderte Menschen überwiegend zu Hause wohnen und dies auch ihr Recht ist. Inklusion bedeutet, am Leben teilzuhaben und nicht in Sondereinrichtungen abgeschoben zu werden.

Der Kampf um den Impftermin wird härter: Lehrer, Polizisten, Politiker, jeder will zuerst drankommen. Wann rechnen Sie damit, geimpft zu werden?

Auf diese Debatte lasse ich mich nicht ein. Jede Impfung ist eine gute Impfung. Es geht nicht um eine Art Opferwettbewerb oder darum, dass wir in der ersten Reihe stehen wollen. Sicherlich ist ganz viel Ungerechtigkeit in diesem System, was daran liegt, dass es einfach zu wenig Impfstoff gibt. Was wir aber problematisch finden, ist, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen, Menschen, die ein eingeschränktes Lungenvolumen haben, Menschen, die auf gar keinen Fall eine Lungenentzündung bekommen dürfen, weil sie sonst sterben würden - dass diese Menschen fast gar nicht erwähnt werden in irgendeiner Impfgruppe. Es sei denn, sie wohnen im Heim. Und das ist schlichtweg Diskriminierung.

Menschen mit schweren Vorerkrankungen listet die Impfverordnung jetzt in Priorität zwei, gemeinsam mit über 70-Jährigen. Geimpft werden sollen diese von April an. Ein Fortschritt?

Nein. Wenn der Impftermin pauschal an einer Diagnose festgemacht wird, wird es immer noch viele Menschen geben, die durchs Raster fallen. Fachärzte - nicht Amtsärzte, die handeln nur nach Aktenlage - sollten entsprechend der familiären Situation der Menschen entscheiden, wer schnell geimpft werden muss. Und das muss auch Angehörige einbeziehen. Zum Beispiel wenn das schwer kranke Kind im Moment nicht geimpft werden kann, die Eltern zu dessen Schutz vor Corona aber dringend eine Impfung erhalten müssen.

Was fordern Sie?

Es muss endlich geregelte Verfahren für die Einstufung in eine Impfgruppe geben. Es sieht nicht so aus, als ob das für alle Bundesländer einheitlich sein wird. In Berlin zum Beispiel gibt es ein solches Verfahren bislang nicht, in Bremen hingegen schon. Und das ist dann auch wieder eine Diskriminierung von Menschen, die zufällig im falschen Bundesland leben.

Sie scheinen sich von der aktualisierten Impfverordnung nicht viel zu versprechen.

Nein, Papier ist geduldig. Und die neuen Regelungen müssen ja erst noch von den Ländern in Verordnungen eingespielt werden. Das wird dauern.

© SZ/skle
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