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Covid-19 in Brasilien:Ohne Betäubung am Beatmungsgerät

Corona in Brasilien: Covid-19-Station in einem Krankenhaus in Porto Alegre

Szene in der randvollen Notaufnahme eines Krankenhauses in Porto Alegre

(Foto: AFP)

In Brasilien nehmen die Folgen der ungebremsten Pandemie immer dramatischere Ausmaße an. Die Patienten in den Intensivstationen werden immer jünger, sogar Kinder und Babys sterben.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

In brasilianischen Krankenhäusern sind in Folge der Covid-19- Pandemie nicht mehr nur die Betten in den Intensivstationen knapp, sondern sogar Schmerzmittel. Ärzte und Krankenhauspersonal berichten, dass Patienten ohne Betäubung intubiert werden müssen, bei vollem Bewusstsein und mit Gurten fixiert an ihren Betten.

Die Zahl der offiziell mit dem Virus erkrankten Menschen hat Mitte dieser Woche die Marke von 14 Millionen überschritten, allein diesen Monat könnten bis zu 100 000 Menschen an oder im Zusammenhang mit Covid-19 sterben - und dies sind nur die offiziellen Zahlen. Im Bundesstaat São Paulo ist die Lebenserwartung zum ersten Mal seit acht Jahrzehnten gesunken, Städte wie Rio de Janeiro melden mehr Todesfälle als Geburten. Mit Sorge betrachten Experten zudem, dass die Patienten immer jünger werden.

Galt das Virus lange vor allem als Gefahr für ältere Menschen und chronisch Kranke, müssen nun immer mehr junge Brasilianer behandelt werden. Schon Anfang April meldete die Vereinigung der Notfallmediziner, dass erstmals seit Beginn der Pandemie die Mehrzahl der Patienten in Intensivstationen unter 40 Jahre alt ist. Medien berichten von Prominenten und Schauspielern, die bis vor Kurzem noch kerngesund waren, nun aber an Beatmungsgeräten hängen und in Krankenhausbetten um ihr Leben kämpfen.

Diese Woche kam dazu die Nachricht, dass in Brasilien seit Beginn der Pandemie auch mehr als 850 Kinder an dem Erreger gestorben sind, darunter 518 Säuglinge. Eine immens hohe Zahl: In Deutschland gab es laut dem Robert-Koch-Institut zwölf Todesfälle in der Altersgruppe von null bis neun Jahren. Auch wenn in Brasilien fast 2,5 Mal so viele Menschen leben wie in Deutschland, lässt sich die hohe Zahl der minderjährigen Opfer nicht mit der Bevölkerungszahl erklären. Zudem fürchten Experten ohnehin, dass die tatsächliche Todeszahl sogar noch weitaus höher liegen könnte, ganz einfach, weil Covid-19-Erkrankungen bei Kindern viel zu selten erkannt würden.

Das Land testet immer noch zu wenig

Trotz hoher Infektionszahlen testet Brasilien immer noch zu wenig. Dies führt nicht nur dazu, dass das Virus sich weiter ausbreiten kann; auch Erkrankungen mit dem Erreger werden oft erst diagnostiziert, wenn es bereits schwere Symptome und Komplikationen gibt. Anders als in Deutschland gibt es in Brasilien große Teile der Bevölkerung, die chronisch unterernährt sind, darunter viele Kinder. Ihre Körper können sich so noch weniger gegen das Virus wehren.

Der Hauptgrund für die hohe Zahl von minderjährigen Covid-19-Opfern dürfte aber vor allem die schiere Masse an Infektionen sein, die es in dem Land gibt, schätzen Experten. Das ohnehin schon angeschlagene Gesundheitssystem in dem Land kann dem Ansturm immer weniger standhalten - und so sterben immer öfter Patienten, die unter normalen Umständen hätten gerettet werden können.

Dass in Brasilien derzeit Infektionszahlen gemessen werden, die so hoch sind wie noch nie seit Beginn der Pandemie, dürfte zum einen mit der Verbreitung der Variante P.1 zusammenhängen. Sie gilt als wesentlicher ansteckender und hat sich längst über weite Teile des Kontinents verbreitet. Überall in Südamerika steigen derzeit die Infektionszahlen dramatisch an.

Ob die Variante aber auch gefährlicher ist und zu schwereren Symptomen führen kann, ist unklar. Ebenso sind sich Experten uneinig, ob P.1 auch jüngere Menschen verstärkt befällt. Auch hier verzerrt der Zusammenbruch des Gesundheitssystems die Zahlen. Gleichzeitig könnte die Tatsache, dass heute weniger ältere Menschen hospitalisiert werden, ein erster Erfolg der brasilianischen Impfkampagne sein. Zwar sind erst neun Millionen der gut 210 Millionen Brasilianer vollständig immunisiert, und nur zwölf Prozent der Bevölkerung haben bisher überhaupt eine Dosis bekommen. Viele der Immunisierten stammen aber aus Risikogruppen. War im Februar noch ein Viertel der Covid-19-Toten in Brasilien über 80 Jahre alt, sank dieser Anteil im März schon auf ein Fünftel.

Jeder Zweite hat nur einen prekären Arbeitsvertrag

Während Ältere mittlerweile entweder durch Impfungen geschützt sind oder sich zumindest von Menschenansammlungen fernhalten, setzen sich gerade junge Brasilianer der Gefahr einer Ansteckung aus. Vielen bleibt keine andere Wahl: Fast die Hälfte der Brasilianer haben nur einen prekären Arbeitsvertrag; bleiben sie zu Hause, verdienen sie nichts. Trotz hoher Infektionszahlen gab es dazu in den letzten Wochen auch immer wieder Berichte von illegalen Partys, teils mit Tausenden Besuchern, und evangelikale Kirchen feiern Messen mit Hunderten Gläubigen.

Präsident Jair Bolsonaro zeigt sich in der Öffentlichkeit zudem immer noch ohne Maske und stellt sich gegen Geschäftsschließungen und Ausgangssperren. Mittlerweile überprüft ein Untersuchungsausschuss, ob es Versäumnisse im Kampf gegen das Virus gab. Dazu mehren sich die Stimmen, die ein Amtsenthebungsverfahren fordern.

© SZ/toz
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