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Brasilien:Traurige Rekordzahlen

Coronavirus: Friedhof in Brasilien

Ein Mann schaufelt Gräber für die Opfer der Pandemie auf einem Friedhof in Manaus.

(Foto: MICHAEL DANTAS/AFP)

In Brasilien wütet Sars-CoV-2 besonders heftig. Das liegt an der neuen Mutante - aber auch an der Politik und systematischen Schwächen.

Von Berit Uhlmann

Im Frühjahr 2020 ging Manaus, tief im brasilianischen Bundesstaates Amazonas gelegen, das erste Mal durch die Hölle. Massengräber mussten ausgehoben werden, um der Opfer dieser ersten Corona-Welle noch Herr zu werden. Etwa 76 Prozent aller Einwohner waren Schätzungen zufolge mit Sars-CoV-2 infiziert. Im Dezember 2020 begann völlig unerwartet eine zweite grausame Phase. Die Zahl der Covid-19-Erkrankten stieg rapide, Kliniken waren überfordert, Sauerstoff wurde knapp. Schon jetzt hat die Stadt 40 Prozent mehr Covid-Tote zu verzeichnen als im gesamten Jahr 2020. Als Ursache gilt eine neue Variante von Sars-CoV-2 mit dem Namen P.1. Wie es zur Entstehung dieser Mutante kam, wieso Brasilien überhaupt so besonders schlimm von der Pandemie gebeutelt wird, ergründen zwei Artikel im Fachmagazin Science.

Forscher um Nuno Faria von der Universität in São Paulo gehen davon aus, dass P.1 in Manaus entstand; dort wurde die Variante auch entdeckt. Ihre Genomanalysen legen nahe, dass sich die Veränderungen zwischen Anfang Oktober und Ende November herausbildeten, am wahrscheinlichsten ist Mitte November. Anschließend hat sich die Variante schnell durchgesetzt: In nur sieben Wochen stieg der Anteil von P.1 an allen in Manaus untersuchten Sars-CoV-2-Proben von 0 auf 87 Prozent. Auf der Basis von epidemiologischen Modellen schätzen die Wissenschaftler, dass die Variante etwa 1,4- bis 2,2-fach leichter übertragen wird als das ursprüngliche Virus. Wer bereits einmal mit der herkömmlichen Variante infiziert war, sei nur zu 54 bis 79 Prozent gegen eine Infektion mit P.1 geschützt.

Wie genau es zur Entstehung dieses Mutante kam, ist unklar. Die Wissenschaftler halten ein Szenario für plausibel, das auch für die britische Variante B 1.1.7 diskutiert wird: dass sich die vielfältigen Veränderungen im Genom des Virus in einem chronisch infiziertem Patienten, möglicherweise mit eingeschränktem Immunsystem, herausgebildet haben. Relativ sicher ist, dass in der fraglichen Zeit Sars-CoV-2 noch immer in Manaus und darüber hinaus zirkulierte.

"Eine gefährliche Kombination aus Untätigkeit und falschen Reaktionen"

Brasilien stellt etwa drei Prozent der Weltbevölkerung, verzeichnet aber zwölf Prozent aller Covid-Todesfälle. Die Gründe dafür sind komplex, wie Forscher um Marcia Castro von der Harvard T. H. Chan School of Public Health in Boston analysierten. Dazu gehört, dass Sars-CoV-2 zunächst mehr als einen Monat lang unbemerkt in Brasilien zirkulierte. Große soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten im Land wirken sich auch auf die Gesundheitsversorgung aus und tragen so dazu bei, dass einige Regionen besonders hart getroffen wurden. Hinzu kommt eine unzureichende Krisenbewältigung. Städte verhängten wenig einheitliche Maßnahmen. Das Tragen einer Maske war teilweise politisch aufgeladen. "Eine gefährliche Kombination aus Untätigkeit und falschen Reaktionen", schreiben die Studienautoren. Bis heute habe sich nicht viel verbessert. Auch die Impfkampagne startet nur langsam.

Pierre Van Heddegem, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen für die Covid-19-Hilfe in Brasilien, sagt: "Die Verheerungen, die unsere Teams zunächst im Amazonasgebiet gesehen haben, sind mittlerweile im größten Teil Brasiliens Realität geworden." Auch er verweist auf fehlende Planung und Koordination der zuständigen Behörden: "Patienten sterben ohne Zugang zu medizinischer Hilfe, das Gesundheitspersonal ist erschöpft und leidet an ernsten psychologischen und emotionalen Belastungen."

© SZ/AFP/vsch
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