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Corona-Mutante:Wie gefährlich ist B.1.1.7?

Coronavirus - Intensivstation

Auf einer Berliner Intensivstation wird ein Patient mit schwerem Covid-19-Krankheitsverlauf behandelt.

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

Die Corona-Variante ist deutlich ansteckender als das Urvirus. Sie breitet sich rasant aus. Zwei neue Studien finden jedoch keine Belege für eine höhere Sterblichkeit der Infizierten. Das ist nur scheinbar beruhigend. 

Von Hanno Charisius

Die Virusvariante mit dem Namen B.1.1.7, die zuerst in England entdeckt wurde, ist sicher deutlich infektiöser als das Urvirus. Das haben inzwischen zahlreiche Studien unabhängig voneinander gezeigt. Grob geschätzt gibt ein Mensch, der mit dem Urvirus infiziert ist, den Erreger an zehn von 100 Kontaktpersonen weiter, ein mit B.1.1.7 Infizierter steckt jedoch etwa 15 von 100 Menschen an. Zahlreiche Studien weisen auch darauf hin, dass mehr Infizierte durch die Mutante sterben als durch den Viruswildtyp. Zuletzt wollen jedoch zwei Forschergruppen gezeigt haben, dass die Virusvariante die Sterblichkeit der Infizierten doch nicht erhöht. Ist B.1.1.7 also doch weniger tödlich als befürchtet?

Die Arbeiten der beiden Teams, die am Dienstag in den Fachjournalen The Lancet Infectious Diseases und The Lancet Public Health veröffentlicht wurden, reichen als Beruhigung leider nicht aus. Die erste Studie beobachtete Patienten in einem Londoner Krankenhaus und konnte bei solchen mit einer B.1.1.7-Infektion keine schwereren Verläufe oder mehr Todesfälle beobachten als bei jenen Patienten, die das Urvirus in sich trugen. Über Infizierte außerhalb der Klinik kann die Studie jedoch keine Aussage treffen. Auch erfasst sie nicht, ob durch die Mutante mehr Patienten ins Krankenhaus eingewiesen werden mussten.

Nicholas Davies, Evolutionsbiologe und Epidemiologe von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, bezeichnet den Fachartikel als "gut gemacht", und die Erkenntnisse daraus passen seines Erachtens gut zu früheren Berichten, nach denen es kaum eindeutige Unterschiede zwischen den Krankheitsverläufen von Krankenhauspatienten gibt, gleich ob sie nun mit der Mutante oder dem Viruswildtyp infiziert waren. Allerdings erfasse die Studie nicht die Wahrscheinlichkeit, mit einer Corona-Infektion auch eine Behandlung im Krankenhaus zu benötigen. Insgesamt sehe es so aus, dass B.1.1.7 jemanden wahrscheinlicher ins Krankenhaus bringt, als eine Infektion mit dem Urvirus, sagt Davies. "Aber einmal eingeliefert gibt es dann kaum noch Unterschiede im Verlauf der Erkrankung." Jedenfalls keine, die mit statistischen Methoden aus den aktuellen Daten herauszulesen seien.

Die Mutante erhöht die Wahrscheinlichkeit im Krankenhaus behandelt werden zu müssen

Demnach steht die neue Studie nicht im Widerspruch zu der viel beschriebenen Erkenntnis, dass Infektionen mit B.1.1.7 häufiger zu schweren Verläufen oder Tod führen, als Infektionen mit dem Wildtyp. Die Studie betrachtete nur das Risiko von Krankenhauspatienten, aber nicht aller Infizierten. Da aber B.1.1.7 die Wahrscheinlichkeit erhöht, im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, erhöht es auch insgesamt die Sterblichkeit durch den veränderten Erreger.

Vorhergehende Analysen hatten der Virusvariante attestiert, zu einer höheren Sterblichkeit unter den Infizierten zu führen. Bis zu 70 Prozent mehr Infizierte könnten durch B.1.1.7 sterben im Vergleich zu einer Infektion mit dem Urvirus. Insgesamt bleibt das durchschnittliche Sterberisiko durch Corona für die Einzelperson jedoch gering. Es steigt jedoch mit dem Alter drastisch an.

Die zweite Studie, die in The Lancet Public Health veröffentlicht wurde, wertete Symptome von fast 37 000 Sars-CoV-2-Infizierten aus, die diese über die Covid Symptom Study App meldeten. Die Forschenden konnten in den Meldungen keinen Unterschied erkennen zwischen jenen, die mit B.1.1.7 oder dem Urvirus infiziert waren. Was jedoch beide Studien erneut beschreiben, ist die höhere Infektiosität der Virusvariante. Selbst wenn die Infektion mit der Mutante nicht häufiger zu gefährlichen Krankheitsverläufen führen würde, steigt durch die höhere Zahl der Infektionen auch die Zahl der schweren Verläufe und Toten.

Die Covid-Patienten auf den Intensivstationen sind jünger als während der ersten beiden Wellen

Auch in Deutschland hat sich B.1.1.7 seit dem Jahreswechsel rasant ausgebreitet und ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) inzwischen für den weitaus größten Teil der Neuinfektionen verantwortlich. "Das ist besorgniserregend", schreibt das RKI in seinem Tagesbericht vom Dienstag. Nach Auffassung des RKI spielt B.1.1.7 auch eine Rolle beim Anstieg der Meldezahlen von Kindern und Jugendlichen. Die zunehmende Verbreitung und Dominanz von B.1.1.7 vermindere "die Wirksamkeit der bislang erprobten Infektionsschutzmaßnahmen erheblich", heißt es in dem Bericht. Der Anstieg der Fallzahlen insgesamt und der Infektionen durch B.1.1.7 werde zu einer deutlich ansteigenden Zahl von Hospitalisierungen und intensivpflichtigen Patientinnen und Patienten führen.

Bei der aktuellen Auslastung der Intensivstationen ist es allerdings bereits müßig, über die Folgen für das Gesundheitssystem zu debattieren, die einzelne Virusvarianten vielleicht haben oder nicht haben. Unter den vielen Patientinnen und Patienten, die gerade auf den Intensivstationen behandelt werden, sind viel mehr jüngere Menschen als während der ersten beiden Wellen. Sie liegen dort länger, weil sie nicht rasch sterben, wie viele Hochbetagte. Dadurch füllen sich die Intensivstationen schneller, Betten bleiben länger belegt. Es bleibt immer weniger Platz für Intensivfälle aller Art.

© SZ
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