bedeckt München

Bundeswehreinsatz in Syrien:Welche Rolle spielt da Deutschlands veränderte Position in der Welt?

In den vergangenen Jahren gab es eine schleichende Gewöhnung an den Gedanken, dass Deutschland auch militärisch eingreift. Das geschah auch durch einen gewissen Druck von außen, von Ländern, die aus historischen Gründen weniger Vorbehalte gegen Militäreinsätze haben als die Deutschen. Zum Beispiel die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs.

Wir sind ja auch längst in die Gemeinschaft der Völker integriert und an Bündnissen beteiligt. Wenn dann andere Länder im Namen von Menschenrechten militärische Interventionen durchführen, sagen auch hierzulande immer mehr Menschen: Deutschland kann sich da nicht dauerhaft raushalten, das wäre unfair. Egal, was man von dieser Argumentation hält, muss man konstatieren: Immer mehr Politiker geben ihr nach.

Das Wort "Krieg" nehmen Politiker in Deutschland jedoch selten in den Mund, im Fall von Afghanistan hat es neun Jahre gedauert. Woran liegt das?

Begriffe wie "militärische Intervention", "bewaffneter Konflikt" oder "gezielte Luftschläge" klingen harmloser als das bedeutungsschwere Wort Krieg, das gerade in Deutschland mit Schuld, unsäglichem Leid und einer Niederlage assoziiert wird.

Warum gelang es der Friedensbewegung nicht, ihr Mobilisierungspotenzial über den Kalten Krieg hinaus zu halten?

Die Friedensbewegung war immer organisatorisch schlecht aufgestellt; es sind nur wenige und kleine Netzwerke, die dauerhaft aktiv sind. Charakteristisch war immer, dass es externe Anlässe für größere Mobilisierungen gab - etwa massiv aufzurüsten oder Überlegungen, in einen Krieg einzutreten. Dann finden die Aufrufe der kleinen Organisationskerne plötzlich Resonanz und können innerhalb kurzer Zeit viele Menschen mobilisieren.

Es gibt ein großes aber diffuses Potenzial an Menschen, die Kriegseinsätzen kritisch gegenüberstehen. Das bedeutet aber nicht, dass sich diese Menschen dauerhaft engagieren. Wenn der externe Anlass wegfällt, ziehen sie sich wieder zurück. Darin unterscheidet sich die Friedensbewegung maßgeblich von der Umwelt- oder der Arbeiterbewegung. Die sind auch nicht ständig auf der Straße sichtbar, haben aber eine bessere Infrastruktur und sind kontinuierlicher aktiv.

Zeigt sich in der Frage nach Krieg und Frieden auch ein Generationenkonflikt?

Viele Angehörige der älteren Generation, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat, sind durch diese Erlebnisse zu überzeugten Pazifisten geworden. Im Jahr 1949 meinte sogar Franz Josef Strauß, der sich später für die atomare Bewaffnung der Bundeswehr eingesetzt hatte: "Wer noch einmal das Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen." Die pazifistische Generation hat zum Beispiel die Ostermärsche stark geprägt. Das schwindet mit dem Tod dieser Menschen.

Die junge Generation hingegen sieht räumlich begrenzte Konfliktherde, aber keinen Weltkrieg, von dem Europa betroffen sein könnte. Wir in Europa leben insofern auf einer Insel der Glückseligen. Wir beziehen Position, beteiligen uns an militärischen Einsätzen - aber die Gesamtbevölkerung droht nicht Opfer dieser Einsätze zu werden. Viele jüngere Menschen behandeln die Frage nach Krieg und Frieden daher nicht ausschließlich als eine moralische Angelegenheit. Sondern sie fragen zum Beispiel nach den politischen und ökonomischen Kosten eines Konflikts oder was passieren soll, wenn der Militäreinsatz vorbei ist. Ein solches Abwägen führt aber kaum zu einer argumentativen Gewissheit oder gar einer Geste moralischen Überlegenheit.

So ganz stimmt es ja aber nicht, dass wir von Krieg nicht direkt betroffen sind. Immerhin kommen in diesem Jahr so viele Flüchtlinge zu uns wie nie zuvor.

Das stimmt. Doch beflügelt haben die Flüchtlinge die Friedensbewegung trotzdem nicht. Dies liegt auch daran, dass für die Fluchtbewegungen ein komplexes Bündel an Ursachen verantwortlich ist. Neben Krieg spielen auch Armut, politische Ausgrenzung von Minderheiten oder gar Mehrheiten, die ökologische Verwüstung von Regionen und vieles andere eine Rolle. Die Frage nach Krieg und Frieden berührt nur eines dieser Probleme.

Dieter Rucht ist Soziologe, bis zu seiner Emeritierung 2011 arbeitete er am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und forschte unter anderem zu sozialen Bewegungen in Deutschland. Er ist Honorarprofessor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

© Süddeutsche.de/ghe
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema